Von Irmtraud Gutschke
03.05.2012
Literatur

Der Junge aus Horka

Jurij Koch: Mit seinem Buch »Das Feuer im Spiegel« holt er Erinnerungen aus dem Nebel

Womöglich kommt für jede, jeden die Zeit, da sie, da er zurückblicken möchte. Womöglich täte es jedem gut, das schreibend zu tun. Sich seiner selbst zu vergewissern, wie man wurde, was man ist, und dabei Kinder und Kindeskinder im Blick zu haben - vielleicht auch einen größeren Leserkreis. Aber für diesen bedarf es mehr als der Erinnerung, wie sie ist und sein soll. Da muss die Aufrichtigkeit tiefer gehen, als man es wollte. Und das Erzählen braucht einen eigenen Ton, der für Autobiografisches mindestens ebenso schwierig zu finden ist wie für eine »ausgedachte Geschichte«. Gut ist es auch, wenn man, wie Jurij Koch, als Schriftsteller schon einen Namen hat, damit die Leute aufhorchen. Denn Aufmerksamkeit ist ein rares Gut im Stimmengewirr, das uns umgibt.

»Erinnerungen an eine Kindheit« nannte Jurij Koch sein neuestes Buch im Untertitel. Aber der mitreißende Vorgang liegt hier nicht im Herausarbeiten des Allgemeinen - das unsereins schon aus mancherlei Berichten über Krieg und Nachkrieg kennt, obwohl es vielen Jüngeren auch wieder neu sein dürfte -, sondern im Unwiederholbaren. Diesen Jungen aus Horka mit seinen Erlebnissen gab es nur einmal und fast wäre er im Vergangenen verschwunden.

Es ist zunächst gar nicht einfach, ihn aus dem Nebel wieder hervortreten zu lassen. »Ich sehe mich mit meiner Mutter im Dunstlicht des Abends den leicht ansteigenden Weg zum oberen Wohnzipfel des Dorfes laufen ...« 1944: Der Achtjährige weiß nicht, was sich im Hof der alten Frau Kschischan Unerhörtes zugetragen hat. Erst später wird er es schaudernd zu ergründen versuchen. Noch schaut er mit blanken Augen in die Welt, in denen sich bald die Feuer von Dresden spiegeln werden, die er mit anderen Kindern aus der Ferne wie ein Spektakel bewundert. Für ihn ein Feuerwerk. Kurze Zeit später wird ihn eine Flamme treffen, derart, dass er fürchten muss, nie wieder sehen zu können.

Da denkt man an Gerat Lauter aus Jurij Kochs Roman »Augenoperation«. Ganz anders hat der Schriftsteller das also selbst erlebt: dieses Blindsein, diese Angst, dieses Hoffen. Damit er wenig später etwas zu sehen bekam, was ein Kind nie hätte sehen sollen. Aus nächster Nähe, noch mit dem Geschmack von russischem Brot, Borodinskij chleb, im Mund. Ein deutscher Überfall auf das Dorf, das schon von russischen Truppen eingenommen war. Und die Insassen eines Lazaretts, Mann für Mann, erschossen, erschlagen.

Die Wenden, die Sorben: Dass die sowjetischen Soldaten in ihnen die slawischen Verwandten erkennen würden, hofften sie. Ein unterdrücktes Volk, seit 1937 war das Sorbische in der Öffentlichkeit verboten. Der Junge aus Horka hat einen Lehrer, der eigentlich Sorbe ist, aber er steckt in einer gelbbraunen Uniform und spricht deutsch, wovon die Kinder erst einmal wenig verstehen. Das wird sich geben, in ihrer eigenen Sprache allerdings haben sie erst einmal nicht lesen und schreiben gelernt.

Erst später hat Jurij Koch von der Wiedergeburt der Domowina erfahren, legitimiert durch Erlass der sowjetischen Militäradministration. Was er damals unmittelbar zu spüren bekam (und was vielen Lesern eine Neuigkeit sein dürfte), war die Hilfe von tschechischer Seite. Anschaulich schildert er, wie im Dorf für ein tschechisches Gymnasium geworben wurde, wo es keinen Hunger geben sollte, und wie er mit zwei Freunden nach Varnsdorf kam, um dort - endlich - auch in seiner Muttersprache unterrichtet und wunderbar beköstigt zu werden.

»Maler oder Maurer« wird ihm von den dortigen Lehrern für seine Zukunft geraten, »fürs geistige Weiterkommen wird’s nicht reichen«. Da sollten sie sich geirrt haben. Wie es ihm an der Leipziger Universität erging, hat Jurij Koch hier nur angedeutet. Als Vorgriff auf ein weiteres Buch?

Jurij Koch: Das Feuer im Spiegel. Domowina-Verlag. 120 S., geb., 12,90 €.

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