Von Ullrich H. Kasten und Hans-Dieter Schütt
28.04.2012

Die harte Zeit in der Spiegelgasse

Lenin in Zürich: der Revolutionär im Elend. Ein Filmbeginn

Ein Dokumentarfilm-Essay über Lenin. Nicht: Fakt für Fakt. Der Fakt als Verführung zur Interpretation. Erinnerung ist Erfindung. Film: nicht über das, was man sieht, sondern darüber, wie man es auch sehen könnte.

Wie beginnen? Vielleicht Moskau. Gegenwart. Vor dem Auferstehungstor zum Roten Platz: Leute aus aller Welt stehen hier um Lenin herum, das heißt: um einen Lenin-Darsteller - der Einladung zum Erinnerungsfoto folgend. Lenin: Nur noch in Kostüm und Schminke hat der Begründer und oberste Betreiber jener Geschichtsumwälzung überlebt, die 1917 die Welt in eine neue Zeit stieß?

Hier auf dem Roten Platz, hat »Lenin« sogar Frieden gemacht mit jenem Zaren, der sein Todfeind war: Denn dieser »Zar« posiert ebenfalls als Kostümclown für die Touristen. Wie so oft: Gnadenlose Historie wird irgendwann eine gnadenvoll harmlose Kuriosität. Aus dem, was sich lange Zeit proletarischer Internationalismus nannte, wurde ein bedenkenlos lustiger touristischer Internationalismus.

Revolution ist Euphorie. Etwas schießt über. Aber was ging dem voraus? Suche nach dem Tiefpunkt, an dem der Mensch am meisten Mensch ist?

Daher Rückblende. Lenin in Zürich. 1916/17. Es ist just dieser Tiefpunkt, an dem alles, was sein Leben bislang ausmachte, sogar verlöschen könnte. Es ist der Moment, da alle Leidenschaften auszuglühen drohen. Das Gemüt rutscht in die Depression. Der Sinn ächzt hinter Nebeln der Gleichgültigkeit. Lenin, eben noch ein geradezu rasender Ingenieur für jene aufrührerische Techniken, die eine Welt aushebeln sollen, ist ein verzweifelter Exilant, dem alle Wege in die Zukunft abgeschnitten scheinen.

Es sind solche Augenblicke der absoluten Leere, Momente zwischen Steigen und Fallen, in denen sich die scheinbar einsehbaren, absehbaren Gesetze der Geschichte als das erweisen, was sie meistens sind: eine Abfolge eher zufälliger Geschehnisse, abhängig von den Launen und Leiden, Lüsten und Lagen Einzelner, die zum richtigen Zeitpunkt eingreifen dürfen oder zum falschen Zeitpunkt loslassen müssen. An solchen Punkten ist Geschichtsschreibung nicht nur Verweis darauf, dass etwas faul ist im Staate Dänemark, sondern: Hamlet tritt auf.

Noch ein Jahr wird es bis zur Oktoberrevolution in Russland sein, aber dieses 1916 in Zürich macht alle Anstalten, den unermüdlich rotierenden Programmatiker Lenin wie einen Zermürbten, Gelähmten aus der Geschichte herauszulösen. Als hätte ein höheres Geschick entschieden, ihn verdämmern zu lassen. In einen Zustand hinein, da in diesen Revolutionär überraschend der Mensch zurückkehrt - der sich ja immer darin zeigt, dass ihn existenzielle Schwäche, Ohnmacht überkommen.

Zürich also. Seit 1916 leben Lenin und die Krupskaja hier. Weit ab von allem, was die Welt erschüttert. Davor hatte die Familie in Bern gewohnt - eine Episode erzählt nahezu den ganzen Lenin. Die mitgereiste Mutter der Krupskaja stirbt. In deren letzter Nacht bittet Krupskaja ihren unablässig arbeitenden Mann, unbedingt geweckt zu werden, falls die Mutter Hilfe benötige. Am nächsten Morgen, die Mutter ist tot, beklagt sich Krupskaja bitter. Lenin antwortet: »Ich sollte dich wecken, wenn sie dich braucht. Sie starb, dabei brauchte sie dich nicht.« Er schont seine Frau, zugleich ist er unerbittlich logisch. Ein Familiendetail erzählt den Kern einer politischen Psyche?

