05.05.2012

Es gibt kein Rezept

Schauspielerin JUTTA HOFFMANN über Ammendorf, Sterntaler und Berufsrisiko

JUTTA HOFFMANN - anrührende Einheit von Liebenswertem und Störrischem. Bezaubernde Naivität, raffiniert durchsetzt von Oppositionsgeist. Ihr Mut: Anmut und Übermut. Sie hat deutsche Film und Theatergeschichte mitgeprägt, war » Inkarnation der DEFA-Hoffnung auf Weltgeltung«, schrieb Publizistin Jutta Voigt. Kürzlich war Jutta Hoffmann zu Gast bei »›nd‹ im Club«. Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Gespräch.
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»Fräulein Julie« (1974) verlässt das Theater ...

nd: Jutta Hoffmann, Sie wurden jung, am Maxim-Gorki-Theater, zum Intendanten Maxim Vallentin gerufen, er kündigte Ihnen eine große Rolle in seiner Tschechow-Inszenierung an. Daraufhin Sie: »Aber mir gefallen Ihre Inszenierungen nicht.« Vallentin: »Tja, wenn Ihnen die Aufführungen des Intendanten nicht gefallen, müssen Sie das Haus verlassen.« Wieder Sie: »Ja, gut, dann muss ich eben das Haus verlassen.« Würden Sie, eine erfahrene Schauspiellehrerin, solch eine Reaktion heute noch weiterempfehlen?
Nein. Das war ziemlich kühn.

Sie konnten nicht anders?
Ich bin immer meinem Herzen gefolgt. Bevor ich gedacht habe, was richtig sei, habe ich es gefühlt. Ich wollte damals eine andere Art Theater spielen. Und es klappte dann ja auch. Ich hatte Glück.

Heute müsste man, als Anfänger, vorsichtiger sein?
Man muss durch vieles hindurch, allein schon, um zu lernen. Aber auch, um gesehen, bemerkt zu werden. Wer im falschen Moment »Nein« sagt, kann sich alles verbauen - freilich: Wer im falschen Moment »Ja« sagt, auch. Es gibt kein Rezept für richtiges Leben.

Dass Sie so entschieden reagierten bei Vallentin - war das Charakter oder Erziehung?
Kann ich nicht so eindeutig sagen. Ich bin offensichtlich begabt gewesen, und eine innere Stimme hat mir eingeschärft, das nicht aufs Spiel zu setzen. Es ist ein geheimnisvoller Vorgang: sich einem Talent verpflichtet zu fühlen, das man noch gar nicht so genau kennt. Es war Instinkt: Verplempere dich nicht!

Sie wollten nie etwas anderes werden als Schauspielerin.
Mein Vater hatte einen Kriegskameraden, furchtbares Wort!, der war in Halle Schauspieler, der Heinz Rosenthal. Wir waren mit ihm befreundet, ich wuchs quasi in den Garderoben des Theaters auf. Mein Vater sagte, Schauspieler müssten gebildete Menschen sein, also machte ich Abitur. Bei der Aufnahmeprüfung fiel ich durch. Aber nicht wegen fehlenden Talents, sondern weil ich kein Arbeiter- und Bauernkind war, unglücklicherweise Tochter eines Angestellten. Ich hätte die Sozialquote verdorben. Mein Vater: rin in den Bus nach Leipzig, zum Direktor Rudolf Penka ins Büro, er ging dem Mann an die Krawatte: »Genosse Herr Penka, ist meine Juttel begabt oder nicht?« Der erschrockene Penka versprach einen Platz an der Filmhochschule Babelsberg - wo ich dann studiert habe.

Unglücklich studiert.
Na, das ist zu viel gesagt. Aber mir lag diese Stanislawski-Methode nicht, dieses Monologisieren und die Augen in die Ferne richten. Das fand ich blödsinnig, so weit abgekoppelt vom Leben und meinen Erfahrungen.

Hat Sie je die Abhängigkeit Ihres Berufes gestört? Man wird besetzt oder nicht, das hängt von fremden Gemütern ab, immer.
Ich muss schon wieder vom Glück reden, das man braucht. Glück - und Durchhaltevermögen, wenn das Glück auf sich warten lässt. Denn obwohl es sich nicht zwingen lässt, muss man bereit dafür sein. Man kann nicht die Schürze aufhalten und meinen, die Sterntaler fielen herab. Man muss arbeiten, so, als sei das Glück, das noch fern ist, schon da. Leidenschaft ist: lernen, probieren!

Im DEFA-Film »Maibowle« überreichen Sie dem Schauspieler Erich Franz einen Blumenstrauß, eine winzige Szene. Mehrere Mädchen, Statistinnen, standen bereit. Sie sind vorgestürmt. Sie wussten schon sehr wohl, wo die Kamera steht.
Ja, das wusste ich.

Es hätte auch ein anderes Mädchen treffen können.
Nein, das musste ich sein. Das musste so kommen. (Lacht.)

Spielen haben Sie bei Benno Besson gelernt, am Deutschen Theater?
Ich spielte bei ihm die Donna Elvira im »Don Juan«, mit Rolf Ludwig und Reimar Joh. Baur. Ich fühlte, was zu fühlen war, Eifersucht, Liebe, Zorn - aber nach zwei Minuten war das Gefühl weg. Ich suchte die Gefühle in mir. Besson sagte in seinem wunderbaren schweizfranzösischen Deutsch: »Jutta, was suchen Sie da in sich, da ist nur Galle, Leber, Magen.« So lernte ich die Gleichzeitigkeit: sich zu offenbaren und das für die Reproduktion zu speichern. Jeden Abend nur Innenblick auf Galle, Leber und Magen, das reicht nicht.

Bei »Kleiner Mann - was nun?« landeten Sie ebenfalls binnen kurzem beim Fernsehchef.
Der bezeichnete mein Lämmchen als kleinbürgerlich. Er wollte eine Kommunistin sehen. Das steht so aber nicht bei Fallada. Ich dachte beim Spielen immer an meine Mutter und fühlte, dass das glaubwürdig, wahrhaftig sein könnte - Lämmchens Jagd nach dem kleinen Zipfel vom besseren Leben. Ja, man drohte mit Umbesetzung, ich sei zu wenig proletarisch. Polyestergekleidete Herren, selber die Kleinbürger in Reinkultur, erklärten mir, wie ich die Rolle anzulegen hätte. Mir war das wurscht, ich sagte nur, wenn man aus Fallada Hans Marchwitza machen wolle - ohne mich. Wir haben uns durchgesetzt. Ich war mager, klein, aber nicht ängstlich.

Auffällig oft hört man, wenn Sie über Ihr künstlerisches Leben sprechen, einen Ton des Staunens: Ich aus Ammendorf! Als passe Ihr Herkunftsort so gar nicht zu dem, was Sie erreicht haben.
Ist doch auch ein Wunder! Ich kann nicht vergessen, wo ich herkomme. Natürlich kann eine Schauspielerin aus Ammendorf auch eine Adlige spielen, aber geprägt hat mich die Nähe zu Menschen, von denen ich weiß, sie haben keine öffentliche Stimme, aber ich habe ihr Leben doch gesehen, gefühlt, gerochen, ich kann etwas spielen, das mit ihnen zu tun hat, darin sie sich wiedererkennen, ob im Guten oder Bösen, Heiteren oder Traurigen. Ich habe immer daran gedacht, für wen ich spiele, für Leute, die im Kino sitzen, mich sehen und sagen: Schön oder schlimm - woher weiß die das von mir?!

Sie haben eben darüber gesprochen, wofür Sie spielen.
Na, für Geld.

Korrektur: Für wen Sie spielen. War das dann auf Bühnen in Hamburg und München anders?
Ja, das war kompliziert. In der DDR hatte ich das Gefühl, es werde nach Brechts Prinzip gehandelt: mit der Schauspielkunst auch die Zuschaukunst zu entwickeln.Wir redeten miteinander. Die Leute verstanden die Zeichen der Kunst und warteten regelrecht darauf. Im Westen war dann vieles so elegant, so exklusiv, so distanziert. Ich weiß, dass ich jetzt vereinfache, aber das Grundgefühl war so. Ich habe gespielt und weiter Ammendorf im Kopf gehabt.

1974 spielten Sie »Fräulein Julie« am Berliner Ensemble, inszeniert von B. K. Tragelehn und von Einar Schleef. Es war das BE-Ende für beide …
Auch für die Intendantin Ruth Berghaus.

Am Schluss der Aufführung verlassen Sie über die Bankreihen des Zuschauerraumes das Theater. Später wurde das als Metapher interpretiert: Es war der Weg aus der DDR hinaus. Haben Sie das von Anfang an so gedacht?
Wirklich: keine Ahnung. Julie verlässt halt die Bühne. Sie soll sich die Kehle durchschneiden und tut es nicht. Sie haut ab, ja, aber wohin? Keine Ahnung.

Ein schönes Beispiel für das Geheimnis der Kunst: Was geschieht, muss nichts mit den Motiven zu tun haben, aus denen heraus gehandelt wird.
Wie in der Geschichte. Wie im Leben.

Was war für Sie das Außergewöhnliche an Einar Schleef?
Ganz simpel: die Wurzeln. Er war ein Juwel ganz aus Herkunft. Er kam ja aus Sangerhausen, aus diesem verkorksten und wunderbaren, aus diesem tristen und beladenen Mitteldeutschland, er hatte alles in sich, das Teutonische und Traurige und Elende und Ewige. Der liebe Gott hat ihn mit Genie berührt, er war groß als Regisseur, als Tänzer, als Bühnenbildner, als Maler, als Autor. Ich habe mich wunderbar mit ihm verstanden. Für ihn war Theater eine Arbeit, danach hatte man müde und matt zu sein wie »ein Schichtarbeiter in der Straßenbahn«. Mit ihm zu tun zu haben, das war wie Steine schleppen. Er hat sich nie versöhnt mit dem Beruf und der Welt. Toll!

Dass Filme, in denen Sie mitwirkten, verboten wurden, dass Sie nach dem Protest gegen Biermann genötigt waren, die DDR zu verlassen - Sie haben nie geschäumt, Sie haben die Schultern gezuckt: Berufsrisiko. Also muss der Künstler stets mit Widerstand rechnen?
Wer wie ich schon im Jahre 1959 Heiner Müller und B. K. Tragelehn trifft, Leute mit früher Verbotserfahrung, der ist fortan geimpft, der weiß beizeiten, wofür zu mühen sich lohnt. Dann die Erfahrungen mit dem großartigen Egon Günther, mit Frank Beyer! Da senken sich dir Maßstäbe ein, die nicht mehr aus dem Gemüt zu kriegen sind. Und dann erlebst du die Kleingeister und ahnst, dass es etwas zutiefst Natürliches und Logisches hat, bei denen anzuecken.

Sie haben nie etwas aus einer Kontrahaltung gespielt?
Nur immer aus tiefem Interesse - und dem Glauben, dass das, was mich bewegt, auch andere Leute bewegen würde. An Funktionäre und Ideologen dachte ich nie. Ich war nicht denen verpflichtet, sondern Autoren und Regisseuren. Und mir. Es war immer so, wie es schon bei Maxim Vallentin war: Ein paar Leute konnte ich nicht leiden und ihre Arbeiten auch nicht. Und geblieben ist auch, dass ich das solchen Leuten sage.

Interview: Hans-Dieter Schütt

Buchtipp: Jutta Hoffmann. Schauspielerin