Von Caroline M. Buck
03.05.2012

Keine Leichtigkeit

»Die Liebenden - von der Last, glücklich zu sein« von Christophe Honor

Man liebt, unglücklich meist, und singt dann auch noch drüber in diesem zweiten musikalischen Melodram von Christophe Honoré nach »Chanson der Liebe«. Wie in den getanzten Sozialstudien eines Jacques Demy oder den liedunterfütterten Beziehungsdramen des späten Alain Resnais. Nur dass bei Honoré nicht Evergreens, sondern Originalkompositionen mit passgenau sprechendem Text den Darstellern helfen, das aufgewühlte Innenleben ihrer Figuren zu artikulieren - und diese Songs sind einfach selten gut genug.

Man könnte sagen, Honoré hat so etwas wie eine musikalisierte Neufassung von »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« aufgelegt - der Vorlage ist erkennbar mindestens eine der tragenden Figuren geschuldet, ein tschechischer Bruder Leichtfuß, der emotional über Leichen geht, wenn es sein Hormonhaushalt verlangt, und der sich selbst auch genau so schildert: als eine Palette emotionaler Grundfarben ohne Zwischentöne oder Nuancen. Lust, Stolz, Leichtsinn, Wut, sonst nichts. Aber ein Kundera ist aus »Die Liebenden« ebenso wenig geworden wie ein Demy oder Resnais.

Weil Honoré wohl glaubt, eine höhere Wahrheit jenseits des filmischen Realismus gefunden zu haben, gibt er sich keine Mühe, Handlung oder Figuren mehr als oberflächentief in der Realität zu verankern. Deshalb sind Madeleine und Véra, Clément und Henderson attraktiv und eigenwillig - aber flach. Und der größte Coup bei der Produktion dieses Films ist auch schon seine Besetzung: Catherine Deneuve und Chiara Mastroainni, Mutter und Tochter im wirklichen Leben, spielen Madeleine und Véra, Mutter und Tochter im Zentrum der Fiktion dieses Films.

Madeleine, in jungen Jahren dargestellt von Ludivine Sagnier, die hier also die junge Deneuve gibt (Chiara Mastroianni hat nicht die blumige Schönheit ihrer Mutter, sondern die kantigen Backenknochen ihres Vaters geerbt und auch nicht den passenden frivolen Optimismus für den Part), ist ein »leichtes« Mädchen im Paris der mittleren Sechziger. Eine kleine Schuhverkäuferin, die gern auch mal ein paar Designer-Schuhe besäße und sie deshalb abends mitgehen lässt, woraufhin draußen vor dem Laden prompt ein Freier seine Kundschaft anbietet, der das eitle Paradieren im neuen Schuhwerk als Lebendaushang eigener Waren verkennt.

Gelegenheit macht Diebe - und anderes, jedenfalls jobbt Madeleine von nun an in Teilzeit draußen vor dem Laden. Investiert dann doch die ganz großen, schweren, raumgreifenden Gefühle und kommt Zeit ihres Lebens nicht mehr von dem tschechischen Kunden los, der erst nicht zahlen konnte, dann ein untreuer Ehemann wurde und noch Jahre später auch Madeleines zweite Ehe mit amourösen Heimsuchungen plagt. Die lernt damit umzugehen (und der Zuschauer darf Deneuve fortan zu heimlichen Stelldicheins mit dem Exiltschechen Miloš Forman begleiten).

Véra aber ist anders, die Zeiten sind es vielleicht auch. Sie wird sich in eine desaströs verbaute Beziehung zu einem kranken schwulen Musiker hineinsteigern, der es besser weiß, aber zu nett ist, sie rechtzeitig wegzuschicken.

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