Lenin hasst die Schweiz, einen dieser »kleinen privilegierten Staaten, die sich aus allem heraushalten!« Ach, daheim in Russland, so brütet er, werden sie ihn wohl vergessen haben. Er ist bald fünfzig Jahre alt, ein Tag folgt dem anderen, als sei es stets der immergleiche Tag; er fürchtet die Aussicht, isoliert und arm und einflusslos, vom Emigrantendasein umgebracht zu werden. Er wohnt mit der Krupskaja in der Spiegelgasse 14, bei einem Schuster, unmittelbar in der Nähe einer Wurstfabrik. Die Fenster müssen selbst bei heißem Wetter geschlossen bleiben. Der Gestank ist unerträglich. Lenins Vermieter beschwert sich zwar später über Lenin, denn der habe ständig vergessen, die Gashähne zuzudrehen, aber sei trotzdem ein guter Kerl gewesen. Man isst wegen des Geldmangels Pferdefleisch. Die Krupskaja lernt von der Schustersfrau das Kochen.

Im Nebenhaus, Spiegelgasse 12, hat Georg Büchner gewohnt. Vielleicht hat auch er schon den betäubend furchtbaren Gestank der Wurstfabrik wahrnehmen müssen, und vielleicht hat Lenin manchmal an der Gedenktafel gestanden, die an den Dichter des »Woyzeck« erinnert, den dieser in Zürich zu Ende schrieb. Büchner. Dichter eines Leitspruchs, der auch Lenins Leitspruch sein könnte: Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Und in »Dantons Tod« sagt Robespierre unbarmherzig und felsenfest, was auch ganz im Sinne Lenins ist: »Die Unterdrücker und ihre Knechte zu bestrafen, ist Gnade, den Feinden einer Revolution zu verzeihen, ist Barbarei.«

Der Gedanke an die Revolution jagt Lenins Geist voran, erhitzt ihn, bringt sein Denken auf kühnste Umlaufbahnen. Doch wenn er die fiebrigen Augen von den Büchern hob, wenn er sich aus seinen schwungvollen Theorien herausriss, dann sah er: Zürich, Enge, das Gräuel wohlhabender Idylle, schaumgebremste Bürgerlichkeit. Hier an Revolution zu denken, gleicht einer Groteske; sich hier Erhebung vorzustellen, ist bloßer Selbstbetrug.

Es ist wie ein Fluch: Immer und in allem sieht Lenin ein »Jetzt oder nie!« Sein revolutionärer Furor brüllt unentwegt »Alles oder nichts!« Er träumt und schaut Zukünftiges mit einer Gemütsexplosion, als gehe es um die Tat der nächsten Sekunde. Ein jederzeit kalt Fiebernder. Mit den Schweizer Sozialdemokraten hat er sich überworfen, er nennt sie »lasch, sie drängen an die Fleischtöpfe der Bourgeoisie«. Das »Gehirn dieses Russen ist eine geladene Pistole«, sagt ein Schweizer Sozialdemokrat über Lenin.

Er schreibt Broschüren über Broschüren, er wartet und feilscht um Kosten, er ist von seiner Bedeutsamkeit überzeugt und er weiß bei alldem doch: Außerhalb der engen Grenzen der Partei gibt es sowohl in Russland als auch anderswo kaum einen Arbeiter, der Lenins Namen kennt. Das ist das Schicksal des Verschwörers im Exil, so wird er es in einem Brief formulieren: »Er kennt keinen Mittelweg, er muss sich entweder als Herr über das Schicksal erheben oder den Kampf aufgeben.« Lenin am Ende?

An die ebenfalls unter fremden Himmeln leidende Ines Armand, die geheimnisvolle Freundin, Geliebte, von der Krupskaja unergründbar tapfer geduldet, schreibt er, als wolle er sich selber aus dem dunklen Sumpf der Gedanken ziehen: »Mut, nur Mut! Glauben Sie mir, eine fesselnde Arbeit ist das Wichtigste, um gesund zu werden. Wie schrecklich gern würde ich Ihnen viele freundschaftliche Worte sagen, damit Ihnen leichter ums Herz wird ... « Sie schreibt zurück: »Wir werden glücklich durch Russland gehen, in unserer Mitte: Marx und Engels, das wird unser Glück sein.«

Mag sein, dass selbst Lenin das, was man unter Glück versteht, gerade in solchen Momenten der Ungewissheit, der Undeutlichkeit allen Lebens auch mal klein, privat gesehen hat. Als breche sich in ihm (beinahe jedenfalls!) der Gedanke Bahn, dass der Mensch für das Glück eines gewöhnlichen friedlichen Lebens geschaffen ist, nicht aber, um Werkzeug einer politischen Schöpfungsgeschichte zu sein. Die Krupskaja schreibt später über Lenins letzte Tage in Zürich: »Er war in der Anspannung doch auch merkwürdig still und gefasst. Das war nicht der Ausdruck des Menschen, der doch stets nur ›Volk‹ dachte, nicht so sehr ›Ich‹.«

Da geschieht das Unerwartete! März 1917. In Russland ist die Revolution ausgebrochen, Kriegsnot und allgemeines Lebenselend hatten zum Aufruhr geführt. Der Zar ist gestürzt, eine provisorische Regierung wird die Macht übernehmen. Lenin schüttelt sich aus seiner Niedergeschlagenheit, als sei sie nur eine kurzzeitige Laune gewesen. Gemeinsam mit der Krupskaja rennt er zu den Schaukästen mit den neuesten Zeitungen und deren Hauptschlagzeilen. Jetzt kann er es kaum erwarten, sich in den Gang der Dinge zu stürzen, als seien sie ihm nie aus den Fingern geglitten.

