04.05.2012

»Nicht verdrängen, sondern gestalten«

Deutscher Seniorentag: Die Altersforscherin Ursula Lehr über wachsende Anforderungen an Rentner

Am Donnerstag begann in Hamburg der 10. Deutsche Seniorentag. Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung stehen die Themen Altersarmut und demografischer Wandel. Organisiert wird der Seniorentag von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e. V. (BAGSO). Anlässlich der gestrigen Eröffnung des Großereignisses sprach nd-Autorin Susann Witt-Stahl mit der Vorsitzenden von BAGSO, der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula Lehr.

Lehr: Hat der gestern begonnene 10. Deutsche Seniorentag eine zentrale Botschaft?
Das Alter hat viele Gesichter. Die Anzahl der Jahre ist kein Kriterium, um Fähigkeiten und Fertigkeiten einzuschätzen. Es gibt keine Altersnormen, sondern nur Alternsformen. Wir sagen Ja zum Älterwerden, wollen das Altern nicht verdrängen, sondern gestalten.

Die Menschen werden nicht nur älter. Altern sie auch anders als in früheren Zeiten?
Dank des medizinischen, sozialen und technischen Fortschritts und Dank des Wissens um einen gesundheitsbewussteren Lebensstil und ein entsprechendes Verhalten sind sie heute gesünder als in früheren Zeiten.

Hat dieser Wandel mittlerweile auch die Arbeitswelt erreicht?
Selbstverständlich! Vor 50 Jahren sind viele bereits vor dem Berufsende verstorben; die durchschnittliche Lebenserwartung eines 65-Jährigen betrug etwa zwei Jahre. Wenn man heute in den »Ruhestand« geht, hat man noch etwa ein Viertel seines Lebens vor sich - oft 20 Jahre. Außerdem hat sich die Arbeitswelt sehr verändert: von der 48-Stunden-Woche zur 38-Stunden-Woche. Überdies hat sich die Arbeit selbst sehr verändert: von körperlicher Schwerarbeit, die mit dem Alter immer mühsamer wird, zu geistiger Arbeit, die sich trainieren lässt und weniger altersabhängig ist.

Ist die Rente mit 67 die richtige Reaktion auf diesen Prozess?
Im Prinzip ja. Aber wir brauchen eine Flexibilität der Altersgrenze. Wir haben heute einen durchschnittlichen Berufsanfang mit 25 Jahren, manche beginnen nach langem Studium erst mit 30 Jahren - warum sollen die denn nicht bis 67 und länger arbeiten?

Manchmal hat man den Eindruck, dass Senioren auf dem Arbeitsmarkt als Reservearmee in Stellung gebracht werden, um Druck auf die Jungen auszuüben? Wie sehen Sie das?
Ich sehe das nicht so. Die Jungen brauchen gar keinen Druck. Wenn Sie den demografischen Wandel begreifen, dann sehen Sie, dass wir in Kürze gar nicht genug Arbeitskräfte haben werden. In manchen Bereichen ist das heute schon der Fall. Außerdem gibt es viele ältere Menschen, die gern länger über die 65 Jahre hinaus arbeiten wollen und nicht müssen.

Ständig werden in den Medien positive Altersbilder produziert. Was ist mit denen, die gesundheitlich nicht mithalten können?
Das ist nicht mein Eindruck. Die Medien zeigen sehr häufig Situationen im Pflegeheim, also keineswegs nur positive Altersbilder. Vielleicht sollten auch die Medien differenzierter über das Alter berichten, ohne vorm Altern Angst zu machen, aber auch, ohne zum Marathon für Hundertjährige aufzufordern. Manche Medien berichten bereits sehr differenziert.

Alte können heute mitmachen oder müssen sie sogar?
Älteren Menschen sollte man alle Möglichkeiten des Mitmachens eröffnen. Alter darf kein Ausschließungsgrund sein. Von einer offiziellen Verpflichtung, etwas im Alter zu tun, halte ich aber auch nichts.

