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Von Gunnar Decker
03.05.2012

Opulente Macht-Spiele

»Bel Ami« von von Declan Donnellan & Nick Ormerod

Das beste Buch über den Journalismus von heute ist schon einige Jahre alt: Balzac schrieb es als zweiten Teil seiner »Verlorenen Illusionen«. Das war 1839 - und diese »Sittengeschichte des Journalismus«, ein Spiegel der Restauration unter dem Bürgerkönig Louis Philippe, hat es in sich. Die Banken sind zu Geldgebern des Königshauses geworden, die Zeitung wird zum Mittel der Politik - Stendhal hat ebenfalls großartig in »Lucien Leuwen« darüber geschrieben. Das Sujet bei beiden: Begabter junger Mann kommt aus der Provinz nach Paris und droht sich im Labyrinth der Großstadt vollends zu verlaufen, denn die allein Rettung versprechenden Intrigenfäden der neuzeitlichen Ariadne sind ihm noch unbekannt, es steht schlecht um ihn. Aber dann naht Rettung, in Gestalt der Frauen, Gattinnen einflussreicher Männer, denen es zu gefallen gilt.

Doch was Rettung versprach, wird zum Fluch: der schnelle Weg »nach oben« ist in Wahrheit ein Absturz. Wer ein unglücklicher, unbekannter Dichter war, der nicht wusste, wovon er leben sollte, wird zum berühmten, mächtigen und reichen Journalisten, dem vor sich selber ekelt. Balzac, der das aus eigener Erfahrung kannte, urteilt: »Du besitzt nur zu sehr die Eigenschaften des Journalisten: glänzenden Vortrag und Raschheit des Gedankens. Du würdest nie ein geistreiches Wort unterdrücken, auch wenn es deinen Freund träfe. Wenn ich die Journalisten im Foyer des Theaters sehe, erfasst mich Grauen. Der Journalismus ist eine Hölle, ein Abgrund, in dem alle Lügen, aller Verrat, alle Ungerechtigkeit lauert; niemand bleibt rein, der ihn durchschreitet ...«

Knapp ein halbes Jahrhundert später hat Maupassant das Sujet des journalistischen Parvenüs wieder aufgenommen. »Bel Ami« (1885) ist ein Buch, in dem der Kapitalismus längst alle Lebensbereiche durchdrungen hat. George Duroy kommt aus Nordafrika, wo er Soldat im Kolonialkrieg gewesen war, zurück nach Paris. Er wohnt in einer elenden Dachstube mit Blick auf die Bahngleise: ein Entwurzelter. Er hat nur noch ein Kapital: »Dank seinem hübschen Gesicht und seiner gefälligen Figur stahl er sich da und dort ein bisschen Liebe, aber immer erhoffte er mehr und Besseres.«

Dann hat er - scheinbar - tatsächlich Glück. Trifft Forestier, einen alten Kriegskameraden, inzwischen politischer Redakteur bei der Zeitung »Vie Française«. Duroy kann nicht schreiben, aber er wird, dank der Protektion Forestiers, tatsächlich Journalist. Maupassants Blick auf Frankreichs Elite ist vernichtend, wenn er ihre Tischgespräche protokolliert. Das sind die zynischen Weisheiten von Blendern, die wie von heute klingen: »Ein etwas gewitzter Mensch wird eher Minister als Bürochef. Man muß imponieren und nicht bitten.« - »Verstehst du, es ist nicht schwer, für gescheit zu gelten: es kommt nur darauf an, sich nicht als Ignorant entlarven zu lassen. Du manövrierst, du weichst der Schwierigkeit aus, umgehst das Hindernis und treibst mit Hilfe eines Lexikons die anderen in die Enge. Alle Menschen sind dumm wie Gänse und unwissend wie Karpfen.«

Ein Buch über den schier unaufhaltsamen Aufstieg eines nicht mehr wie bei Balzac oder Stendhal begabten, sondern eines vollkommenen unbegabten Menschen, der allein eines noch beherrscht: gute Figur zu machen, nicht aufzufallen unter all den anderen Nichtskönnern. Seine erfolgreichen Zeitungstexte schreibt nicht er, sondern die Frau Forestiers, die er zu seiner Geliebten macht.

Maupassant hat einen vernichtenden Blick auf die mächtigen Männer seiner Zeit - wenn sie nicht immer kluge Frauen (nicht nur ihre eigenen) hinter sich hätten, wären sie bloß unnütze Zootiere, bestenfalls zu repräsentativen Zwecken und zur Vermehrung geeignet. Dieses Buch also sollte man wieder lesen (am besten in der kongenialen Übersetzung von Otto Flake), es ist ein Lehrbuch.

Aber sollte man auch die neue Verfilmung »Bel Ami« sehen, die nun in die Kinos kommt? Das Regieduo Declan Donnellan und Nick Ormerod drehte einen hochglanzaffinen Film, mit Stars wie Uma Thurman, Robert Pattinson, Kristin Scott Thomas und Christina Ricci besetzt. Der Eindruck: Er hat selber mehr von kalkuliertem Nobeljournalismus an sich, als dass er in seinen Schatten blickt. Dieser Film will niemandem weh tun und meidet - wohl der besseren Verkäuflichkeit wegen - jeden Anflug von Schmutz und Elend, der bei Maupassant immer präsent ist.

Es gibt bereits zwei Verfilmungen, die es ähnlich hielten und die trotz - oder gerade wegen - ihres Publikumserfolgs den Geist des Buches verrieten: eine von Willi Forst bei der Ufa (1938) mit sich selbst in der Hauptrolle (wobei er wie ein etwas schmieriger Aushilfskellner wirkte) und die andere mit Johannes Heesters als George Duroy. Letzterer traf den Typus des intriganten Verführers präzise.

Denn »Bel Ami«, der von allen geliebt werden wollende smarte Typus des eiskalten Karrieristen, ist der Prototyp des Erfolgsmenschen von heute. Ein Dieter-Bohlen-Typ, dessen Fähigkeiten die seines Publikums keinesfalls überschreiten, und der wegen seines Erfolgs dennoch zur Projektionsfläche jener Sehnsüchte wird, wie sie die Massenkultur erst erzeugt. Ein Virtuose, wie ihn jene Medien-Industrie, deren Produkt Aufmerksamkeit heißt, gern für eine Saison auf den Markt wirft.

Das Problem von Donnellan & Ormands »Bel Ami«-Verfilmung ist, dass man das Produkt durchaus - allerdings folgenlos - ansehen kann. Es ist gediegene Oberfläche, gehobene Unterhaltung, jedoch seelenlos alle Abgründe - und um die geht es! - vermeidend. Eine wünschenswerte »Bel Ami«-Adaption wäre Kammerspiel und nicht Breitwandformat.

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