Von Hans-Dieter Schütt
08.05.2012

»Bereinige dein Gewissen«

Auf Schloss Hardenberg: eine Ausstellung über den »Archipel Gulag«

Gulag heißt: Hauptverwaltung Lager (russisch: Glawnoje Uprawlenije Lagerej) des Volkskommissariats, später Ministeriums des Inneren der Sowjetunion. Eine Ausstellung auf Schloss Neuhardenberg - »Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929 bis 1956« - erzählt in Bildern, Dokumenten, Stücken die Geschichte dieser harten Erziehungsinseln, dieser auspresserischen Arbeits-Plätze, dieser mitleidfreien Strafkolonien. 20 Millionen Menschen durchlitten diesen Staat im Staate, etwa zwei Millionen starben. 1923 entstand in Solowezk, am Weißen Meer, der Prototyp der Lager. Stalins Tod 1953 leitete mählich deren Auflösung ein. Aufstände in Norilsk und Workuta beschleunigten diesen Prozess.

In Neuhardenberg, dem gediegenen Ort in lieblichem, obwohl preußischem Gefilde, zog nun also das Bittere ein, das Rohe, das Peinigende. Die Nachtseite des Utopischen. Es gibt da den verrosteten Metallschlitten aus Kolyma, für Lastentransporte bei 50 Grad minus. Die Schachtel der Zigarettenmarke »Belomorkanal«, die den Lauf des Weißmeer-Ostsee-Kanals zeigt, jenen gigantischen Bauplatz also, der mit der Geschichte der Arbeitslager eng verbunden ist. Eine zynische, warnende Grabinschrift just von dieser Strecke: »Letzte Ruhestätte für die Faulpelze des 1. Lagerpunkts«, 1932. Fotos von schwerer Arbeit im Schnee. Reste von Äxten, Schubkarren. Zerschlissene Schuhe, für die es keinen Ersatz gab. Heimliche Häftlingszeichnungen, etwa vom Ausheben eines Grabes. Ein Bild zeigt das Innere des Butyrka-Gefängnisses Moskau, 1937, von hier aus ging es auf Deportation - ein Transparent: »Bereinige dein Gewissen, vergiss nicht, dass früher oder später das Verbrechen aufgeklärt wird.« Dann: ein Foto vom heruntergerissenen Plakat »Beendet die Repressionen!«, 1953, nach einem niedergeschlagenen Aufstand in Nordsibirien. Eine Aufnahme aus der Gegenwart: Viele Holzkreuze, darunter liegend: Erschossene, Zeche 29, Workuta. Und immer wieder erkennungsdienstliche Fotos. Filmsequenzen, Biografiefetzen dazu. Spärlich. Um so erschütternder.

Wer die Dokumente anschaut, auf denen Häftlinge zu sehen sind, sucht die Augen. Wer war ein Mörder, wer ein politisch Mutiger? Das Unrecht der Justizwillkür trieb sie alle ins unteilbare Schicksal. Verschleppung in jene Unrechts-Staatlichkeit, die schon geringste Vergehen gegen das Normative mit Höchststrafen belegte. Eine Stalin-Handschrift befehligt Planziffern zur Tötung von »Volksfeinden«. Massenmord nach Art der Planwirtschaft: Vorgegebene Zahlen der Provinzen strich man in Moskau durch und erhöhte die Ziffern.

Es ist im Grunde eine bescheidene Ausstellung, verantwortet von Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, und von der Historikerin Irina Scherbakowa, die für die Menschenrechtsgesellschaft »Memorial« in Moskau arbeitet. »Memorial« sammelt Opferzeugnisse. Die Exposition wagt sich mit Kargheit in unser an Bilderfluten gewöhntes Wahrnehmungsvermögen - wo kein Bild ist, kühlt Gefühl schnell aus. Als sei Bildlosigkeit Abwesenheit von Wahrheit.

Der Mut der Ausstellung zielt daher in die Bewusstwerdung durch Fantasie: Denk das Undenkbare, das die Zeit verschluckt hat! Hier hat ein System ganze Arbeit im Verschweigen geleistet. Chruschtschow gesteht 1962 dem Chefredakteur der sowjetischen Literaturzeitschrift »Nowy Mir«, er habe geweint, als er jene Erzählung las, die er nun zum Druck befiehlt: »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« von Alexander Solschenizyn. Ein Tag von 3653 Tagen. Lagertagen. Solschenizyn wird es sein, der später mit »Archipel Gulag« weltberühmt macht, was lange geleugnet wurde.

Die Ausstellung ist frei von ideologischem Angriffseifer. Sie will nicht mit dem Rot des 20. Jahrhunderts dessen Braun übertünchen. Aber sie verweigert sich der Ausrede, der rote Terror sei vor allem Produkt einer weltpolitischen Umzingelung des jungen Sowjetstaates gewesen, und überhaupt: Das Tötenkönnen sei dem Wesen des Systems fremd. Wäre der rote Terror nur ein unumgängliches Übel der Übergangszeiten, hätten die Lager nicht eine so ausufernde strukturelle Ausweitung erfahren und wäre es nicht Anfang der fünfziger Jahre zum Gulag-Höhepunkt mit 2,5 Millionen Häftlingen gekommen - nein, das System war auf die stetige Regeneration des Schreckens angewiesen.

