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Von Reinhard Renneberg, Hongkong, und JoJo Tricolor, Cherville
28.04.2012
Biolumne

... die nackten Fakten

1
Zeichnung: Chow Ming

Wussten Sie, dass das Internet maßgeblich von nackter Haut angetrieben wird? Seriöse Statistiken belegen das, und einen wissenschaftlichen Hinweis für die Gründe gaben die Finnen Jari Hietanen (Universität Tampere) und Lauri Nummenmaa (Aalto-Universität, Espoo) kürzlich im Fachblatt »PLoS ONE«. In ihrem Experiment setzten sie 15 Männer vor einen Monitor. Diese sollten einen Knopf drücken, wenn in einer Bildfolge ein Tier auftauchte. Währendessen wurden ihre Hirnströme gemessen.

Den Forschern ging es allerdings nicht wirklich um die Tierbilder, sondern um die Reaktion auf Bilder von Körpern, Gesichtern und Autos. Sämtliche Motive lösten bereits nach weniger als 0,2 Sekunden ein Signal aus. Der Ausschlag im EEG war bei den Nackten jedoch deutlich größer als bei anderen Bildern. Das galt vor allem für Fotos unbekleideter Frauen.

Im zweiten Teil des Versuchs testeten die Wissenschaftler eine neue Gruppe, diesmal 16 Männer und 16 Frauen. Die Aufgabe war die gleiche; nur gab es diesmal drei Gruppen von Körperbildern: Nackte, mit Badezeug Bekleidete und vollständig Angekleidete. Auch diesmal lösten die nackten Körper eine stärkere Reaktion aus als Autos oder Gesichter. Dabei war eine klare Abstufung zu erkennen: Nackte Körper riefen ein heftigeres Signal hervor als solche im Badeanzug, diese wiederum ein deutlich kräftigeres als bekleidete. Dabei war es egal, ob die Gesichter der Abgebildeten verpixelt waren oder nicht.

Das gemessene Signal - nach Form und Zeitpunkt seines Auftretens N170 genannt - gilt normalerweise als typisch für das Wahrnehmen von Gesichtern. Doch im Versuch wurde es von den nackten Körpern nicht nur ausgelöst, es war meist stärker als beim Anschauen von Gesichtern. Möglicherweise kommt dieser Effekt zustande, weil Nackte eine emotionale Erregung auslösen, die das normale N170-Signal verstärkt, spekulieren die Wissenschaftler.

Klar sei bisher nur eins: Nackte Körper stehen auf der Prioritätenliste des Wahrnehmungssystems weitaus höher als bekleidete. Bedenkt man, wie lange der Mensch schon vor der Erfindung der Kleidung (vor ca. 36 000 Jahren) existierte, ist die bevorzugte Verarbeitung dieser Informationen evolutionär sinnvoll: Wer in einer komplexen Umgebung sofort einen nackten Körper wahrnimmt, hat bessere Chancen auf Sex - oder darauf, einen Konkurrenten um das Objekt der Begierde zu erkennen und ihn entweder auszuschalten oder leise weinend abzuhauen.

Mit dem Artikel spaziere ich in die Bier-Bar meiner Uni. Neugierige Kollegen reißen ihn mir sofort aus der Hand. »Interessante Fotos!« Große Begeisterung, als ich die akademische Fragestellung erkläre. Mein Kollege Wang schlägt vor, die Tests direkt zu machen, ohne Hirnstrommessung. Alle Kollegen stimmen mit Handzeichen zu.

Fazit: die nackte Haut gewinnt erneut, das Auto ist chancenlos. Da sagt Kollege Wu: »Naja, kein Wunder! Das Auto ist ein laaaangweiliger Kleinwagen. Wenn das ein sexy roter Ferrari gewesen wäre, hätte die nackte Haut verloren!« Beifall meiner leicht beschwipsten (sie haben bekanntlich schwache Leberenzyme) chinesischen Kollegen.

Mein nachdenklicher Kollege Tang meint resümierend: »Erstaunlich, wofür die Langnasen Forschungsgelder ausgeben.« Mein Motto? »Wissenschaft ist Spaß!«

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