Vielen Menschen droht im Alter das soziale Abseits. Wer arm ist, dem ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt. Wie kann die Altersarmut in Zeiten unterbrochener Erwerbsbiografien bekämpft werden?
Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hängt nur bedingt von der finanziellen Situation eines Menschen ab. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften fragen nicht, ob einer arm oder reich ist. Heute finden wir Altersarmut hauptsächlich bei alleinstehenden Frauen, die nie berufstätig waren oder mit der Ehe ihren Beruf aufgegeben haben. So haben manche der heute alten Frauen gar keinen - oder nur einen äußerst geringen eigenen Rentenanspruch, weil sie eben nur wenige Jahre in die Rentenkassen einbezahlt haben. Armut bei den jüngeren finden wir vornehmlich bei alleinerziehenden Müttern. Hier muss alles getan werden, dass ihnen eine Berufstätigkeit ermöglicht wird.

Aber sind die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt heutzutage nicht ungleich schwieriger?
Es stimmt: Niedrige Löhne, unterbrochene Berufsbiografien und Langzeitarbeitslosigkeit stellen unser Rentensystem vor schwierige Aufgaben, die heute gelöst werden müssen. Ein Problem ist auch die »Generation Praktikum«, die nach der Berufsausbildung keine feste Anstellung erhalten hat und so auch nicht in die Rentenkassen einzahlen konnte.

In Zukunft aber haben wir in vielen Bereichen einen Arbeitskräftemangel; so dass man alles tun wird, gute Kräfte im Betrieb zu halten. Ich selbst sehe auch die Möglichkeit, dass Rentner sich noch einen neuen Job suchen. Einmal, um ihre Finanzen zu verbessern, zum anderen aber auch, um noch eine Tätigkeit zu haben, um Abwechslung zu haben, um zu Hause nicht zu »versauern«.

Das Phänomen der »Silver worker« könnte auch bei uns zukünftig mehr und mehr Realität werden. Vielleicht muss man auch über eine kleine Vergütung ehrenamtlicher Tätigkeit nachdenken, eine Möglichkeit, die der Bundesfreiwilligendienst ja heute schon bietet.

Früher wurde Integration propagiert, heute Inklusion. Die Gesellschaft öffnet sich Behinderten und Alten, baut Barrieren ab, bietet Technik. Reicht das, oder muss der Mensch selbst stärker im Mittelpunkt stehen?
Ich weiß nicht, ob es geschickt ist, »Behinderte und Alte« in einem Atemzug zu nennen. Altern ist nicht mit Behinderung gleichzusetzen. Aber selbstverständlich gehören sowohl behinderte Menschen - junge wie alte - als auch alte Menschen - mit und ohne Behinderungen - in die Mitte unserer Gesellschaft. Wenn wir sie erst gar nicht ausschließen, also desintegrieren, dann müssen wir sie auch nicht erneut einschließen, also integrieren. Das Abbauen von existierenden Barrieren und die volle Ausnutzung der Technik halte ich für absolut sinnvoll, doch bei all dem hat der Mensch natürlich im Mittelpunkt aller Bemühungen zu stehen.

In letzter Zeit ist des Öfteren vom »Generationenkrieg« die Rede. Die Älteren verfrühstückten die Zukunft der Jungen, hört man immer wieder. Ist dies ein ungerechter Vorwurf im Hinblick auf die Lebensleistung der Generation?
Der Generationenkrieg wird manchmal nur herbeigeredet. In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen den Generationen im familiären und außerfamiliären Bereich weit besser als es manchmal in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Alle Untersuchungen zeigen eine große Solidarität zwischen den Generationen. Eine jede Zeit hat ihre ganz eigenen Herausforderungen an Junge, Mittelalte und Alte. Die Herausforderungen sind - je nach geschichtlicher Situation - unterschiedlich: Krieg, Verlust von Hab und Gut, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Ölkrise, »Generation Praktikum« - um nur einige Stichworte zu nennen.

Welche Rolle spielt die Familie in Zukunft bei der Versorgung der Alten?
Familienpflege hat ihre Grenzen, einmal weil immer mehr ältere Menschen keine Kinder haben. Und wenn Kinder da sind, wohnen sie meistens nicht in der Nähe der alten Eltern.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken

Bisher hat 1 Leser diesen Artikel in seiner Favoritenliste empfohlen.