Von Hans-Dieter Schütt
30.04.2012

Was knackt uns auf?

Kunst um Kaspar H.

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»Kaspar Hauser« nennt photocase/ Bratscher dieses Bild

Heute vor 200 Jahren soll er geboren worden sein. Er kommt eines Tages, siebzehnjährig, als wildes Kind aus dem Verlies, hat keine Hornhaut an den Füßen, kann kaum sprechen, wird in Nürnberg aufgegriffen und zum Objekt von Erziehung, Ergründung, Ertüchtigung. Hinter Gittern eine Attraktion für Voyeuristen. Kaspar Hauser. Man nennt ihn das »Kind von Europa«, 1833 wird er in Ansbach, am Ort seines befohlenen Pflegevaters, niedergestochen. Der Grabstein: »Hier ruht Kaspar Hauser, ein Rätsel seiner Zeit, unbekannt seine Geburt, dunkel sein Tod.«

Was den Fall so lange aufregend hält, sind dessen schillernd vieldeutige Begleitumstände. Etwa - wie bei Moses und Parzival - die mythische Dimension eines ausgesetzten Kindes von wahrscheinlich hoher Geburt. Dazu die Fähigkeiten eines von Instinkt geleiteten Wesens, dessen nachträgliche »Menschenwerdung« (Feuerbach) als pädagogisches Lehrbeispiel verstanden werden konnte. Oder, im Gegenteil, als Zerstörung eines glücklich unbeschriebenen Lebens, als Vernichtung einer Kreatur, die bislang von jeder Belehrung verschont war, und die nach Nietzsche, »absolut und unhistorisch empfinden« durfte.

Dies ist Thema von Peter Handkes Stück »Kaspar«, in dem der sprachlose Findling von »Einsagern«, also durch »Sprechen zum Sprechen« gebracht wird. Eine Brutalität: den Menschen in Verhältnisse zu pressen, ein Ich zu bilden, bis es in eine andere Identität hinübergleitet »wie ein Hund, unheimlich stumm« (Hugo von Hofmannsthal). Werner Herzog drehte darüber den Film »Jeder für sich und Gott gegen alle«, der auf authentische Berichte aus der Hauser-Zeit zurückgeht; Jakob Wassermann schrieb einen Roman; Paul Verlaine, Stefan George, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Peter Härtling und andere verfassten Gedichte.

Das besondere, nicht fassbare Anderssein eines Menschen als strafbare Veranlagung. Fremdheit als Anlass eifriger Domestizierung. Hofmannsthal sprach von Hausers Gnade der »Präexistenz«, er meint damit den Zustand einer vorzivilen Schmerzlosigkeit - jenseits des Traumas, eingemeindet zu werden ins Regelwerk der Menschenordnung. Er meint einen Zustand kaum wahrnehmbaren Glücks: des einfachen bloßen Daseins, zu dem eigentlich kein Mensch mehr in der Lage ist. Kaspar »spürte keinerlei Verwandlung an seinem Leibe, er wünschte nicht, daß etwas anders sein sollte, als es war«, heißt es im Roman von Wassermann.

Unverstörtes Leben also, zu dessen Verdeutlichung Wassermann jenes weiße Holzpferdchen heranzieht, das Kaspars Spielzeug gewesen sein soll und darin sich dunkel sein Dasein spiegelte. »Er spielte nicht mit ihm, nicht mal lautlose Zwiesprache hielt er mit ihm, und obwohl es auf einem Brettchen mit Rädern stand, dachte er nie daran, es hin und her zu schieben«.

Ein Mensch, ausgestattet mit der Kunst, »auf große Entfernung Holz verwesen zu hören«. Durch Papierhüllen hindurch kann er Metalle »durch ein Ziehen in der Hand« unterscheiden, im Finsteren erkennt er deutlich Farben. Wenn es diesen Hauser nicht gegeben hätte, so der Anthroposoph Rudolf Steiner, wäre der geheimnistiefe Kontakt zwischen Erde und Geist zerbrochen.

Auf den ersten Schritt, den der starre Kaspar in Handkes Stück geht, ist er stolz, »aber über den zweiten habe ich mich geschämt«. Jeder Beginn von Selbst-Verwirklichung setzt eine Tragödie des Selbstverlustes in Gang? Warum ist Aufklärung, Schulung, Einbürgerung, deren Vorteile jeder einsieht, stets auch Untergrabung von Natur und Naivität?

»Die gesellschaftlichen Maximen und Reflexionen überkommen Kaspar so zwanghaft, als wären sie sein eigener, individueller Wahnsinn. Darum leistet er ihnen Folge.« So schreibt es W. G. Sebald in einem Essay. Das führt unmittelbar zu Einblicken in die Krise des modernen Menschen. »Du bist aufgeknackt«, sagt einer in Handkes Stück zu Kaspar. Ist das nicht eine Auskunft, vor der man - du, ich, wir - täglich Angst hat? Komm endlich zu dir, heißt es, wenn man gerade ganz bei sich selber war. Als bedeute Vernunft: unbedingt der Versuchung zu widerstehen, eine unverwechselbare Spur zu ziehen gegen den Strom. Kaspar Hauser geistert und geistert.