Von Ulrike Henning
02.05.2012

Nur Schall und Rauch?

Mehr Ultraschall, mehr Tests auf Kassenkosten: Schwangerschaftsdiagnostik soll erweitert werden

Drei Ultraschalluntersuchungen des ungeborenen Kindes werden Schwangeren von den gesetzlichen Krankenkassen normalerweise bezahlt. Die zweite soll jetzt zu einem umfassenden Organscreening ausgeweitet werden. Im Widerspruch dazu steht, dass 95 Prozent der Kinder bei der Geburt gesund sind.

Frauen nehmen in der Schwangerschaft sieben bis acht Sonographien wahr. In Internetforen ist die Rede von monatlichem oder gar vierzehntägigem Untersuchungsrhythmus, zum Beispiel bei vorangegangenen Fehlgeburten. Jetzt soll die zweite reguläre Untersuchung in der 20. Schwangerschaftswoche ausgeweitet werden.

Ein entsprechender Beschluss für die neue Kassenleistung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss wird für Mitte des Jahres erwartet. Bisher glich die zweite Ultraschalldiagnostik eher einer Vermessung, bald sollen systematisch Herz, Gehirn, sowie die Konturen von Rücken, Bauch, Magen und Harnblase auf Fehlbildungen untersucht werden.

Dennoch, sagt der Geburtsmediziner Ulrich Gembruch aus Bonn, handele es sich dabei nicht um eine Diagnostik, die Fehlbildungen grundsätzlich ausschließt. Darauf sollten die untersuchenden Mediziner hinweisen. Je nach Erfahrung dauert die Untersuchung künftig 15 bis 30 Minuten länger. Jedoch können Schwangere darauf - wie überhaupt auf die Sonographie - auch verzichten.

Ziel der Erweiterung ist es, Fehlbildungen früher zu erkennen und dann für die Geburt geeignete Kliniken auszuwählen, sollte zum Beispiel ein Herzfehler vorliegen, der sofort operativ behandelt werden muss. Andere Eingriffe bewahren laut Ute Germer, Gynäkologin aus Regensburg, die Föten vor größerem Schaden, wenn sie noch im Mutterleib durchgeführt werden können. Nur: Die Zahl dieser Fehlbildungen ist äußerst selten. Viele treten nur bei einem von 2000 Kindern auf, spezielle Herzfehler sogar nur bei einem von 100 000. Damit finden sich die Ärzte in einem Dilemma: Nur wer häufiger Fehlbildungen gesehen hat, kann sie auch erkennen.

Das spricht für eine weitere Zentralisierung der Untersuchung in spezialisierten Einrichtungen, dazu sollte aber nur Müttern mit speziellen Risiken geraten werden. Herzfehler in den Familien der Kindeseltern gelten als Untersuchungsgrund. Besonders gefährdet sind aber auch Schwangere mit Adipositas: Ärzte mussten feststellen, dass starkes Übergewicht schon in jungen Jahren zu Vorerkrankungen führt, die wiederum den Fötus schädigen können. Die Einordnung als Risikoschwangerschaft ist in Deutschland aber so weit ausgedehnt, dass sie inzwischen mehr als 60 Prozent aller Mütter erfasst - vor allem, weil immer mehr von ihnen über 35 Jahre alt sind. Im Widerspruch dazu steht die Tatsache, dass 95 Prozent der Kinder gesund zur Welt kommen.

Die absehbare Ausweitung der von den Kassen finanzierten Diagnostik ist vor dem Hintergrund von Dutzenden weiterer Untersuchungen zu sehen, die Schwangeren bereits jetzt bezahlt werden. Das beginnt bei allgemeinen frauenärztlichen Befunden, geht weiter mit Ultraschall und wiederholten Bluttests. Etliche Tests werden nur dann finanziert, wenn vorher Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden oder Risiken nachweisbar sind. Andernfalls besteht immer noch die Möglichkeit, selbst zu zahlen, unter anderem für den ebenfalls per Ultraschall durchgeführten Nackentransparenztest, mit dessen Hilfe etwa drei Viertel der Kinder mit Down-Syndrom erkannt werden. Die Kosten dafür liegen zwischen 100 und 250 Euro.

Frauenärzte zählen schon jetzt zu den Spitzenreitern beim Angebot der sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Sie müssen von den Patienten selbst bezahlt werden, dabei ist ihre Notwendigkeit wissenschaftlich nicht begründet. Schon vor einigen Jahren vermuteten Forscher, dass die Beliebtheit des Ultraschalls bei Schwangeren eher der Tatsache geschuldet ist, dass sie auf diese Weise bereits vor der Geburt eine stärkere emotionale Bindung zu ihrem Kind aufbauen können. Gynäkologen bieten Individuelle Gesundheitsleistungen sechs- bis siebenmal so häufig wie Allgemeinmediziner an. Nach einer Analyse des Institutes WIdO der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) von 2010 entfällt die größte Gruppe der IGeL-Angebote - 20 Prozent - dabei auf Sonographien.

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