Von Kurt Pätzold
05.05.2012

Sie haben millionenfaches Morden beendet

8. Mai 1945, Tag der Befreiung - In Deutschland wird der Befreier immer noch ungenügend gedacht

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Der Rotarmist vom Ehrenmal in Berlin-Tiergarten

Richten sich Gedanken und Blicke der letzten deutschen Zeitgenossen oder der Mehrheit der Nachgeborenen auf das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, tauchen ihnen Bilder von Opfern auf. Sie haben sich ihnen tief in das Gedächtnis eingegraben, sind von Fotos und Filmen her bekannt oder auch aus Erzählungen und Schriften. Da sind die Flüchtenden zu Fuß und auf den verschiedensten Fahrzeugen aus Ostpreußen, Pommern, dem Osten Brandenburgs und Schlesiens, die nicht in das nahende Kriegsgeschehen geraten wollten. Dort die Trümmer der durch Fliegerangriffe zerstörten Städte in West und Ost, Chemnitz und Potsdam, Pforzheim und Würzburg. Da die immer noch schießenden Wehrmachtssoldaten im Vorfeld von Berlin an der Oder, in der »Festung Breslau«, am Rhein und im Ruhrkessel. Sodann die Kolonnen auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft.

Im letzten Jahrzehnt haben die Hersteller von Filmen dieser Perspektive der Geschichtserinnerung mächtig Nahrung gegeben: 2004 mit »Der Untergang« und den Bildern von den Kämpfen in der Trümmerwüste Berlin, 2006 mit »Dresden« und dem Feuersturm der Februarnacht, 2007 mit »Die Flucht« und dem Elendszug Fliehender aus Ostpreußen auf endlosen Wegen und in Eiseskälte, 2008 mit »Die Gustloff«.

Trotz dieser dominierenden Erinnerungsperspektiven hat sich in Deutschland der Begriff »Befreiung« durchgesetzt, wenngleich er andere Begriffe wie etwa Zusammenbruch, Untergang und Katastrophe nicht verdrängt hat. In der Bundesrepublik setzte sich die Einsicht ungleich später als in der ostdeutschen Republik durch, war erst durch eine Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 angestoßen worden. Das bewirkte freilich nicht, dass dem Begriff »Befreiung«, wo er in Gebrauch kam, von den Deutschen die gleiche Bedeutung beigelegt wurde. Die einen sahen sich von den Ängsten befreit, in die sie das Kriegsgeschehen versetzt hatte, vor Bombenangriffen, der Nachricht vom Tode eines Angehörigen, der Vernichtung von Heim und Habe usw. Befreit auch vom Blick in das Dunkel einer ungewissen Zukunft, an dessen Stelle allmählich wieder Hoffnungen treten konnten. Am schwersten verbreitete sich die Erkenntnis, dass mit diesem Maitag 1945 die Deutschen in ihrer Mehrheit von der schändlichsten Rolle befreit worden waren, die sie je in ihrer Geschichte gespielt hatten. Erst 50 Jahre nach Kriegsende hat die so genannte Wehrmachtsausstellung den beschönigenden Gedankenbildern durch die Präsentation von grausigen Bilddokumenten ein Ende gemacht, wenn auch kein totales.

Wie häufig trat bei der Konzentration auf das Geschehen die Frage nach dem »Warum« in den Hintergrund. Und die lautet: Warum hat dieser Krieg denn bis in die ersten Maitage gedauert? Warum endete er nicht, als die Armeen der Alliierten die Reichsgrenzen in West und Ost erreicht hatten? Denn da war er bereits definitiv verloren, eigentlich schon lange vorher. Dieser Einsicht konnten sich nach dem Zusammenbruch der deutschen Verteidigung im Mittelabschnitt der Ostfront im Sommer 1944 und der gleichzeitigen Operationen der Westalliierten im Landungsraum in der Normandie nur noch fanatische Faschisten oder Dummköpfe verweigern.

Am 10. Oktober erreichten sowjetische Truppen die ostpreußische Grenze, am 21. Oktober eroberten US-amerikanische Einheiten die erste deutsche Stadt, Aachen. Der Krieg kehrte dorthin zurück, von wo er ausgegangen war. Kein Wehrmachtsgeneral konnte noch an eine Wende des Kriegsgeschehens glauben. Sie wussten es von ihrem Studium auf Kriegsakademien oder eigenem Erleben, wie ein Vierteljahrhundert zuvor der Krieg zu Ende gegangen war, der inzwischen der Erste Weltkrieg hieß.

Am 18. Juli 1918 hatte nach einer Serie deutscher Offensiven die strategische Gegenoffensive der Alliierten begonnen, mit deren Entfaltung die deutschen Truppen nicht nur das eben eroberte Gebiet preisgeben mussten, sondern der Zusammenbruch ihrer Front und die heillose Flucht vor der Übermacht drohte. In dieser Situation verlangte die Oberste Heeresleitung Ende September/Anfang Oktober von der Reichsregierung die sofortige Aufnahme von Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen mit den Kriegsgegnern auf der Grundlage des 14-Punkte-Programms des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Der Vertrag wurde am 11. November 1918 in Compiegne unterzeichnet, an einem Tag, da sich noch kein einziger Soldat der gegnerischen Armeen (außer Gefangenen) auf deutschem Boden befand. Der Krieg, der mehr als vier Jahre gedauert hatte, war - von einer kurzen Anfangsphase, als eine russische Armee nach Ostpreußen eingedrungen war - nicht auf dem Boden des Reiches ausgetragen worden, hingegen in Frankreich und Belgien, in Italien und Serbien, in Rumänien und Russland.

Nun hatte das Drängen der Militärs um Ludendorff auf das Ende der Kriegshandlungen nichts mit der Schonung von Menschenleben zu tun, wohl aber mit der Berechnung, das Bild der totalen militärischen Niederlage zu vermeiden. In der Tat begünstigte dieses Schlachtenende die bald verbreitete Legende vom deutschen Heer, das »im Felde unbesiegt« geblieben sei. Aber, welches Kalkül sich auch mit der Initiative verband, Zivilisten um Waffenstillstand und Frieden nachsuchen zu lassen und sich vor dem Geständnis des eigenen Bankrotts zu drücken: die Generalität hatte mit ihrer Forderung einen Krieg, der verloren war, auch verloren gegeben.

Anders 1944/45. Dass dieser Krieg das fünfte Jahr fortdauerte und weitere Tausende von Menschenopfern, Soldaten und Zivilisten, forderte, geht auf das Schuldkonto der deutschen Militärelite und »Hitlers willigen Vollsteckern«. Was immer die Beweggründe waren, nicht zu handeln wie 1918 - sei es die Angst gewesen, das Ende der Männer des 20. Juli '44 zu teilen, oder die Aussicht, auf der Anklagebank der Sieger zu landen, Stumpfheit und Dumpfheit auch vieler Untergebenen - , damit lud sich die »Elite« die Verantwortung für jene Masse deutscher Soldaten und Zivilisten auf, die noch im letzten Kriegsjahr starben. Merkwürdig, dass davon heute kaum die Rede ist, wohl aber vom britischen Luftmarschall Arthur Harris und den Gewalt- und Racheakten sowjetischer Soldaten.

Zu den ausgelassenen Perspektiven auf das Jahr 1945 gehört auch, dass von den Befreiern und ihren Wegen nach Berlin und Greifswald, Magdeburg und München, also von ihrem Landkrieg auf deutschem Boden, kaum konkrete Vorstellungen existieren. So viel deutschsprachige Literatur es über den Krieg 1939 bis 1945 inzwischen in Bibliotheken und auf dem Büchermarkt gibt, so liegt doch keine zusammenfassende Darstellung des Krieges vor, den Angehörige der Völker der Sowjetunion, Polen und Bürger des britischen Empire, Engländer, Schotten, Iren, Kanadier, Australier, Neuseeländer und Inder, Franzosen, Nord- und Schwarzafrikaner sowie US-Amerikaner zwischen Tilsit und Aachen führten. Sie kämpften subjektiv nicht für die Befreiung der Deutschen, sondern um dem Morden ein Ende zu bereiten und heil nach Hause zu gelangen, zu Frauen, Kindern und Geschwistern.

In deutschen Schulbüchern werden geschätzte Zahlen der Toten genannt, die auf der Flucht nach Westen oder beim Luftangriff auf Dresden umkamen. Über die auf deutschem Boden gestorbenen Soldaten der alliierten Armeen findet sich kein Wort; das Schulbuch, das einen den Befreiern gewidmeten Friedhof zeigt, muss noch gedruckt werden. Es könnte der für US-Soldaten im französischen St. Avold sein, für britische in Rheinberg am Niederrhein oder in Hannover-Ahlem oder auch für sowjetische in Brandenburg, Mecklenburg oder Sachsen. Damit würde die Vorstellung von den Opfern dieses Krieges über das in Filmen vermittelte Bild hinaus der Wahrheit näher gebracht werden und das Nachdenken über die Befreiung Konkretheit gewinnen.

Von Prof. Kurt Pätzold erschien jüngst bei PapyRossa »Wahn und Kalkül: Der Antisemitismus mit dem Hakenkreuz« (15,90 €).

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