Von Andre Micklitza
05.05.2012

Den Wölfen nach durch die Lausitz

Jahrhunderte war Meister Isegrim in Deutschland heimisch, dann wurde er verjagt, nun kehrt er langsam zurück

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Immer der Wolfstatze nach

Es ist eine unspektakuäre Landschaft. Auf der einen Seite Kiefern, Binnendünen und Heidekraut, gegenüber eine von Braunkohlebaggern ausgespuckte Sandwüste. Der Wolf liebt solche fast menschenleeren Areale.

Diesmal ließen sie ihn in der Lausitz gewähren, obwohl seine Sippe angeblich die Großmutter und das Rotkäppchen verschlang sowie arglistig den sieben Geißlein nachstellte. Nach über hundertjähriger Abwesenheit, 1904 war hier der letzte deutsche Wolf zur Strecke gebracht worden, hat es sich herumgesprochen: Canis lupus, so sein lateinischer Name, hat Angst vor den Menschen und lässt sich kaum blicken.

Südlich der Stadt Weißwasser, am Schweren Berg, hat der schwedische Bergbaukonzern einen Aussichtsturm hingestellt. Ab hier geleitet der Hermannsdorfer Radweg am Grubenrand zum Findlingspark Nochten. Dort sind 6000 eiszeitliche Postsendungen aus Skandinavien aus dem nahen Tagebau zu sehen, durch pflanzliche Farbteppiche aufgelockert.

Am Besucherparkplatz beginnt der Wolfsradweg offiziell. Aber von Wildnis keine Spur. Das Rudel trifft sich in den nächtlichen Filmaufnahmen, die es später in der Wolfsscheune des Erlichthofs am Rande des Dorfes Rietschen zu sehen gibt, vor der Silhouette des Kraftwerks Boxberg. Kringelsdorf und Reichwalde sind kleine Heidedörfer, letzteres der Namensgeber für den zweiten Braunkohletagebau in Wolfs Revier. Unerbittlich rückt die Vorfeldberäumung weiter. Archäologen erforschen unter bunten Sonnenschirmen den sandigen Untergrund. »Haben Sie hier schon etwas Sensationelles gefunden?« fragen die neugierigen Radler. »Die Himmelsscheibe von Altliebel ist noch nicht geborgen worden«, antwortet einer spitzfindig. »Aber immerhin Relikte von Fachwerkhäusern aus dem frühen Mittelalter.«

Bei Hammerstadt ist die Welt noch in Ordnung. Eine unterirdische Dichtungswand am Rand der Kohlegrube soll dafür sorgen, dass die vielen Fischteiche nicht austrocknen. Im benachbarten Werda hockt ein heulender Wolf - als geschnitztes Exemplar - am Radweg.

Beim Betreten der Wolfsscheune heult er wahrhaftig, wenn auch nur vom Datenträger. Die Scheune gehört zum Freilichtmuseum. Wüsste man es nicht, könnte man glauben, die vielen Holzhäuser des Freilichtmuseums stünden schon immer hier. Die meisten, heute fast drei Dutzend, standen einst im Vorfeld der Kohletagebaue. So auch das größte, das Forsthaus Altliebel, heute Gasthaus und Pension mit drei gemütlichen Gästezimmern. Zur Bauzeit um 1813/14 schlichen die Wölfe um die Häuser und Viehweiden, seit 1998 ist es wieder so. Die Wirtin Anita Szonn erzählt: »Einer unserer Lehrlinge ist einem Wolf begegnet. Wir beobachten auch, dass unsere Hunde jetzt öfters heulen.« Die ehemalige Kantorin ist heute Gastwirtin mit Leib und Seele. Zum Abschied holt sie die Gitarre und singt das »Erlichthoflied«.

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Die heulen zwar, beißen aber nicht - Wölfe im Freilichtmuseum Erlichthof.

In der Wolfsscheune am Erlichthof erfährt der Interessierte viel über den Lausitzer Neusiedler. Wölfe können einen Hirsch auf zwei Kilometer riechen und den Tritt seiner Läufe auf zehn Kilometer hören. Bis zu sechzig Rehe stehen jährlich auf dem Speiseplan. Daher sieht ihn die deutsche Jägerschaft auch als unliebsamen Konkurrenten. Zum Glück steht Canis lupus schon seit über zwanzig Jahren unter EU-Artenschutz. Jetzt gibt es in der sächsisch-brandenburgischen Lausitz mehrere Wolfsfamilien und welpenlose Wolfspaare.

