05.05.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Unsere Reiselust hilft Griechenland

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25 Jahre vergingen bis zum Anstoßen auf's Wiedersehen.

Das Motto des 10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerbs schließt auch die Umkehrung ein. Welt-Anschauung kann auch zu unterschiedlichster Reiselust führen.

Anfang der 70er kam ein Studentenpaar aus Griechenland zu uns in die DDR, das wegen seiner Welt-Anschauung von der Militärjunta verfolgt wurde. Wir betreuten es, halfen bei der Welt-Anschauung und der Vorbereitung auf die Heimkehr, in das unter der Militärdiktatur leidende Land. Unter falschem Namen waren die beiden Studenten oft unterwegs, auch an uns unbekannten Orten. Ein Jahr und mehr war schnell vergangen.

Eines Tages fanden wir einen Brief mit folgendem Text im Kasten: »Ein Gespenst geht um in Europa!! ... durch Kleinmachnow kommt während dieser Woche (genau wann, kann auch ein Gespenst nicht bestimmen!)«.

Dass es der letzte Besuch sein würde, kam überraschend und stimmte alle sehr traurig. Vor der Reise ins Ungewisse wollten wir noch mit einem Glas Sekt anstoßen. Das wurde jedoch mit dem Vorschlag abgelehnt, die Flasche erst beim nächsten Wiedersehen zu öffnen. So wurde das Etikett mit dem Datum und unseren Unterschriften versehen und aufgehoben.

Leider hatten wir keinen Kognak angeboten, denn bis zur Öffnung der Flasche sollten 25 Jahre vergehen. Mit der Abreise musste der Kontakt beendet werden, und das Warten begann. Über geheime Kanäle wurden zwar wenige Male Lebenszeichen gesendet, doch von Verhaftung, Folter und Befreiung erfuhren wir erst nach dem Wiedersehen.

Nachdem bei uns 1989 die Mauer gefallen war und Westreisen möglich wurden, sparten wir unsere ersten DM und buchten eine Busreise nach Griechenland. In Athen meldeten wir uns bei unserem Reiseleiter ab und begaben uns auf die Suche nach unseren Freunden. Eine kurze Kontaktaufnahme gelang und brachte die Vereinbarung eines Besuches. Bald wurde bei großer Wiedersehensfreude symbolisch auch die Sektflasche geöffnet.

Wir reisten mehrere Male, und die Gastgeber fuhren in ihrem alten Lada mit uns fast durch ganz Griechenland. So lernten wir viele Naturschönheiten, Inseln, Strände, historische und andere Sehenswürdigkeiten sowie gastfreundliche Menschen kennen. Um für Kontinuität und Reiselust in der Familie zu sorgen, nahmen wir auch schon einmal unseren Enkel mit.

Im Grunde genommen ist Griechenland eine einzige Museums- und Tourismusinsel und kein profitabler Industriestandort. Es hat Europa seinen Namen gegeben und seine kulturelle und demokratische Entwicklung stark geprägt. Dieses Land aus reinen Profitinteressen durch Aufrüstung und andere Zwänge in die Schuldenfalle zu treiben, um es zu entmündigen und »kaputt zu sparen« ist ein Kapitalverbrechen der EU und verstößt gegen die Europaidee.

Vor zwei Jahren, zu meinem 80. Geburtstag, weilten »unsere Griechen« bei uns. Sie nutzten auch die Gelegenheit, nach Spuren aus der Zeit des Aufenthalts in der DDR zu suchen, doch es waren kaum noch welche zu finden oder vorhanden. Dieses Jahr, zum 80. Geburtstag meiner Frau, wollten sie auch kommen. Sie mussten jedoch absagen. Schon zwei Jahre EU-Politik haben ausgereicht, ihre Lebensgrundlagen erheblich zu erschüttern. Dabei ist das erst der Anfang. Die mit Lügen und Verleumdungen geführte Politik des sozialen Kahlschlags löst Widerstand aus, der leicht in Hass und Gewalt umschlagen kann. So, wie in Deutschland angeblich aus Geldmangel Theater, Orchester, Bibliotheken, Jugendclubs und anderes stirbt, wird in Griechenland ein ganzes Kulturland dem schnöden Mammon geopfert. Von den milliardenschweren Rettungsschirmen profitieren nur in- und ausländische Banken und Spekulanten, aber nicht bedürftige Bürger. Gerade deshalb braucht Griechenland unsere Solidarität. Da können unsere Reiselust und eigene Welt-Anschauung sehr hilfreich sein!

Helmut Hauck
17129 Alt Tellin