Von Sarah Liebigt
28.04.2012

Wie das Herz eines Narren

Tanzwut auf Heimatbesuch: Zwischenstop auf der Tour zum neuen Album in der Berliner C-Halle

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Tanzwut sind, v.l.n.r.: Oually (Keyboards, E-Drum), Ardor (vorn) (Dudelsack und Flöten), Thrymr (Dudelsack und Flöten), Teufel (Gesang und Dudelsack), der Zwilling (Bass, Dudelsack), Shumon (vorn) (Schlagzeug), Martin Ukrasvan (Gitarre).
Die Stahlmänner haben die Bühne verlassen, das Publikum strömt für eine Atempause nach draußen in die laue Frühlingsnacht. Kurz vor zehn ist die Halle wieder voll, die Bühne in blaues Licht getaucht und ein bisschen Nebel wabert zwischen Trommel, Gong, Schlagzeug und den Dudelsäcken. Der erste Mann wird mit Jubel begrüßt. Der zweite ebenso. Sie postieren sich vor Trommel und Gong, die Schlegel in der Hand. In die abwartende und ungeduldige Stille schallt der Ruf »Na wassn nu!?«.

Tanzwut reizten am Donnerstagabend ihr Intro bis aufs Letzte aus. Dann hallen die ersten Schläge durchs Dunkel, ein Bandmitglied nach dem anderen betritt die Bühne, bis schließlich Frontmann Teufel ans Mikro tritt.

Mit dem Titelsong »Weiße Nächte« vom aktuellen Album eröffnen Tanzwut das Konzert. Servieren danach den ersten Klassiker »Ihr wolltet Spaß«, holen sich zu »Meer« den Publikumschor komplett dazu und erreichen schließlich mit den »Merseburger Zaubersprüchen« eine Art Halbfinale. Bei dem Instrumentalstück kommen alle fünf Dudelsäcke zum Einsatz, die Halle kocht. Grade erst ein knappes Drittel des Abends ist vorbei. In einer gut durchmischten Setlist spielt sich die Band quer durch alle Alben. »Wächter«, »Bittebitte« und »Lügner« fehlen ebenso wenig wie »Nein nein« und »Katjuscha« I und II, als Gesangs und Instrumentalstück – und werden mit frenetischem Jubel gefeiert.

Die Band beherrscht sowohl das Spiel mit dem Publikum als auch die Selbstinszenierung auf der Bühne bestens. Wenn Ardor und Thymr mit ihren Dudelsäcken in kurzen Synchronchoreografien im grünen oder blauen Licht harte Schatten malen, und Sänger Teufel für ihren Einsatz mit ausgebreiteten Armen auf die Knie geht, um den Blick frei zu geben. Wenn der Teufel zum »Rückgratreißer« in silbrig-goldenes Lichtgewitter getaucht wird, so dass tatsächlich immer wieder die Illusion entsteht, dort klappere ein Knochenmann mit seinen Gliedern.

Tanzwut kombinieren feinsten Metal und Hard Rock mit Dudelsack, Schalmeien und Flöten, holen dabei auch in stickigen Clubs und Hallen immer ein bisschen Jahrmarktflair auf die Bühne. Auf jenen Märkten ist die Band, in ähnlicher Besetzung und quasi unplugged unter gleichem Namen anzutreffen: Mit ihrer Mittelaltershow touren sie in den warmen Monaten durch die Lande. Auf dem letzten Album rücken nun die Dudelsäcke und Flöten mal wieder mehr in den Vordergrund, nachdem auf den Platten »Ihr wolltet Spaß« (2003) und »Im Labyrinth der Sinne« (2000) vorrangig elektronische Stücke dominierten.

Zwei Stunden dauert das Konzert. Nach zwei langen Zugaben sind Band und Publikum gleichermaßen erschöpft und verschwitzt. Zum allerletzten Stück spielen noch einmal alle Dudelsäcke auf, steigern das Tempo bis ins Aberwitzige, bis auch der letzte im Publikum kaum noch springen kann.

Draußen in der immer noch angenehmen Frühlingsnacht summen die Ohren und das Herz. Und die Vorfreude auf die Festivalsaison steigt.