Von Andreas Fritsche
02.05.2012
Brandenburg

Politik bei der Pirsch

Ausstellung und Buch zu »Jagd und Macht« in der Schorfheide

Am Freitag um 11 Uhr eröffnet Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) einen neuen Teil der Ausstellung »Jagd und Macht« im Jagdschloss von Groß Schönebeck. In dem neuen Teil dreht es sich um die in der Schorfheide jagenden Kaiser aus der Hohenzollerndynastie, also um die Zeit von 1871 bis 1918. Bislang gab es schon die Ausstellungsteile zu den Jahren von 1918 bis 1990.

Die Jagdleidenschaft der Herrschenden sei in der Schorfheide nicht ohne Folgen geblieben, erklärt Vogelsänger. Weil viel Wild dort sein sollte, bedurfte es sogar eines Wildzaunes, um die Schäden für die Landwirtschaft zu begrenzen. »Noch bedeutender waren zu allen Zeiten die Begegnungen der Mächtigen während und nach den Jagden, die unser geschichtliches und kulturhistorisches Interesse verdienen«, sagt der Minister.

König Friedrich Wilhelm IV. hatte sich in der Schorfheide das Jagdschloss Hubertusstock errichten lassen. Er bevorzugte es, mit wenigen Begleitern auf die Pirsch zu gehen. Anders sein Bruder, der spätere Kaiser Wilhelm I. Der begeisterte sich für die feudale Tradition einer Hofjagd, für die das Wild mit Lappen, Leinen und Netzen eingekreist und vor die Flinten getrieben wurde.

Gerade in Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt, sorgte sich Wilhelm I. um die Wilddichte in seinem Lieblingsrevier. Noch von Frankreich aus kümmerte er sich um die Abschussquoten. Im harten Winter könnten zu viele Tiere verendet sein, befürchtete der Kaiser. Doch das Hofjagdamt konnte Entwarnung geben. Die Förster hatten fast 160 Tonnen Heu, rund zwölf Tonnen Haferstroh und Luzerne sowie 13,5 Tonnen Eicheln und Kastanien verfüttert. Dadurch war es ihnen gelungen, die Verluste niedrig zu halten.

Beschrieben ist das in dem Buch »Jagd und Macht«, in dem sich die Historiker Burkhard Ciesla und Helmut Suter der Geschichte des Jagdreviers Schorfheide widmen. Die Autoren stellen dar, wie Mächtige sich bei der Jagd entspannten und zugleich Politik trieben.

Gar nicht diplomatisch agierte der junge Kaiser Wilhelm II. am 12. Oktober 1889. Bei einer Pirschfahrt mit Zar Alexander III. lästerte er über die schottische Mütze mit Bändchen, die der Zar aufgesetzt hatte: »Mit diesem Fähnchen wird er sich schwer anpirschen können.« Kanzler Otto von Bismarck fürchtete, dass Betragen des Kaisers könne sich negativ auf die deutsch-russischen Beziehungen auswirken. Sie kühlten sich auch tatsächlich ab.

Wilhelm II. soll ein zielsicherer und zugleich wilder Schütze gewesen sein, der insgesamt 78 330 Stück Wild erlegte. Besonders viele und große Hirsche mit mächtigen Geweihen zur Strecke zu bringen, sei sein Ehrgeiz gewesen, heißt es. Während das Volk im Ersten Weltkrieg hungerte, ließ der Kaiser das Wild in der Schorfheide weiter füttern, obgleich das Kriegsernährungsamt dergleichen 1916 verboten hatte. 1918 musste Wilhelm II. abdanken. Im Exil erinnerte er sich 1927 wehmütig an die Brunftzeiten: »Gott weiß, mit welcher Lust ich dem edlen Weidwerk gehuldigt habe, und immer wenn die Zeit kommt, da die Hirsche im Walde schreien, möchte ich zur geliebten Büchse greifen und auf die Pirsch gehen.« Doch das Republikschutzgesetz verbot ihm, deutschen Boden zu betreten.

