Von Erik Eggers, Kiel
03.05.2012

Nach der Party ist vor der Party

Kieler Handballer feiern Meistertitel und sind mit der bislang perfekten Saison doch noch nicht zufrieden

Es war schon spät am Dienstagabend, kurz vor Mitternacht, als Marcus Ahlm im leeren Kabinengang der Kieler Halle auf seinen Trainer Alfred Gislason zuging. »Was ist los, Alfred?«, fragte der Kapitän des THW Kiel besorgt ob dessen Freudlosigkeit. Zuvor hatten Ahlm und seine Handballkollegen sechs Spieltage vor Schluss vor über 10 000 Fans die 17. Meisterschaft gefeiert. Nicht exzessiv, aber doch ausgelassen. »Für mich steht die Deutsche Meisterschaft ganz oben«, sagte Ahlm nach dem 32:27-Heimsieg gegen den SC Magdeburg, mit dem die Kieler den Startrekord in der Bundesliga auf famose 58:0-Punkte ausgebaut hatten.

Nur Trainer Gislason war nicht in Partystimmung, mürrischen Blickes war er nach der Schlusssirene in die Kabine marschiert. Der Isländer hatte sich über die harte Gangart des Gegners geärgert, über die Verletzung des Rückraumspielers Christian Zeitz und den Kopftreffer gegen Torwart Thierry Omeyer nur 17 Sekunden vor Schluss. Vor allem aber gingen ihm die Feierlichkeiten auf die Nerven, weil schon am Wochenende beim Finalturnier in Hamburg der Pokal ausgespielt wird.

»Wenn wir jetzt anfangen zu feiern, verlieren wir mit Sicherheit das nächste Spiel«, warnte Gislason. Folgerichtig blieb es für Mittwochmorgen, zehn Uhr, beim obligatorischen Training. »Ich bin sicher, dass alle kommen werden«, sagte er, ein Lächeln im Gesicht.

Schließlich ist da auch noch jener Wettbewerb, den Gislason als Krönung des Handballs betrachtet: Das Final Four der Champions League Ende Mai in Köln. Hier sind die Füchse Berlin im Halbfinale der Gegner. »Das ist größer als Olympische Spiele«, sagte Gislason, »in Köln spielen die besten Mannschaften der Welt, vor einem fachkundigen Publikum«. Gislason träumt von der Wiederholung des Kieler Triumphes von 2010.

Und doch gab es auch am Dienstagabend Momente, in denen der Trainer seinen Stolz über das Erreichte nicht verhehlen konnte, über diesen historischen Rekord in der besten Liga der Welt. »Das ist die beste Mannschaft, die ich je trainiert habe«, sagte der Isländer, der nicht dafür bekannt ist, mit Komplimenten um sich zu werfen. »Die Art und Weise, wie die Mannschaft miteinander harmoniert und Handball spielt, das ist schön.« Gleichzeitig betonte er, dass das Team eigentlich nicht anders trainiert habe als im Vorjahr, als der THW 13 Punkte Rückstand auf den HSV Hamburg aufwies.

Den Verlust des Titels im Vorjahr hatten die Kieler als Demütigung angesehen. »Letztes Jahr ist wenig gelungen, das hat wehgetan«, sagte Filip Jicha, der tschechische Halblinke, der aus dem Star-Ensemble des THW Kiel herausragt. »Für mich ist es deshalb ein großer Moment, den ich sehr genieße.« Gleichzeitig betonte Jicha den ungewöhnlichen Teamgeist als wichtigen Faktor, indem er auf die Reise nach La Reunion zum Start der Saisonvorbereitung zurückblickte. Im Indischen Ozean, der Heimat seines Kollegen Daniel Narcisse, sei das Team noch enger zusammengerückt. »Ob das der Grund war, dass wir uns so sehr konzentriert haben, weiß ich nicht, aber das hat uns als Mannschaft sehr nach vorne gebracht«, sagte Jicha. »Ich bin stolz, Teil dieses großen Teams zu sein.«

Zum Charakter des Teams gehört, dass sie nun das Maximum anstreben, eine Saison ohne Makel, 68:0-Punkte. »So wie ich unsere Mannschaft kenne, ist der Wille dazu vorhanden«, sagte Jicha. »Auch wenn wir jetzt Deutscher Meister sind, endet unsere Aufgabe doch noch nicht.«