Harald Kretzschmar
30.04.2012

Der Bloemaert-Effekt!

Entdeckung in Schwerin

In Zeiten der massiven Beargwöhnung kultureller Aktivitäten durch die amtlich bestallten Sklaven der Finanzmärkte ist es gut zu wissen: Wo durch angeordnete Sparmaßnahmen die größte Gefährdung droht, nämlich in der Landeshauptstadt Schwerin, gerade da gibt es einen besonderen Höhepunkt musealer Entdeckerfreude zu verzeichnen: »Der Bloemaert-Effekt! Farbe im Goldenen Zeitalter«. Der ziemlich rätselhaft anmutende Ausstellungstitel macht neugierig. Einheimische wie auch Zugereiste oder Vorbeikommende sollten innehalten, und einfach mal hineingucken in den erhabenen Museumsbau neben dem Schloss.

Hier wird nämlich ein Großer entdeckt. Abraham Bloemaert (1566-1651) ist ein von der Kunstgeschichtsschreibung total unterbelichteter niederländischer Maler. Ja, recht effektvoll inszenierte er als Grandseigneur neben lauter Kleinbürgern seine Bildschöpfungen. Die Ausnahmefigur unter sehr bodenständigen Menschen- und Naturerkundern scheute sich nicht, Anbetungskunst geradezu elegant zu zelebrieren. Glanzvolle Farbigkeit immer vornan. Ja, er war Exponent von »de Gouden Eeuw«, dem ganz eigenen holländischen Goldzeitalter. Kaum zu glauben - gleichzeitig verkam das benachbarte Deutschland im Dreißigjährigen Krieg zum konfessionellen Schlachthaus. Hier blühten im Zeichen der Religionsfreiheit Wirtschaft und Kultur. Und der papsttreue Katholik Bloemaert durfte im Land des Calvinismus als Haupt der Utrechter Malschule dieser fast schon ein italienisches Gütesiegel aufdrücken.

Ganz anders als sein Zeitgenosse Rembrandt erzählt dieser Meister biblische Geschichte als unterhaltsame Anekdote. Statt psychologisch feinsinniger Hinwendung zu den Leidenden und Geschundenen dort finden wir hier die große Gebärde. Folgerichtig unterliegt der gleichermaßen produktiv Zeichnende im Wettbewerb mit dem Konkurrenten rettungslos. Gegenüber dessen höchst expressiver skizzenhafter Sensibilität wirkt sein Perfektionismus in figural überfrachteten Arrangements einfach nur konventionell.

Der Museumsbesuch in Schwerin gestaltet sich übrigens noch unterhaltsamer, wenn man die vielen pikanten erotischen Anspielungen zu genießen versteht, die Bloemaert selbst in den heiligsten Sujets unterbringt. Zudem sollte man nicht versäumen, in der oberen Etage die Sammlung altniederländischer Malerei mit ins Visier zu nehmen. Die mecklenburgischen Großherzöge bewiesen beim Sammeln derselben eine besondere Vorliebe für die schlichte Sicht auf die kleinen Dinge des Lebens. Manches Motiv ist da selbst in der »Petersburger Hängung« zusammen mit 20 anderen Bildern auf einer Wand gut aufgehoben. Für Bloemaerts (hier meist als Leihgabe präsente) pompösen Großformate wäre das undenkbar.

Harald Kretzschmar, Staatliches Museum Schwerin, bis 28. Mai