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Von Uwe Stolzmann
09.05.2012

Wahnwitzige Strömung

»Parallelgeschichten«: Péter Nádas' Abgesang auf das 20. Jahrhundert

Dies ist ein unmäßiges Buch, ein Buch, das dankbar und demütig stimmt, es kann den Leser aber auch erschrecken. Achtzehn Jahre Entstehungszeit. 1728 Seiten. Eine unüberschaubare Fülle an Figuren. Geschichten, die Jahrzehnte überspannen.

In einer Geschichte steigen zwei Freunde in einen Fluss, 1938, der Fluss die Donau in Südungarn, sie schwimmen hinüber, wieder zurück, werden abgetrieben, der Fluss droht sie zu verschlingen. »Mit seiner unschuldig glatten Strömung kann er einen geradewegs ins Jenseits mitnehmen.« Es ist oft vom Fluss die Rede in diesem Buch, von wahnwitziger Strömung, Tiefenströmung - eine Metapher für den Roman: Man lasse sich forttragen, aber Vorsicht!

Péter Nádas, der Verfasser, kam 1942 in Budapest zur Welt; seit langem lebt er in einem Dorf im Westen Ungarns, Bahnstunden entfernt von der Hauptstadt. Als er dreizehn war, starb die Mutter. Der Vater - Kommunist, Führungskader - beging drei Jahre später Selbstmord. Nádas studierte Chemie, wurde Fotoreporter und dann, noch in den Sechzigern, freier Autor. Ein unerwünschter, einer, der die Verwerfungen der Epoche zum Thema machte. Das erste große Prosastück, »Ende eines Familienromans«, kam 1977 erst nach langen Querelen heraus. 1986 erschien das »Buch der Erinnerung«, ein 1300-Seiten-Wälzer über die DDR, ein altes Ostseebad und das sozialistische Ungarn. Das Buch war ein Erfolg, Nádas aber nicht zufrieden, das Werk sei nicht radikal genug, sagte er. »Ich hatte zu viel runtergeschluckt« - es war die Initialzündung für die »Parallelgeschichten«.

Der Roman beginnt konventionell, fast wie ein Krimi, fast in der Jetztzeit, Ende 1989 mit einer Leiche im Berliner Tiergarten. Figuren treten auf, ein Student namens Döhring (er fand den Toten beim Joggen) und ein Ermittler; der Autor folgt ihnen ein Weilchen - und lässt die beiden plötzlich stehen, wo sie halt stehen, um just, von einem Satz zum nächsten, einer anderen Figur zu folgen, der Tante des Herrn Döhring etwa, einer resoluten Kunsthändlerin, oder einem anpassungsfähigen Professor und seinem Clan, einer Baronin, der und jener Gräfin, einer Gruppe homoerotischer Aufsteiger ...

Das Prinzip des abrupten Wechsels wiederholt sich, ein Stilmittel. Der Strom reißt alle Gewissheiten fort, der Kriminalroman wandelt sich: zu einem Buch über Utopisten, Opportunisten mit blutigen Händen, Faschisten und Kommunisten, Opfer des Holocausts, Agenten, Verräter. Auffällig viele Protagonisten sind Waisen. Und alle sind sie gebrandmarkt, versehrt - von fremder oder eigener Schuld gezeichnet, vom Zeitalter des Totalitarismus.

Schnell erkennt man: Nein, das wird kein »normaler« Roman, Nádas zertritt Prosa-Konventionen, zerpflückt Erwartungshaltungen. Zwar gibt es Zentren des Geschehens - Berlin, Budapest, dazu zwei Kleinstädte und zwei Familien mit düsteren Geheimnissen -, es gibt zeitliche Eckpunkte - die Dreißiger, in denen der europäische Schrecken begann; 1944, in Ungarn das Jahr der Deportationen; das Geschützfeuer beim Aufstand 1956; die frühen Sechziger als Blütezeit des Gulasch-Kommunismus, dann das Jahr 1989, da mit dem Kalten Krieg auch der Weltkrieg endgültig endete - , doch es gibt keine runde Story. Statt dessen: Geschichten, die tatsächlich »parallel« verlaufen, sie berühren sich nicht. Da sind nur Spuren, Verweise. Bisweilen führt ein Albraum von einer Szenerie in eine andere, manchmal ein Duft.