Den Bolschewiki, so erzählen die Dokumente und Begleittexte, ist es im Grunde nie gelungen, die Mehrheit zu gewinnen, und das Grundziel einer Weltrevolution zerrann in den so ganz anders gesinnten Realismen des Jahrhunderts. Der Charakter jener neuen Macht, der mehr und mehr Menschen kühn und mit Berufung aufs Hehre, Höhere maßregelte (dies jetzt als sehr milder Begriff!) - dieser Charakter bestand in einer manifest monologischen Beziehung zwischen Führern und Geführten. Er bestand in seelisch unverträglicher Daueragitation. Er, dieser Charakter, bestand in der Übertragung des militärischen Habitus auf die Ökonomie. Er bestand im Hass auf liberale Verkehrsformen. Er bestand im elenden Zwangsenthusiasmus für die Kaderpartei, die Millionen Duldende, Abwartende, listig Gleichgültige erzog und sie von alternativen Quellen der Selbstachtung abschnitt. Dieser Charakter bestand in ständiger Ausspitzelung der eigenen Gefolgschaft, er bestand in der Neigung zu jenem kurzen Prozess, der Massengräber heckte. Das Blut der Feinde ist immer abstraktes Blut.

Für das Proletariat sollte der Erwerb des Klassenbewusstseins zur fröhlichen Wissenschaft von der Berufung zum Geschichtsführer geraten. Die unrealisierbare Umwandlung »vieler tätiger Einzelwillen« (Engels) in einen homogenen Klassenwillen rief die Notwendigkeit einer avantgardistischen Organisation auf den Plan - deren richtendes Instrument unweigerlich das Lager sein musste. Soziale Befreiung und Knechtung schlossen sich auf tragische, verhängnisvolle Weise kurz.

Die Ausstellung skizziert den Weg von der Oktoberrevolution zum Gulag, sie informiert in Tafeln und Texten über das Vorfeld der Ermittlungen, die Schauprozesse und Verurteilungen, die Transporte, die Arbeitsbedingungen im Lager, die Freiräume und Kontakte zur Außenwelt, das Sterben, das Getötetwerden, die schwierigen Formen des Erinnerns auch nach Stalins Tod.

Das Lager mit seiner Armut, seiner sozialen wie politischen Zusammensetzung war einerseits ein Spiegel des Vielvölkerstaats, ein Ausdruck der frühen sowjetischen Gesellschaft mit ihren Hungersnöten und Zwangskollektivierungen, »nicht einmal auf den Stacheldraht hatte der Gulag ein Monopol; viele Fabriken waren mit einem ähnlichen Draht umzäunt, damit der ›Feind‹ nichts sehen konnte und die Arbeiter nicht einfach alles, was sie brauchen konnten, aus dem Betrieb wegschleppten« (Historiker Arseni Roginski).

Andererseits aber stand das Lager - verfluchenswertes, beschämendes Paradoxon - für eine repressive Vorform des angestrebten revolutionären Modells: dass der Mensch erziehbar, gestaltbar, formbar sei, steuerbar für den Ausnahmezustand der Gattung - nämlich die unbesiegbare Herrschaft des Neuen Menschen. Logisch, dass Schriftsteller zum »Ingenieur der Seele« avancierten. Ingenieurwerk ist Planwerk, ist Produktion nach Reißbrett-Vorgaben, und von solchen Richtlinien war es nicht weit bis zur Verfolgung von Künstlern, denen die Seele ein unerforschliches Universum blieb. Der Theatermann Wsewolod Meyerhold schickte 1940 das Protokoll furchtbarster Folterungen an Molotow, endend: »Dann begann ich, mich selbst zu bezichtigen, weil ich hoffte, aufs Schafott geführt zu werden.« Molotow erfüllte die Hoffnung, er bestätigte das Todesurteil wegen »antisowjetischer Agitation«, Meyerhold wurde erschossen.

Heiner Müller bezeichnete die Lager der Nazis als »mit nichts vergleichbare Vernichtungslager, in die man durch Unglück, Rasse oder politische Feindschaft geriet«, zugleich aber meinte er, das speziell Perverse des Gulag bestand »im Zwang, die Inhaftierung sogar noch einzusehen und sich dort als gelehriger Schüler einer höheren Idee zu fühlen - quäl mich, damit ich besser werde!«

Die Ausstellung ist ein Pilotprojekt. Ihr Geburtshelfer war Jorge Semprun: »Der Sinn liegt, für Momente der Mahnung, im bereitwilligen Ausschalten jener Dialektik, die alles weltpolitisch einordnen will und dabei das Grauen relativiert. Für alles gibt es tausend Erklärungen, die aber nichts entschuldigen.« Leben - von anderen Menschen, Machthabenden, zum Sandkorn degradiert, zum Kiesel gemacht. Stiefeltritte auf Kies erzeugen Geräusche, die den Stiefelträger straffen. Man kann es, in jeder Zeit, mühelos beobachten. Es gibt Dinge, die setzen sich fort, als seien sie Natur. Heiße Hingabe an einen Sinn macht kalt. Täter wie Opfer - Opfer freilich anders als Täter.

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