Auch vom Erlichthof begleitet eine große Pfote, mit grüner Farbe auf weißem Gund an Baumstämme gepinselt, den weiteren Weg. Der Pfotenabdruck ähnelt zwar dem eines Schäferhundes, ist aber so groß wie eine Männerhand. Wolfstypisch ist eine gerade Spur, wenn sie nicht jagen. Hunde hinterlassen einen Zick-Zack-Kurs.

Ein Schlenker aus dem Kiefernwald führt in die Siedlung Daubitz. Genau wie in Leipzig steht hier in der Pampa ein Gewandhaus. Dort als Musiktempel weltberühmt, aber nicht mehr im Original erhalten. Hier authentisch aus dem 18. Jahrhundert und fast unbekannt. An Markttagen diente das Gemäuer als Ausstellungsraum für Gewänder, heute auch als Schulmuseum.

Bald hinter Daubitz steht der jüngste Wolfsstein Deutschlands: Seit dem Jahr 2000 erinnert er an die erste erfolgreiche Wiedervermehrung von wildlebenden Wölfen in Deutschland. Früher war es genau umgekehrt. Seit dem Mittelalter wurden diese Steine vielerorts aufgestellt, um die erfolgreiche Erlegung der angeblich blutrünstigen Zehengänger zu bejubeln.

Auf gut befahrenen Wald- und Wiesenwegen schlängelt sich der Wolfsradweg durch das Teichgebiet bis an die Lausitzer Neiße. Nördlich der markierten Route tapsen die Wölfe unbehelligt durchs riesige, meist fast menschenleere Sperrgebiet. Die Bundeswehr probt hier zwar Angriff und Verteidigung aus allen Rohren, das aber ist den Wölfen ziemlich schnuppe. Schließlich gilt der Geschützdonner nicht seiner Sippe. Und so ändern sich die Zeiten: Jubelten im Märchen noch alle Beteiligten am Ende glücklich: »Der Wolf ist tot!«, freuen sich die meisten Naturliebhaber heute: »Der Wolf ist wieder da und er soll bleiben!«

In Steinbach, einem wahrhaftigen Kaff im Niemandsland an der deutsch-polnischen Grenze, stehen Radler vor der Wahl: Entweder auf dem Oder-Neiße-Radweg flussabwärts in Fürst Pücklers Gartenreich flüchten oder flussaufwärts die wohl schönste deutsche Stadt, Görlitz, ansteuern. Fürst Hermann von Pückler-Muskau bezeichnete seine Muskauer Heimat noch als »Land der Wölfe, Wildschweine... und Dummköpfe«. Das kann man heute nicht so stehenlassen: Die Lausitzer haben dazugelernt, der Wolf wird akzeptiert, und so blickt ganz Deutschland fasziniert auf seine südöstlichste Ecke.

  • Infos: Natur- und Touristinformation Erlichthof, Turnerweg 6, 02956 Rietschen, Tel.: (035772) 402 35, www.erlichthof.de; Kontaktbüro ›Wolfsregion Lausitz‹, Am Erlichthof 15, Tel.: (035772) 467 62, www.wolfsregion-lausitz.de. »Spurensuche« heißt eine geführte Radtour der Wildbiologen, jeweils Samstag und Sonntag.
  • An- und Abreise: Der Themenradweg umfasst 50 km. Mit Start und Ende in Weißwasser (Bahnanbindung) lässt sich die Strecke um ca. 40 km verlängern, ohne das ›Wolfsland‹ verlassen zu müssen. Von Steinbach radelt man auf dem Neißeradweg nach Bad Muskau (30 km), von hier auf einem straßenbegleitenden Radweg nach Weißwasser (8 km)
  • Info-Flyer »Wolfsradweg« mit Kartenskizze und einzelnen Stationen (kostenlos).
  • Reiseführer »Lausitz«, Trescher Verlag, mit ausführlichen Infos zum Wolfsland

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