Von Lucía Tirado
03.05.2012

Alle Mann nach Helsingør

»Hamlet-Lesarten« auf der BrotfabrikBühne

Intrige, Tod und Teufel. William Shakespeares »Hamlet« von 1603 bietet reichlich davon. Deshalb wohl ist es die meistgespielte Tragödie des Dichters. Immer neu lassen sich Theatermacher in den Bann der Geschichte ziehen. Die Brotfabrik ermöglichte jetzt mit ihren »Hamlet-Lesarten« drei jungen Berliner Teams eigene Interpretationen. Alle Mann nach Helsingør.

Die Gruppe Theater.Macht.Staat, die politisch kritisch von sich reden macht, holte Hamlet mit dem Stück »Ophelia.Shakespeare in den Städten« in die Gegenwart an die Imbissbude »Globe«. Dort vermacht er seine Zeit mit versoffener Mutter und stumpfsinniger Ophelia. Letztlich katapultierte das Stück ihn jedoch wieder zurück in seine Zeit, um ihm seine »wahre« Geschichte vor Augen zu führen.

Auch die Studierenden der Schauspielschule Charlottenburg bringen »hamlet.prinz von dänemark« ins Heutige. Er fährt in der Puppenspielfassung in den Semesterferien nach Hause. Wie das ankommt, wird sich noch zeigen.

»Ophelia«, das »Theater-Viertel«-Projekt von Studenten der Berliner Hochschulen, bleibt an der vom Dichter gewollten Zeit, ist aber ebenso frei interpretiert. Die Fassung von Denise Michels und Jeffrey Döring (Text) stellt die Liebende in den Mittelpunkt. Sie bleibt zwar fast so gehorsam wie im Original, kann aber ihr Elend beklagen. Ihr Weg ins Wasser wird lang, ihr Selbstmord dennoch unausweichlich. Sie hat keine Chance im männlichen Spiel der Macht.

Hamlet stellt sich wahnsinnig. Sie wird es vor Schmerz. Überdies findet sie in der Hofdame Megära keine Verbündete. Das bisschen Solidarität, welche die Kraft der Frauen im Machtspiel bei Hofe hätte stärken können, unterbleibt. Jede ist sich selbst die Nächste.

Neun Studierende unterschiedlichster Fachrichtungen spielen zehn Rollen in diesem Stück. Sie sind mehr oder weniger begabt für die Schauspielerei. Dem Hamlet-Darsteller Mario Bomers beispielsweise scheint sie ganz und gar nicht zu liegen. Andere haben im Laienspiel oder bei Darsteller-Workshops schon gute Erfahrungen gemacht. Aber sie lassen zumeist erkennen, dass der Ehrgeiz sie nicht zur Bühne treibt, dass sie eine gesunde Beziehung zu dem besitzen, was sie da machen. Doch sie haben Freude am Theaterspiel, was das Zusehen auch in der Stückzeit von 110 Minuten angenehm macht.

Wesentlicher erscheint bei dieser Inszenierung die gemeinsame engagierte Auseinandersetzung mit dem literarischen Stoff. Der ist hier nicht nur gut aufgebaut, sondern auch mit großem Fleiß sauber einstudiert. Stefanie Hörz bewegt tadellos bei Dörings Fassung als Ophelia einen Textberg. Katharina Röben trägt als Gertrud die Krone mit Würde. Tobias Groneberg verkörpert Polonius und König Claudius. Buckeln oder nicht buckeln, ist für beide die Frage. Isabelle Schulz lässt Megära kühl herüberkommen, Anna-Maria Kunath und Ante von Postel bringen als Güldenstern und Rosenkranz Witz mit. Jutta Skiba und Rico Berner sind als Laertes und Horatio im richtigen Moment zur Stelle. Der Text sitzt. Der Ablauf stimmt.

Gut gemacht ist die Musik von Bettina Kroner. Im Bühnenbild wurden die Holzpfeiler im Theaterraum leider kaum genutzt. Für die Zuschauer sind sie oft störend. Hier hätten sie bei Intrigen und geheimen Absprachen einen guten Ort abgegeben, werden aber zumeist nur zur »Aufbewahrung« von Spielutensilien wie Larven und Masken gebraucht. Sehr gut dagegen beziehen Friederike Laun und Caroline Schneider zwei Fenster und das davor wuchernde Efeu ein. Das ist auch gut ins Licht gesetzt.

Die BrotfabrikBühne gibt den Aktiven aller drei »Hamlet-Lesarten« nicht nur Gelegenheit, ihre Fassung aufzuführen. Sie können ihre Interpretationen vor Publikum auch miteinander diskutieren. Das geschieht am 3. Mai im Anschluss an die Vorstellung unter dem Titel »Bleib, sprich!«.

3. und 4.5., 20 Uhr, »Ophelia«, am 3.5. anschl. »Bleib, sprich!«, Brotfabrik, Caligariplatz 1