Von Velten Schäfer
08.05.2012

Der Fall Demmin

Die Suizidwelle in der Peenestadt im Mai 1945 wird zum neuen Opfermythos der Neonazis

Im Mai 1945 brannten sowjetische Truppen Demmin nieder, Hunderte Bewohner töteten sich selbst. Seit fünf Jahren benutzen Neonazis die grausige Geschichte als Mobilisierungsthema. Doch nun wehrt sich die Stadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Über das, was im Mai 1945 in Demmin geschah, gibt es verschiedene Versionen. »Wie nach mittelalterlichem Kriegsrecht«, wusste etwa vor einigen Jahren der »Stern«, hätte die Rote Armee auf ihrem Zug nach Rostock die 20 000-Einwohner-Stadt gebrandschatzt. Dies habe, so der »Stern« weiter unter Berufung auf den Rostocker Historiker Fred Mrotzek, unter den Bewohnern zu einer »Massenhysterie« geführt, »1200 bis 2500« Demminer hätten sich im Angesicht des roten Terrors das Leben genommen: grausiger Auftakt der Russenherrschaft, in der »willkürliche Erschießungen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch die vorrückenden Truppen und später die Besatzer« (!) zum »schrecklichen Alltag« geworden seien.

Die Neonazis, die seit einigen Jahren am 8.Mai in Demmin zum völkischen »Ehrendienst« aufmarschieren, sprechen von 2000 Toten, bei »Wikipedia« sind es 900, anderswo ist von 500 bis 600 die Rede.

Auch die konkreten Umstände werden verschieden gewichtet. Der »Stern« erwähnt immerhin die Broschüre, die die Landeszentrale für politische Bildung zu den Vorgängen herausgebracht hatte. Demnach hatten sich in Demmin mehrere unglückliche Umstände verkettet: Die von den abziehenden Deutschen gesprengten Brücken hielten die eigentlich nur durchziehenden Truppen auf, die großen lokalen Alkoholvorräte heizten die Stimmung an und »letzter Funke war dann wohl der Tod mehrerer Offiziere, die vermutlich vergifteten Wein getrunken hatten«.

Nach Darstellung der lokalen Antifa hatte die Stadtapothekerin russische Offiziere zum Wein eingeladen und sich selbst wie ihre Gäste vergiftet - als Höhepunkt einer ganzen Reihe von Anschlägen: »Obwohl eine weiße Fahne am Kirchturm die Kapitulation der Stadt anzeigte und obwohl den Stadtoberen von der Roten Armee im Vorfeld zugesichert wurde, die Stadt nicht zu plündern, wurden die sowjetischen Parlamentäre, die über die Übergabe Demmins verhandeln wollten, erschossen. In der Treptower Straße schoss der Lehrer Moldenhauer auf eine Gruppe Rotgardisten - aus dem Luisentor feuerte eine Gruppe um den Drogeristen Christian Österlin ebenfalls auf sowjetische Soldaten.« Allein am ersten Tag des Aufenthalts seien »insgesamt 17 Rotarmisten erschossen« worden. In diesem Licht scheint es schon weniger »mittelalterlich«, dass den Soldaten, die das Kriegsende schon vor Augen hatten, die Sicherungen durchbrannten.

Die genaue Zahl der Toten von Demmin ist bis heute ungeklärt. Eine geschichtswissenschaftliche Darstellung der Vorgänge müsste darüber hinaus etwa auch der Frage nachgehen, wieso offenbar so viele Bürger im Besitz von tödlichem Gift für die Selbsttötungen waren. Welche Informationen und Mythen über die »Russen« waren wann im Ort präsent, die den Demminern den Gifttod nahelegten? Wer hat diese Diskurse organisiert, gab es Gruppendruck-Effekte? Wer hat das Gift konkret verteilt? Waren die Suizide tatsächlich spontan oder auch, wie etwa zeitgleich im Führerbunker, ein letzter »heroischer« Akt eines spezifischen Teils der Bevölkerung einer Stadt, in der schon vor 1933 die Braunen den Ton angaben? Hat es nicht auch Demminer gegeben, die sich schon damals »befreit« fühlten, auch wenn das Städtchen brannte?

Nicht nur im konkreten Fall sind viele Fragen offen, obgleich in Demmin ein ehrenwertes Bemühen um eine adäquate Aufarbeitung der Stadtgeschichte begonnen hat und das Regionalmuseum zum Jahresende eine ausführliche Broschüre zum Kriegsende veröffentlichen will. Überhaupt hat die deutsche Geschichtswissenschaft eine kritische Untersuchung der praktischen Gestalt jener »Hysteriewelle«, die den russischen Truppen vielerorts vorauseilte und die auch anderswo zu Selbsttötungen führte, bisher nicht zustande gebracht. Jedenfalls dürfte für deren deren Struktur neben mündlichen Berichten über tatsächliche Übergriffe vor allem die letzte Propaganda-Offensive aus Berlin prägend gewesen sein.

Dass um »Demmin« nach 1990 die Mythen ins Kraut schießen konnten, lässt sich also nicht ausschließlich der DDR anlasten. Dennoch erweist sich die jahrzehntelange Tabuisierung des für das oft holzschnittartige DDR-Geschichtsbild offenbar zu komplizierten Vorgangs nun abermals als fruchtbarer Grund für die rechte Mythenproduktion - wie schon im Fall von »Dresden«, in dem zu DDR-Zeiten umgekehrt mit weit überzogenen Opferzahlen hantiert wurde, weil die »Täter« im »imperialistischen Lager« zu suchen waren.

Die Nazi-Demo in Demmin soll heute ab 19.30 Uhr an der Kreuzung Nonnensteig/Lindenstraße starten, Ziel ist das Peene-Ufer. Bereits um 17 Uhr startet als Gegenaktion ein »Fest zur Befreiung vom Faschismus« im Hafen (Lübecker Speicher), auch sind mehrere Mahnwachen in der Stadt geplant.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken