Von Tom Mustroph
02.05.2012

Und die Moral von der Geschicht' ...

»Frau Holle« beleuchtet im Ballhaus Ost die Zustände in der Arbeitswelt

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Goldmarie kann nicht mehr, Pechmarie will nicht mehr. Anhand von Motiven des Märchens Frau Holle entwirft die Gruppe Ex Defekt einen so kindgerechten wie anspruchsvollen Parcours über die Zustände in der Arbeitswelt. Diese Transformation eines alten Stoffs, verbunden mit der Wiederentdeckung einer alten Methode, erzielt verblüffende Ergebnisse. Schließlich waren Märchen, solange sie noch erzählt und nicht auf beliebig abrufbare Tonkonserven ausgelagert wurden, ein Forum der innerfamiliären Verständigung darüber, wie man sich ein Leben so wünscht.

Gewöhnlich waren sie auch mit einer Konditionierung an die jeweils dominierende Gesellschaftsform - eben die Moral der Geschicht' - verkoppelt. Ex Defekt gelingt im Ballhaus Ost nun das Kunststück, das Märchen Nr. 24 der Gebrüder Grimm, besser bekannt unter dem Titel »Frau Holle«, in eine offenere und zeitgemäße Form zu überführen. Trotz der Bearbeitung des eher schweren Themas »Arbeitswelt« behalten die vier Spielerinnen und der Sänger Noel eine kindgemäße Leichtigkeit bei und verführen Große wie Kleine zum Basteln an Gesellschaftsentwürfen.

Das geschieht folgendermaßen: In Sechsergruppen wird das Publikum von einem Pilz begrüßt und zu Plätzen in einem offenen Halbkreis verwiesen. Das schafft Vertrautheit und Offenheit. Goldmarie und Pechmarie erläutern dann die Probleme der himmlischen Schneefallsarbeit. Arbeit- und Kapitalgeberin Frau Holle ist verschwunden. Goldmarie ist vom Malochen erschöpft, Pechmarie fordert mehr Lohn und vor allem mehr Schutz am Arbeitsplatz. Eine dritte Marie beruft nun einen Rat im Märchenlande ein, der über die Zukunft des Tätigseins befinden soll.

Schnell kristallisiert sich ein Drei-Optionen-Modell heraus. Erste Option: Wer viel arbeitet, soll viel Gold erhalten. Zweite Option: Die Arbeit wird gerecht verteilt, das Gold ebenso gerecht vergeben. Und drittens erhält jeder ganz viel Gold, ohne dafür arbeiten zu müssen. Verblüffenderweise erhielt dieser Vorschlag, der wie eine Hybride aus Kommunismus - »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«, haben wir mal gelernt - und »bedingungslosem Grundeinkommen für alle« anmutet, nur die zweitstärkste Zustimmung. Unter Kindern wie Erwachsenen setzte sich - zumindest zur Premiere - das Arbeitsverteilungs- und Lohngerechtigkeitsmodell durch. Nur knapp zwar, aber immerhin.

Der Kiez rings um das Ballhaus scheint tatsächlich von jenem Teil der Mittelschicht bevölkert zu sein, der noch der Illusion einer (fairen) Leistungsgesellschaft anhängt und dem das Auseinanderdriften der Bevölkerung in die Gruppe der wenigen Superreichen und die große Masse der vom Reichtum Ausgeschlossenen kaum bewusst ist. Das ist immerhin auch eine Erkenntnis, die dieses postmoderne Märchenmodul produziert.

Nebenaspekte dieser Gesellschaftserkundung betreffen die Fragen, ob man unreife Äpfel schon verwerten kann, ob man auch ohne Zwang zur Schule sollte und wie es einem Brot ergeht, dessen Teig nicht mehr durch Menschenhände geknetet, sondern nur noch von Maschinen verrührt wird. Nach einem zwischenzeitlichen Modernisierungsschub, der stark an Tschechows »Kirschgarten« erinnert, nur dass hier Äpfelbäume anstelle der Kirschbäume abgeholzt werden, darf das Publikum auf der so entstandenen Lichtung aus Pappkartons neue Gesellschaftsentwürfe zaubern. Das ist zumindest ein Beginn von Partizipation. Untermalt wird diese Performance von melancholischen Gute-Laune-Songs in Folktradition. Revolutionäre Modelle entstanden dabei zwar nicht. Aber weil das Publikum einmal in Bewegung versetzt wurde und am Ende jeder Zuschauer sogar per Handschlag verabschiedet wird, hält noch beim Verlassen das Gefühl an, einem Gemeinsinn stiftenden Ereignis beigewohnt zu haben. Das ist doch etwas heutzutage.

Ballhaus Ost, 4.5. und 11.5. 18 Uhr, 5., 6.5., 12. und 13.5. 16 Uhr

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