Von jenem Märztag 1917, da sie sich an den Zeitungsschau-Fenstern gleichsam die Nase platt drücken, berichtet die Krupskaja: »Wir gingen in ein Zürcher Café und sangen leise die Internationale, ansonsten weiß ich gar nicht mehr, was wir taten, so freudig verwirrt waren wir«. Jetzt ist Zürich noch bedrückender, eine Schraubzwinge, ein Kellerverlies, eine Erstickungsstätte. Nur raus hier!

Im April 1917 verlassen Lenin und eine Gruppe russischer Exilanten die Schweiz. Sie brechen auf nach Sankt Petersburg, das jetzt Petrograd heißt. Noch einmal versammeln sich die Emigranten im Zürcher Hotel Zähringer Hof. In einem Hinterzimmer. In einer Rede brandmarkt Lenin die »bürgerlichen Spießer und Kapitalistenknechte«, die in der Heimat den politischen Übergang besetzen. »Nicht mehr lange!«

Wo immer Lenin spricht, ist die Weltrevolution im Raum. Als stünde sie vor der Tür. Als werde sich ihr umgehend Tür und Tor öffnen. Er ist es, der ihr Tür und Tor öffnet. Und jeder Ort seines Lebens gerät Lenin zur zentralistischen Szenerie. Wie der zukünftige Staat sein soll, so wird jetzt auch die Zugfahrt organisiert, die Lenin nach Russland bringt. Er legt eine Verhaltensordnung für die einzelnen Zugabteile fest. Eigentlich doch befasst mit jener Weltenwende, für die er im Zug Thesen und Gesetze verfasst, schreibt er gleichzeitig Wartezettel für den Raucherraum und das WC. Auch befiehlt er die Lautstärke der Gespräche und Gesänge. Während der Fahrt wird es immer wieder Lenins Frau sein, die zwischen ihrem Mann und gestressten Mitreisenden vermitteln muss ...

*

Schon am Anfang Gedanken an den Schluss des Films. Vielleicht das Mausoleum aus rotem ukrainischen Granit und karelischem Porphyr. Das über die Halbwertzeit aller Geschichte hinwegtäuschen will. Menschen gehen hier vorbei, unbeeindruckt von heroischen Projektionen. Dass Gesellschaften ziviler, gerechter, freier würden - wie viel Gewalt, wie viele Opfer sind dafür wirklich nötig? Unbedingt so viel, wie immer wieder zu beklagen ist? Die Frage zurück in die Vergangenheit gestellt, ist müßig. Sie in die Zukunft zu stellen, ist nötig. Im Ringen um Antwort gehen Belehrbarkeit und Unbelehrbarkeit täglich gerüstet in ihren ewigen Krieg miteinander.


Auszug aus einem Szenarium zu einem Lenin-Film

»Lenin: ›Ich entschuldige mich‹ oder Die Uhr, die niemals richtig ging« - das ist der Arbeitstitel eines derzeit für ZDF und Arte entstehenden, 90-minütigen Filmessays über den russischen Revolutionsführer. Er verbindet umfangreiches Archivmaterial mit heutigen Impressionen von Originalschauplätzen (Moskau, St. Petersburg, Samara, Simbirsk, Stockholm, London, Paris, Zürich, München).

Der US-Historiker Robert Payne nannte Lenin das »vielleicht einzige unbestrittene politische Genie« des vergangenen Jahrhunderts. Revolution als Träumen davon, dass der feurige Prometheus sowjetgöttlich und der Kommunismus gleichsam die Abschaffung der geschichtlichen Labyrinthe sei. Dass es rühmlich sei, sich etwas Unbescheidenes vorzunehmen und einen neuen Despotismus Partei neuen Typs zu nennen.

Produziert wird der Film von Looks Film & TV.

Ullrich H. Kasten war im Fernsehen der DDR einer der renommiertesten Porträtisten von Zeit- und Filmgeschichte. Er ist Grimme-Preisträger, schuf Filme u.a. über Peter Weiss und Arnolt Bronnen.

Gemeinsam mit Hans-Dieter Schütt entstanden die Filme »Hoffnung - ein deutscher Winterstern. Die Langhoffs«, »Der eiserne Vorhang - Theater in Berlin. Eine politische Biografie«, »Hitler und Stalin. Porträt einer Feindschaft« und »Molotow«.

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