Mit der Zeit merkt man: Ja, doch, es gibt Berührungen, das barbarische 20. Jahrhundert vernetzt die Protagonisten wie eine Art Myzel. Fein wucherndes Wurzelgespinst. Transparente Fäden verbinden Endzeit-Orte und Orte des Grauens: das KZ Buchenwald (in dem ein Vorfahre Döhrings sein mörderisches Regiment führt), das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin (dessen Chef ein Lehrer von KZ-Arzt Mengele war), ein Jungen-Internat im Erzgebirge (von arischen Rassenkundlern als Labor missbraucht), ein gutbürgerliches Haus in Budapest, den Schwulentreff auf der Margareteninsel - und den Berliner Tiergarten im Jahr des großen Umbruchs. Und nach weit über tausend Seiten, wer weiß, erfährt man sogar, wer der Tote ist, den der junge Döhring dort gefunden hat, vielleicht der Sohn eines ungarischen Professors, ein Spion, der vor Jahrzehnten verschwand.

Ja, der Autor verfährt recht eigenwillig mit Figuren, Stoff, Struktur, auch mit der Zeit. Manchmal rafft Nádas Jahrzehnte, er springt vor und zurück, manchmal dehnt er die Zeit, so dass eine Taxifahrt durch Budapest mit einer kleinen, schönen lesbischen Szene oder ein einziger Koitus sich über Dutzende und Dutzende Seiten erstreckt. Überhaupt: der Sex. Nádas scheint besessen davon, seine Protagonisten sind es auf jeden Fall, all diese auf gewisse Weise obdachlosen, mutterlosen Typen, Erotomanen, gierig nach Berührung, Vereinigung - als würde die Wärme eines fremden Körpers gegen die Kälte ringsum helfen. »Lust ist wahrscheinlich ein Beiname Gottes«, denkt ein junger Mann.

Muss man Angst haben vor Nádas' Fabulierwut, vor den Obsessionen und der Überfülle seines Buches? Nein, muss man nicht. Denn Nádas kompensiert die eigene Maßlosigkeit durch einen fein geradlinigen, mal elegant schwingenden, mal ironisch kommentierenden Stil. Ein großer Erzähler, man lauscht ihm gern. Und wer doch Erläuterung sucht, einen Rettungsring in den Strudeln dieses Stroms, der greife zum Begleitband »Péter Nádas lesen« mit Texten, Bildern und Briefen zu den »Parallelgeschichten», mit Annäherungen aller Art, noch ein wunderbares Buch. Man kann Atem holen, Kräfte sammeln - um dann wieder in den Fluss zu tauchen. Übrigens: Die Geschichte der Donauschwimmer von 1938 endet mit einer Überraschung. Beide Freunde überleben die doppelte Passage, nackt gehen sie nachts am heimischen Ufer zurück, stromaufwärts, doch entdecken sie ihre Kleider nicht mehr, nicht mal die Stelle, wo sie ins Wasser stiegen; sie haben Mühe, sich selbst zu finden, mag das heißen, wie auch der Leser ein Weilchen braucht, sich zu finden, nachdem er den Strom durchquert. Jahre später denkt einer der Freunde zurück an jene Stunden am Fluss: Es waren glückliche Stunden.

● Péter Nádas: Parallelgeschichten. Roman. Aus dem Ung. von Christina Viragh. 1728 S., 39,95 €.

● Daniel Graf, Delf Schmidt (Hg.): Péter Nádas lesen. Bilder, Texte zu den »Parallelgeschichten«. 239 S., 16,95 €. Beide Rowohlt Verlag, Reinbek.

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