Von Hendrik Lasch
02.05.2012

Schläge auf der Frühlingswiese

Angriff auf Syrer: Die Polizei geht von versuchtem Totschlag aus

In Eisleben fielen bei einem Volksfest am Sonntag drei Täter über eine Gruppe Syrer her. Die Attacke war so brutal, dass die Polizei nun wegen Totschlags ermittelt.

Der Angriff geschah direkt vor dem Festzelt: Auf der »Eislebener Frühlingswiese« ist am Sonntag eine Gruppe syrischer Frauen und Männer überfallen worden. Drei Täter seien von hinten und ohne Vorwarnung über sie hergefallen, erklärte ein Sprecher der Polizei. Bei der Attacke seien offenbar auch Schlagstöcke verwendet worden. Nach Polizeiangaben wurde ein 32-jähriger Mann so schwer verletzt, dass er sich in stationärer Behandlung befindet. Zwei weitere Männer sowie drei Frauen hätten Prellungen, Blutergüsse und einen Schock erlitten. Sie wurden ambulant behandelt.

Die drei Täter ergriffen nach dem Überfall die Flucht. Einige der Angegriffenen verfolgten sie aber und konnten einen 18-Jährigen ergreifen. Die eingetroffene Polizei stellte bei ihm einen Alkoholpegel von zwei Promille fest. Die beiden Mittäter entkamen. Den Angaben der Polizei zufolge gibt es aber erste Hinweise zu ihrer Identität. Eine Fahndung laufe »auf Hochtouren«.

Motive für den Angriff seien bislang nicht bekannt, sagte Polizeisprecher Ralf Karlstedt. Wegen der schwerwiegenden Verletzungen und dem geschilderten Tathergang ermittelt die Behörde aber nicht nur wegen schwerer Körperverletzung, sondern wegen versuchten Totschlags. Da ein fremdenfeindliches Motiv nicht ausgeschlossen werden könne, sei der Staatsschutz in die Ermittlungen einbezogen.

Die LINKE forderte umgehend eine schnelle und umfassende Aufklärung. Die Innenpolitikerin Gudrun Tiedge warf zugleich die Frage auf, ob bei Ereignissen wie Volksfesten noch genügend Polizisten präsent sind. Eine wichtige Maßnahme gegen rassistische Überfälle sei die sichtbare Anwesenheit von Beamten. Tiedge äußerte die Befürchtung, dass ein weiterer geplanter Stellenabbau in der Landespolizei zu einer »weiteren Eskalation von Gewalt« führen könne: »Das aber darf nicht zugelassen werden.«

Ein ähnlich schwerer Übergriff wie jetzt in Eisleben hatte in Sachsen-Anhalt erst Ende Februar für Schlagzeilen gesorgt. Dabei waren in Mücheln (Saalkreis) der Inhaber einer Döner-Imbissbude und seine Lebensgefährtin bedroht und teils verletzt worden. Die Polizei war zunächst einem ausländerfeindlichen Tatmotiv nicht nachgegangen. Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hatte später Fehler eingeräumt; ein Beamter wurde versetzt. Gegenüber dem türkischen Generalkonsul kündigte der Minister ein härteres Durchgreifen gegenüber Rechtsextremen an; die Öffentlichkeit rief er zu einer Verurteilung solcher Taten auf: »Wir dulden so etwas in Deutschland nicht.«

Häufig genug werden die Taten freilich hingenommen. Die Mobile Opferberatung des Vereins Miteinander teilte mit, 2011 sei es in Sachsen-Anhalt zu 132 rechts motivierten Gewalttaten gekommen, 95 Prozent davon waren Körperverletzungen. Statistisch ereigne sich »alle zwei bis drei Tage« eine derartige Straftat im Land. Man rechne zudem mit einer hohen Dunkelziffer und mit Nachmeldungen. Etwa ein Drittel der Übergriffe von Nazis habe rassistische Motive. Das Innenministerium ging für 2011 von 92 rechtsradikalen Straftaten aus, ein Anstieg um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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