Von Thomas Guthmann
05.05.2012

Tragfähig wirtschaften

Die Kaffeeplantage Alto Sajama in Bolivien profitiert von der Kooperation mit deutscher Fairhandelsorganisation

Kaffee - fair und ökologisch: Fairer Handel bedeutet Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern und Beschäftigten in den sogenannten Entwicklungsländern - und damit mehr Gerechtigkeit in der Weltwirtschaft. In der Bundesrepublik wurde 1986 der erste fair gehandelte Bio-Kaffee eingeführt. Diese experimend-Seite stellt ein aktuelles Projekt fairen Kaffeehandels aus Bolivien vor.
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Don Jaime auf einer Parzelle von Alto Sajama. Die Kooperative des Kleinbauern gehört zu den Partnern der GEPA (Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt), die größter europäischer Importeur fair gehandelter Lebensmittel und Handwerksprodukte aus Afrika, Asien und Lateinamerika ist.

Sanft hügelig geschwungen präsentiert sich die Landschaft in der Provinz Caranavi. Eingebettet in das üppige Grün findet man die Kaffeekooperative Alto Sajama. Obwohl sie nur 200 Kilometer von der Hauptstadt La Paz entfernt ist, könnte der Kontrast zum kargen Hochland Boliviens kaum größer sein.

Am Rande der beeindruckenden Bergnebelwälder der Yungas, zwischen Palmen und Chinarindenbäumen schmiegen sich die Parzellen von Alto Sajama an die Hänge. Die Kaffeepflanzungen machen den Urwald an dieser Stelle zu einer Kulturlandschaft. Rund 130 Familien leben hier verstreut auf kleinen, wenige Morgen umfassenden Fincas, rund eine Autostunde von Caranavi entfernt. Es sind unabhängige Bauern, die sich zusammengeschlossen haben, um den Verkauf ihres Kaffees zu organisieren.

Einer davon ist Don Jaime. In gelbgrünem Trikot der Kooperativenfußballmannschaft, Flip Flops und Pumphose steht er inmitten kleiner Anpflanzungen und erklärt: »Das ist unsere Kinderstube, hier werden die Kaffeesträucher angezogen, bis sie knöchelhoch sind. Wir verwenden dabei keine Chemikalien.« Der Mittzwanziger ist verantwortlich für die Aufzucht der Kaffeepflanzen.

Die Kooperative organisiert die Aufzucht und den Vertrieb des Kaffees. Die Familien bauen dagegen auf ihren Parzellen Kaffee in eigener Verantwortung an.

Mischwirtschaft: Obst- und Kaffeeanbau

Auf Don Jaimes Parzellen stehen Kaffeesträucher in unterschiedlicher Größe. Zwischen den Gewächsen stehen Bananenstauden sowie Zitronen- und Orangenbäume, zwischen denen Hühner nach Essbarem scharren. Die Mischwirtschaft ist gewollt. Die Bäume spenden den Kaffeesträuchern den notwendigen Schatten und liefern zugleich Früchte für die eigene Küche. Die Erde ist mit eigenem Kompost angereichert und an einigen Ecken rotten Baumstümpfe vor sich hin und versorgen den Boden ebenfalls mit Nährstoffen. »Hier kommen die Kaffeesträucher hin, wenn sie die Kinderstube verlassen, sie tragen dann aber noch lange keine Kirschen«, erklärt Don Jaime und fährt fort: »Zunächst müssen sie über einen längeren Zeitraum viermal im Jahr beschnitten werden«. Er zeigt auf ein zweijähriges Gewächs. Die Sträucher werden auf den Plantagen so bearbeitet, dass sie nicht in die Höhe wachsen. So lassen sie sich besser pflegen und später lassen sich die Kaffeekirschen leichter abernten. Der Kaffeeanbau ist sehr pflegeintensiv und ein langfristiges Geschäft. Erst nach sechs Jahren trägt ein Kaffeestrauch die typischen roten Kirschen. Es lohnt sich für Kleinbauern wie Jaime nur, wenn sie für den Kaffee verlässliche Abnehmer finden.

Ein eigenes Produkt auf deutschem Markt

Der Preis des Kaffees wird weltweit aber im Tagesgeschäft festgelegt. Händler an der New Yorker Kaffeebörse bestimmen die Preise täglich neu. Die kleinen Kaffeebauern haben da das Nachsehen. Auch aus diesem Grund haben sich 1977 die Kaffeebauern von Alto Sajama zusammengeschlossen, um ihre Absatzmöglichkeiten zu verbessern. 1989 kam dann der erste Kontakt mit deutschen Fairtradern zustande. Mit dabei war Hans-Jürgen Wozniak. »Ich war damals als Entwicklungshelfer in den Yungas und habe mit einem Kollegen zusammen geholfen, den ersten Container zu exportieren.« Der Agraringenieur arbeitet im größten deutschen Fairhandelsunternehmen GEPA. »Anfang der 90er Jahre war der Kaffee aus Bolivien noch nicht zu vermarkten. Bis 1996 gelang es den Bauern jedoch, ihre Qualität stark zu steigern. Heute produziert Alto Sajama handverlesene Bohnen«, erklärt der Produktmanager für Kaffee nicht ohne Stolz.

