02.05.2012

»Mehr Leute sollten ihre Geldstrafe nicht zahlen«

Aktivistin Hanna Poddig über fünf Wochen Gefängnis

Fünf Wochen saß die Aktivistin HANNA PODDIG in Hessen im Gefängnis, weil sie 2008 einen Rüstungstransport der Bundeswehr aufhielt, indem sie sich an die Bahngleise kettete. Nach ihrer Freilassung am 18. April fragte SIGRID LEHMANN-WACKER die 26-Jährige nach ihrem Befinden.
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Hanna Poddig genießt die Freiheit.

nd: Wie haben Sie sich im Gefängnis gefühlt?
Poddig: Es war sehr lehrreich. Frauen, die aus dem geschlossenen in den offenen Vollzug verlegt wurden, haben mir erzählt, dass alle den Moment des Abschließens dieser schweren Zellentüren und noch mehr das Geräusch des Schlüsselumdrehens als traumatisch empfunden hätten. Ich habe mich mit den anderen Frauen gut verstanden. Hab' deren Welt kennenlernen wollen und zum Beispiel im Gemeinschaftsraum »Deutschland sucht den Superstar« mit geguckt. Allerdings hat es mir gefehlt, über Politisches zu reden.

Sie wurden wegen einer Gleisblockade zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen verurteilt. Warum haben Sie das Gefängnis vorgezogen?
Ich war nicht scharf darauf, in den Knast zu gehen und habe ja auch lange dagegen gekämpft. Nach der Verurteilung hatte ich allerdings nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Da habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Repression sichtbar zu machen.

Inwiefern ist ein freiwilliger Gefängnisaufenthalt noch als ungerechtfertigte staatliche Repression skandalisierbar?
Die Kriminalisierung von Menschen findet sonst nur im Verborgenen statt. Der Gang ins Gefängnis macht sie öffentlicher. Meine Strafe wäre ja nicht weniger gewesen, wenn ich das Geld bezahlt hätte. Mit dem Geldstrafsystem ist es schön leicht für den Staat: Er verdient an uns und wir sind ständig damit beschäftigt, Solipartys zu machen, um Leute rauszuhauen. Es würde mich freuen, wenn mehr Leute ihre Geldstrafe nicht zahlen würden. Das wäre ein Signal an die Richter und die Gesellschaft.

War Ihre Situation wirklich vergleichbar mit der anderer Gefangener?
Es war natürlich ein großes Privileg: Ich hätte jederzeit jemanden beauftragen können, Geld vorbeizubringen und mich sofort freizukaufen. Und es macht auch einen Unterschied, ob man selbstbewusst mit dem Gefängnissystem umgeht, schon vorbereitet ist und um seine Rechte weiß.

Sie haben seit Langem Kritik am Gefängnissystem. Hat Sie etwas überrascht?
Ich hätte nicht mit der subtil zerstörerischen Kraft im Alltag gerechnet, die die InsassInnen kaputt macht. Es klingt nicht nach einer klugen Erkenntnis, aber auch wenn es von außen ganz schön aussieht im offenen Vollzug, mit hellen Möbeln und ohne Gittern an den Fenstern, ist es doch eine von Gewalt, Denunziantentum und Strafandrohung geprägte Welt. Man merkt schnell: Man wird wie Scheiße behandelt.

Was für Menschen sitzen im Gefängnis?
Von den 40 Frauen, die mit mir eingesperrt waren, hatten fast alle ein sehr niedriges Bildungs- und Einkommensniveau. Viele sitzen da wegen Kleinigkeiten, wegen Schwarzfahrens oder Betrügereien. Oft hatten sie Aufforderungen, Geldstrafen zu bezahlen oder irgendwo zu erscheinen, schlicht nicht ernst genommen. Die werden dann irgendwann auf ihrer Arbeit verhaftet und abgeführt. Sie wissen nicht um das Recht, Widerspruch einzulegen. Einen Anspruch auf Pflichtverteidigung gibt es erst ab einem halben Jahr Strafe. Daran sieht man, wie ekelhaft dieses verschachtelte, komplizierte Rechtssystem ist - viele werden einfach abgehängt, verstehen gar nicht, was mit ihnen passiert.

Sie fordern eine Gesellschaft ohne Gefängnisse. Wie stellen Sie sich das vor?
Wenn es keinen Polizei- und Justizapparat gibt, sind die Leute gezwungen, die Konflikte selbst zu lösen, anstatt sie auf die Polizei abzuschieben, die ja auch nicht wirklich hilft. Das macht den Lösungsweg klarer: hinschauen, schon im Vorfeld einmischen! In keinem Fall ist ein verregelter Umgang eine Lösung.

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