Von Dieter Hanisch, Bad Segeberg
28.04.2012

Der »Gesundheitsengel«

In Bad Segeberg hat Dr. Uwe Denker die »Praxis ohne Grenzen« gegründet

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Uwe Denker: Mal klarmachen, dass nicht alle Ärzte geldgierig sind.

Immer mehr Bedürftige und Mittellose kommen aus dem Mittelstand.« Uwe Denker, Familienarzt im Ruhestand und vor zwei Jahren Gründer der von einem gemeinnützigen Verein getragenen »Praxis ohne Grenzen« in Bad Segeberg, weiß, wovon er spricht. Nach und nach wurden ihm die Augen geöffnet: Es sind in der Regel eben nicht Obdachlose oder Menschen ohne Aufenthaltsstatus, die ihn um medizinische Hilfe bitten, weil sie bei keinen Ärzten oder Kliniken mehr vorsprechen können. Die Patienten in der Stadt der Karl-May-Festspiele sind meist Freiberufler und Selbst- ständige, die sich aus unterschiedlichen Gründen verschuldet haben, und plötzlich kein Geld mehr für die private oder gesetzliche Krankenversicherung beziehungsweise für die Behandlung haben. Krankheiten werden dann nicht selten verschleppt, was gesundheitlich große Gefahren birgt. »Ein Patient hat seinen Arztbesuch so lange hinausgezögert, dass ihm schließlich nach unserer Diagnose ein Zeh amputiert werden musste«, erzählt der 74-jährige Denker.

Genauere Daten über Menschen ohne Krankenversicherung hat das Bundesgesundheitsministerium nicht. Letzte Zahlen des Bundesamtes für Statistik und der gesetzlichen Kassen kamen auf rund 100 000. »Diese Zahl ist weit untertrieben. Wir schätzen sie aktuell auf rund 800 000«, meint Heino Hansen, 2. Vorsitzender des Vereins »Praxis ohne Grenzen«, früher selbst praktizierender Augenarzt. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erkundigte sich kürzlich bei einem Besuch des Projektes immer wieder nach Zahlen. »Wie viele Patienten haben Sie in der Sprechstunde?«, wollte er von der Ärztin Silke Blendermann wissen, die Denker mit anderen Kolleginnen und Kollegen unterstützt. »Sieben bis zehn Fälle in zwei Stunden«, antwortete die früher als Internistin tätige 45-Jährige. Einmal pro Woche gibt es für eben diese zwei Stunden den Gesundheitsservice, auf Wunsch auch anonym. Und Bahr interessierte sich besonders dafür, wie viele Patienten durch Beratungshilfe inzwischen wieder einer Krankenversicherung zugeführt wurden. »Drei von vieren«, sagte Denker. »Wir wollen doch auch nicht, dass wir eine Dauerklientel behalten«, fügte er hinzu.

Was ausreichenden Versicherungsschutz angeht, klaffen Theorie und Praxis weit auseinander. »Da malt sich wohl auch der Minister das Bild zu schön«, glaubt Denker. Er kümmert sich in erster Linie um die Gesundheit seiner Praxisbesucher. Doch für viele sind auch ihnen zustehende Beihilfen und Leistungen aus dem Dickicht des Sozialgesetzbuches ein unbekannter und nur allzu oft undurchdringlicher Behördendschungel. »Wir haben dafür hier vor Ort ein Beratungsnetzwerk aufgebaut. Das funktioniert eigentlich gut«, schildert Hansen. Und für schwierige Fälle leiste inzwischen ein Mitarbeiter der schleswig-holsteinischen Bürgerbeauftragten Unterstützung.

Das Projekt trägt sich ausschließlich aus Spenden. Daher ist jeder Cent kostbar. Da war es für Denker eine gute Nachricht, die Minister Bahr überbrachte, nämlich, dass die »Praxis ohne Grenzen« künftig kostenlos Medikamente ausgeben darf, die aus noch nicht aufgebrauchten und unangebrochenen Beständen von Pflegeheimen oder - mit nur noch kurzer Haltbarkeitsfrist - aus den Lagern von Pharmaherstellern stammen. Das war arzneimittelrechtlich bislang umstritten. Die Juristen im Ministerium gaben grünes Licht unter der Bedingung, dass ein niedergelassener Apotheker die Verantwortung für Sicherheit und Qualität übernimmt. Für diese Zusage muss Bahr jetzt aus Pharma- und Apothekerkreisen harsche Kritik einstecken. Aber Denker freut sich: »Das entlastet das Budget des Vereins.« Er selbst kann mittlerweile nur noch alle vier Wochen einen Dienst übernehmen, denn er ist in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bienenfleißig.