Die rund 1000 Sack Kaffee, das sind 90 Tonnen hochwertiger Bio-Kaffee, aus Alto Sajama sind heute eine begehrte Ware. Die Bauern aus den Yungas erzielen damit mittlerweile einen höheren Preis als den von den New Yorker Broker festgelegten Richtwert.

Seit vergangenem Jahr wird über die GEPA der Kaffee aus Alto Sajama sogar als eigene Marke vertrieben. Unter dem Label »Bio Café Yungas« findet man den Kaffee der Bolivianer in den Regalen des Einzelhandels. »Die Spezialität ist sehr gefragt und ist aus unserer Reihe ›Kaffee Raritäten‹ der zweitbeliebteste Kaffee nach dem Bio Café Kilimanjaro«, meint Wozniak. Dadurch hat sich die Position der Kooperativisten noch mal verbessert. Die GEPA ist auf den Kaffee angewiesen und so erhalten sie von den deutschen Fairtradern fast 100 US-Dollar mehr pro 100 amerikanische Pfund Rohkaffee - rund 45 Kilo - als andere Bauern, die ihre Kaffeekirschen im fairen Handel absetzen.

Don Jaime und seine Frau Berta können zufrieden sein mit dem, was sie erreicht haben. Das sind sie auch, denn im Vergleich zu anderen Kleinproduzenten sind sie durch die besondere Handelsbeziehung mit der GEPA in einer privilegierten Position.

Ermöglicht hat dieser Aufstieg der Zusammenschluss in der Kooperative und der Kontakt mit deutschen Entwicklungshelfern. Aber auch Disziplin und Ausdauer waren dafür von Nöten. Der Anbau des Kaffees ist nicht einfach, weil er strikt ökologisch ist und alle Mitglieder der Kooperative sich regelmäßig von externen Kontrolleuren begutachten lassen müssen. Nur dann erhält die Kooperative die notwendigen Zertifikate für den fairen wie den Biohandel. Die Kontrollen für den fairen Handel führt die in Bonn ansässige Organisation Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) durch. Sie legt die Kriterien fest, unter denen ein Produkt als fair gehandelt gilt. »Diese Kontrollen sind aufwendig und strikt« berichtet Don Sévero, ein Kollege von Jaime, »um sie zu erfüllen haben wir ein internes Kontrollsystem vorgeschaltet. Unsere internen Kontrolleure prüfen vorher, dass unsere Mitglieder die Kriterien der nachhaltigen Landwirtschaft einhalten, keine künstlichen Dünger verwenden und die Böden nicht verschmutzen.«

Ökologischer Anbau und fairer Handel

Es ist harte Arbeit, die Normen der Zertifizierer zu erfüllen. Das macht den Kaffeeanbau für die Kooperativisten noch komplizierter. Und wem es nicht gelingt, die Standards zu erfüllen, der wird sanktioniert. Das strikte Regelwerk der Normen relativiert den hohen Preis. »Unsere Produktionsweise ist mit sehr hohem Aufwand verbunden« darauf weist Jaime beim Rundgang durch seine Pflanzungen hin. Die Teilnahme am fairen Handel sieht er deswegen immer vor den Kontrollen mit gemischten Gefühlen.

Denn die stabilen Handelsbeziehungen, die mit der GEPA in Deutschland einen verlässlichen Handelspartner gebracht haben, gehen einher mit einem System von Normen und Kontrollen, die der faire Handel mit sich bringt und deren Vorgaben sie nicht selbst bestimmen, aber erfüllen müssen. Im weltweiten Spiel der Marktkräfte bleiben sie auch im fairen Handel Zulieferer und das letzte Glied in der Kette. Sie bedienen einen Markt, der 10 000 km von ihnen entfernt liegt und von dem sie wenig wissen. Die Anforderungen, die dort an ihren Rohstoff gestellt werden, müssen sie einlösen. Nur dann können sie damit rechnen, dass sie ihre Ernte in den fairen Handel verkaufen können. Sie haben sich zum europäischen Markt einen Zugang verschafft und jetzt einen eigenen Kaffee in den Regalen deutscher Supermärkte stehen. Für diesen liefern sie jedoch nur den Rohstoff. Geröstet und weiterverarbeitet wird der Kaffee in Europa.

Auf der anderen Seite haben der Landwirt Jaime und seine Frau Berta durch den Zugang zum fairen Handel ein stabiles Auskommen. Diese langfristige Handelsbeziehung ist für die Kaffeepflanzer sehr wichtig. Jaime sieht es so: »Früher wurde der Kaffee in Monokultur angebaut, durch den organischen Anbau hat sich das verändert. Die Diversifizierung hat uns dazu verholfen, dass wir heute eine tragfähige Wirtschaft haben. Die Böden haben eine gute Qualität und wir können uns selbst mit Nahrungsmitteln versorgen.« Dadurch, so hofft der Kaffeepflanzer, hat auch sein Sohn eine bessere Zukunft.

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