Von Andreas Knudsen
08.05.2012

Pikser ohne Effekt

Studie hält Hygiene und Sport für wirksamer als Massenimpfungen gegen Grippe

Eine dänische Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Grippeschutzimpfungen und den durch die Krankheit bedingten Arbeitsausfällen. Die Ergebnisse sprechen nicht unbedingt für die Impfungen.

Das Bild wiederholt sich Jahr für Jahr: Unternehmen und Institutionen bieten ihren Mitarbeitern bezahlte Grippeimpfungen an, um krankheitsbedingte Ausfälle zu vermeiden. In Dänemark wurden im letzten 150 000 gesunde Personen vorbeugend geimpft, obwohl die Gesundheitsbehörde davon abrät. Rund 1200 dänische Firmen gaben dafür pro Impfung 185 Kronen, rund 25 Euro, aus.

Den Widerspruch zwischen behördlicher Empfehlung und unternehmerischem Eifer zur Krankheitsbekämpfung untersuchte eine Gruppe dänischer Ärzte, die sich eine Reihe von Studien zum Zusammenhang zwischen Impfkampagnen und Krankheitsfällen vornahmen. Die Studien betrafen Menschen zwischen 16 und 64 Jahren, also im Wesentlichen Jahrgänge, die auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind. Schwangere, chronisch Kranke und ältere Bürger über 64 Jahre waren von der Untersuchung ausgeklammert. Man war sich einig, dass diese Gruppen besonderen Schutzes und Vorbeugung bedürfen. Dies betraf in der Impfsaison 2011 rund 568 000 Personen.

Insgesamt wurden 50 Studien verglichen, die über 70 000 Patienten in Europa, Nordamerika und dem Nahen Osten betrafen. Die Schlussfolgerung der Ärzte war eindeutig: Gesunde Personen zwischen 16 und 64 Jahren sollen im Normalfall nicht geimpft werden. Der vorbeugende Effekt, der sich in verminderten Krankheitstagen ausdrückt, war gering und die grippebedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz wurde um nur wenige Prozent gesenkt. Steffen Thirstrup, Direktor der Gesundheitsbehörde, erklärte gegenüber der dänischen Presse, dass »… die Studie unsere Empfehlungen zu den jährlichen Impfkampagnen bestätigt. Die Risikogruppen müssen geimpft werden, aber für Gesunde haben sie keine Bedeutung.«

Geschuldet ist dies dem Umstand, dass die wenigsten gesunden Menschen langanhaltende Symptome entwickeln, sondern in der Regel eine Grippe aus eigener Kraft innerhalb weniger Tage auskurieren. Für Henrik Dibbern, Verbandsvorsitzender der dänischen Hausärzte, bestätigt die Studie, was man seit langem weiß. »Wenn man nicht wissenschaftlich beweisen kann, dass es Sinn macht, gesunde Menschen zu impfen, soll man es sein lassen«, so Dibbert. Statt Impfungen empfiehlt die Ärztegruppe hinter der Studie, die allgemeine Hygiene zu verbessern, um die Krankheitsübertragung zumindest zu erschweren und das Innenklima zu verbessern oder Sport zu treiben. Zum geringen vorbeugenden Effekt kommt hinzu, dass der Impfeffekt nach wenigen Jahren spürbar nachlässt und wiederholt werden müsste, um die Geimpften weiterhin immun gegen den entsprechenden Virenstamm zu halten. In der Studie wurde darauf hingewiesen, dass die Herstellung von Grippeimpfstoffen, die auf der Zellkultivierung basieren, wesentlich schneller vor sich gehen müsste, um den Gesundheitsbehörden die Möglichkeit zu geben, beim Auftauchen neuer und gefährlicherer Virenstämme schneller zu reagieren, um Epidemien zu vermeiden.

Die Autoren schlussfolgerten ebenfalls, dass die zur Rate gezogenen Untersuchungen den vorbeugenden Effekt deutlich unterschiedlich bewerten - je nachdem, ob sie von Pharmaunternehmen oder Gesundheitsbehörden finanziert worden sind. Private Studien sind in der Regel wesentlich optimistischer in der Einschätzung der potenziellen Vorteile von öffentlich bezahlten Massenimpfungen. Zudem erscheinen sie öfter in großen, anerkannten medizinischen Fachzeitschriften und erreichen damit einen größeren Bekanntheitsgrad als die behördlichen Studien. Entsprechend reagierte der Direktor des privaten Dänischen Impfzentrums, Karsten Østergaard. Er bewertet die Studie seiner Kollegen skeptisch. Es gebe auch andere Forschungstendenzen und Kongresse, bei denen eine große Zustimmung zum Vorteil massenhafter vorbeugender Impfungen gesunder Personen bestehe, so Østergaard.