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Von Hans-Dieter Schütt
07.05.2012

Ich bitt' Sie!

Gerhard Polt 70

Also, ich sag zu meiner Frau: Dass du so selten eine fangst - bedank dich bei meiner Tolereanz, gell. Toleranz! Ja, obwohl das kein deutsches Wort ist, gell, das ist ein Fremdwort.« Und unter einen weißblauen bayrischen Himmel, jetzt mal ehrlich, passt einfach »kein Neger, gell«. Lächeln ums Einverständnis. Eine beinahe schüchterne Selektionsmesse. Die fiese Sehnsucht nach straffer Rassen- und Regelhierarchie kommt so bieder daher. Bis es plötzlich aus dem Ekelbündel schreit: »Einmal, da reißt der Faden!«. Die Halsschlagader bebt, und Gerhard Polt offenbart, dass in jedem Faschismus die Erlaubnis steckt, sich für eigenes inneres Leid mit Gewalt an anderen zu entschädigen. Die Demokratie ist jung, und Jugend hat sich gefälligst zu gedulden, die Verwüstungen des Herzens haben ältere Rechte.

Gerhard Polt (Fotos: dpa) ist Gestrüpp-Kabarettist, er kommt aus dem Unterholz des Gemüts, aus dem Latschenkiefern-Geflecht der Seelen, von dort, wo Wärme aufsteigt, wo man das Kriechen lernt, wo die niederen Instinkte Hochkonjunktur haben. Wo der weiche Teppich sich ausbreitet, unter den das Leben sich selber kehrt. Wo die Ethik höchst lebendig verfault. Polt kommt aus der Herbstzeit, vom Oktoberfest als einem Charakterzustand, und es stürzt geradezu herab, das Blatt vorm Mund, und der Mund steht offen. Etwa, wenn man Vorwürfen ausgesetzt ist, einem ersoffenen Nichtschwimmer nicht geholfen zu haben - obwohl der zehn Mal um Hilfe rief. Zehn Mal! Zehn Mal? »Ja, also, ich bitt' Sie, ich bin doch nicht der Charakter, der da noch mitzählt.«

Und Gutmütigkeit wird einem auch nicht gedankt. Da leiht man dem Nachbarn für dessen Ferienhaus kurz mal die zwei Ukrainer aus, die man für die Gartenarbeit hat und die dort hausen, wo früher der Rottweiler wohnte (»Nein, keine Hundehütte, ich bitt' Sie, ein schöner großer Zwinger!«), und was macht der Nachbar? Schleift die zwei derart, dass man sie total abgemagert zurückbekommt (»ich hab' sie ja gleich gewogen«). Und tausend Euro reicht der Nachbar, die »Drecksau«, rüber, »Ausleihgebühr, aber was zählt das gegen die Abnutzung zweier Ukrainer!«

Jeder Satz ein Bodensatz. Und in diesen Monolog-Sätzen tauchen immer wieder Dämonen auf, die sich als Kinder getarnt haben, sie heißen Kevin, Maurice-Eugene und Jessica - was Polt jeweils so ausspricht, dass ein Maul zur schlingenden Fallgrube wird. Freundlicher wird’s erst wieder beim Spanier Jorge (»Horche«), dem Hausmeister in der Kolonie deutscher Rentner im Süden. Trinkgeld? »Nein, da ergänzen sich sehr friedlich zwei Nationalcharaktere: Er kriegt nichts, ich gebe nichts.«

Es wäre beruhigend, kämen die Gestalten in den Filmen oder Kleinstdramen als Monster daher. Aber sie bleiben Menschen, bei denen alles, was sie erzählend, beichtend so schwer in Worte fassen können, nach Gesetz und Gemütlichkeit schmeckt; irgendwo dazwischen hat eine Ahnung Platz, warum Hitler ein toller Typ war.

Mit toller Nieder-Tracht ins Gasthaus! Polt gestaltet Denunzianten jener freundlichen Art, die uns just beim Anschwärzen was Gutes weismachen wollen. Die Sätze haben Gedankenstriche - die Gedanken gehen auf den Strich, wo dumpf heimgezahlt wird. »Ja ja, im Grunde ist der Mensch ein Gefühlswesen, gell, und die Gedanken können uns am Arsch lecken, gell.« Und Grund zum Klagen hat man immer - studiert der Sohn doch leider Kunstgeschichte. Na, das wird beim Enkel nicht passieren, »der kommt nach Wildbad Kreuth, gell, und studiert CSU.«

Er ist behäbig schwer, das aber wieselflink. Den höllenhellsten Wahnsinn Lebensstoff präsentiert er unverschämt kindsköpfig, das Böse ganz lieb, das Mörderische ganz sanft. Er trägt nichts vor, er trägt uns etwas an. Viertel- und Halbsätze rollen wie kleine Kiesel, hinterher wird’s eine Walze gewesen sein. Ein bayerischer Knödel, daneben in fetter brauner Soße der Schweinsbraten. Manche sagen Gesicht dazu. Die Gesichter heißen Herr Deutelmoser, Tante Anni, Rudi Löhlein, Dr. Bödele, Dr. Brezner ...

Heute wird der große deutsche Kabarettist Gerhard Polt, Erbe Karl Valentins und Geistbruder von Helmut »Karl« Qualtinger, der frühere Lehrer und Übersetzer und Beherrscher mehrerer europäischer Sprachen, der Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Drehbuchautor und Regisseur, der stammtischansässige Weltbürger vom Schliersee, heute wird Gerhard Polt siebzig.

Verlag Kein & Aber Zürich/Berlin: Gerhard Polt und auch sonst. Gespräche mit Herlinde Koelbl. 204 S., geb., 19,90 €.

Opus Magnum 9 CDs, 49,90 €.

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