Ehefrau Christa Denker (72), gelernte Pharmazeutisch Technische Assistentin und mit mindestens einem genauso großen sozialen Herz ausgestattet wie ihr Mann, engagierte sich schon geraume Zeit im Vorstand der Tafel in Bad Segeberg. Als Tochter Signe 2005 die Allgemeinarztpraxis ohne ihren ins Pensionsalter gekommenen Vater weiterführte, schaute dieser sich immer wieder bei der Tafel um. »Da ich vom hiesigen Sozialamtsleiter, der mein Patient war, von rund 50 medizinisch unversorgten Familien erfahren hatte, reifte die Idee, auch eine ärztliche Anlaufstelle für Bedürftige zu schaffen. »Wir wollten nicht Lebensmittel ausgeben, sondern Mittel zum Leben«, erzählt Denker. Nach bürokratischen Hürden und der eigenen Vereinsgründung dauerte es noch eine Weile, bis nach Klärung der Raumfrage die »Praxis ohne Grenzen« 2010 an den Start ging.

Das Segeberger Modell hat inzwischen Mustercharakter und spricht sich bundesweit herum. Was einmal als regional beschränktes Angebot gedacht war, lockt nunmehr auch Patienten aus Brandenburg, Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern an. Anfragen kommen aus weiteren Bundesländern, sogar aus dem Ausland. Das ist für den Verein »Praxis ohne Grenzen« der Beweis, dass der Bedarf wächst. »Ich mag gar nicht daran denken, was uns in den nächsten Jahren die Altersarmut noch bescheren wird«, meint Hansen. Denker ist sich sicher, dass die Zahl seiner Patienten noch größer wäre, wenn viele ihre Scham überwinden und mit ihrer Hilfsbedürftigkeit ihre Privatsphäre verlassen würden. »Manchmal gehen sie draußen verstohlen auf und ab, doch trauen sich nicht, hier vorzusprechen«, beschreibt Hansen seine Beobachtung.

Knapp 60 aktive Mitglieder zählt der Verein, bei dem alle kostenlos und ehrenamtlich tätig sind. Inzwischen hat die Idee in Stockelsdorf (Kreis Ostholstein) vor den Toren Lübecks einen ersten Nachahmer gefunden. In Kürze kommen wohl weitere Praxen ohne Grenzen in Schleswig-Holstein hinzu. »Da laufen für Flensburg, Preetz und Pinneberg konstruktive Gespräche«, ist Denker zuversichtlich.

Unterstützung bekommt er in seiner Heimatstadt und in Schleswig-Holstein parteiübergreifend. Die Ärzteschaft bietet Mithilfe an oder spendet Spezialgeräte. Mit Unterstützung durch Kollegen aus ganz Deutschland wurde die wertvolle Praxiseinrichtung zusammengetragen. Nicht allen Krankheitsbildern kann in den Räumen der Segeberger Diakonie geholfen werden. Da wird schon mal eine Überweisung zum Facharzt fällig oder gar in eine Klinik wie Anfang des Jahres, als es um eine Entbindung ging. »Das sind dann trotz ungeheuer viel Bürokratie freudige Ereignisse«, beteuert Denker, der selbst mit Dankbarkeit von ehemaligen Patienten überschüttet wird. »Da kommt beispielsweise eine Frau und bringt mir einen selbst gestrickten Schal. Sie sagte, ich solle mich nicht erkälten, denn die Praxis ohne Grenzen brauche mich doch so sehr.«

Denker, der sich nach 45 Berufsjahren für seinen Ruhestand noch viel zu rüstig fühlte und daher die Initiative ins Leben rief, ist inzwischen ein Verfechter einer Grundversicherung für alle Bürger. Überall, wo er wichtigen Entscheidungsträgern begegnet, wirbt er dafür. Das war auch beim Sommerfest des Bundespräsidenten im Vorjahr so. Immer wieder erzählt er bei solchen Gelegenheiten von den Fällen, die ihm in Bad Segeberg begegnen. Dort muss er sich regelmäßig anhören, dass ein Zugang zur Krankenversicherung daran scheitert, dass vorgeschriebene Beitragsnachzahlungen aus fehlenden Kassenmitgliedschaftsmonaten oder -jahren einfach nicht aufgebracht werden können - häufig Beträge in vier- und fünfstelliger Höhe. Hier sieht der selbstlose Mediziner die Politik in der Pflicht und fordert einen Rettungsschirm für unverschuldet in Not geratene mittellose Kranke.

Eines ist dem »Gesundheitsengel« aus Bad Segeberg aber mit seinem Wirken auch wichtig: »Ich finde es prima, mal klarzumachen, dass es sich bei unserem Berufsstand eben nicht nur um so genannte Halbgötter in Weiß handelt, denen gern nachgesagt wird, geldgierig zu sein!«

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