In der Schorfheide jagte inzwischen der preußische Ministerpräsident Otto Braun (SPD). Die Wilddichte war erheblich gesunken. Um die Unterhaltskosten zu senken und die größte Nahrungsnot zu lindern, hatte das preußische Landwirtschaftsministerium bereits 1919 verfügt, den Wildbestand zu reduzieren. Innerhalb weniger Wochen wurden daraufhin etwa 1700 Tiere abgeschossen.

In der ersten Runde der Reichspräsidentenwahl am 25. März 1925 noch Kontrahenten, kamen sich der unterlegene Sozialdemokrat Braun und der erzkonservative Sieger Paul von Hindenburg später persönlich näher. Ein Gespräch über die Elchjagd brach das Eis. Hindenburg erwies sich auch im hohen Alter von 84 Jahren noch als vorzüglicher Jäger. Zwar verhinderte Hindenburg nicht, das Braun bereits 1932 von den Faschisten aus dem Amt des preußischen Ministerpräsidenten entfernt wurde, doch ließ er den SPD-Politiker im Jahr darauf immerhin vor der bevorstehenden Verhaftung warnen. Braun konnte fliehen und überlebte.

Zum zügellosen Herren der Schorfheide schwang sich Hermann Göring auf. Im Umgang mit politischen Gegnern brutal, bei der Auseinandersetzung mit Konkurrenz in der Nazipartei kalt und rücksichtslos, spielte Göring auf dem diplomatischen Parkett jedoch den umgänglichen Naturfreund und Kunstliebhaber. Dazu passten seine zahlreichen Fantasieuniformen, die oft an Kostüme aus der Operette erinnerten.

Am Großen Döllnsee ließ sich Göring zunächst ein rustikales Jagdhaus erbauen. Das Anwesen, nach seiner verstorbenen schwedischen Ehefrau »Carinhall« getauft, wurde ausgebaut und nahm bald gigantische Ausmaße an. So gab es allein für die kleine Tochter Edda einen Nachbau von Schloss Sanssouci. Göring hielt sich auf dem Gelände Löwen und stopfte die Gebäude mit zusammengeraubten Kunstschätzen voll. Die Schorfheide sollte sich zu einem Urwald mit Wisenten entwickeln. Von »Carinhall« blieb wenig übrig. Die Nazis sprengten es, als die sowjetischen Truppen nahten.

Die Befreiung vom Faschismus läutere große Veränderungen auch für die Jagd ein. Nun war es nicht mehr so, dass die Privilegierten jagen und der einfache Mann höchstens wildert. Doch 1962 wurde die Schorfheide Staatsjagdgebiet und es wurde auch wieder über die Maßen Wild gefüttert, damit die an der Jagd interessierten führenden Genossen und ihre Gäste etwas geboten bekommen. Erich Honecker soll sich mit dem späteren sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew bei einer Jagd in der Schorfheide angefreundet haben. Breschnew ging lieber mit Honecker in den Wald, als mit Walter Ulbricht zu diskutieren. Diese Vorgänge warfen einen Schatten voraus auf die spätere Ablösung Ulbrichts, der nur ungern jagte, sondern lieber Ski lief. Im Jagdschloss Hubertusstock empfing Honecker SPD-Politiker wie Kanzler Helmut Schmidt und den saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, aber auch Bayerns Regierungschef Franz-Josef Strauß (CSU).

Es wäre zu wenig, das Buch »Jagd und Macht« nur interessant zu nennen. Es ist darüber hinaus sehr unterhaltsam. Wenn nur die Hälfte der Anekdoten darin stimmen sollte, wäre das immer noch toll. Das Schmökern lohnt sich. Gemessen an Umfang und Bebilderung ist das Buch auch ziemlich preiswert.

Burghard Ciesla, Helmut Suter: »Jagd und Macht«, bebra verlag, 256 Seiten, 24,95 Euro

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