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Hans-Dieter Schütt
09.05.2012

Paul Simon

Preis für Weltklasse

Neben dem Cellisten Yo-Yo Ma erhält den Polar-Musikpreis in diesem Jahr der US-Sänger und Komponist Paul Simon. Die schwedische Jury begründete ihre Entscheidung für den 70-jährigen Simon am Dienstag in Stockholm damit, dass niemand mehr als er das Prädikat »Weltklasse-Songwriter« verdient habe.

Wenn man heute die alte Ballade »The Boxer« hört, ist man dem Wesen des Sängers Paul Simon noch immer sehr nah. Er als Streuner durch die Schmutzwinkel der Großstadt New York. Kampfeswille umarmt Müdigkeit. Dem Träumer reißt Angst immer wieder die Augen auf, aber der Huren und der Hässlichkeiten kann es gar nicht genug sein! Die Stimme, die solches Dschungelbuch singt, wird im Donnern der groben Welt selber nicht gröber. Die Stimme verrät den Sänger. Er bleibt nämlich der sanfte Poet, der hier nicht von seinem wirklichen Leben singt, aber doch von einem Leben, das ihm durch Poesie zur imaginären Wahrheit seiner Existenz wird.

Auf einem seiner Alben ist er spazierengehend zu sehen, auf dem Weg über die Brooklyn Bridge hinüber nach Manhattan. Der Mann sieht aus, als habe er sich schon in alle nur möglichen Erschöpfungen hineingewandert. Aber er wird weiterwandern. Unter seinen Füßen »The Bridge over Troubled Water«.

Paul Simon ist der unübertroffene Romantiker seiner Branche; ein Lebenswerk zwischen einem nervösen Blues und den Eklektizismen der digitalen Ära. Nat King Cole klingt nach, auch der schrille Süßstoff der Everly Brothers, und Bob Dylan thront als geistige Ikone. Simon hat Schreibblockaden überwunden, mit seinem Hassliebe-Schulfreund aus Queens, Art Garfunkel, schrieb er einige der schönsten Titel der Pop-Geschichte - und es war dies ein verblüffender Sieg der Zartheit in politischen Zeiten, da sich doch die Stimmen so Vieler ins Protestkräftige steigerten. Das Duo wurde immer schwebender im Ton - und unüberhörbar.

Harmonie? Harmojetzt! Wer den Stein werfen wollte, sollte zu den Stones gehen; wer sich nach Wucht sehnte, hörte die Doors. Simon schien sich mit seinen melancholischen Liedern aus der realen Zeit der Jugendneurosen hinauszuschreiben, um so auszudrücken, wie sehr er sich in diese nie gelebte Zeit zurücksehnte.

Simon ist, gegenüber Garfunkel, immer der »Kleine« geblieben, und aus dem Groll über gestohlene Showmomente wuchs dieser unverwechselbare Charakter aus Stille, ungemein gefasstem Stolz und einem steten Misstrauen, mit Beifall und Erfolg könne tatsächlich er gemeint sein. Es war diese Unscheinbarkeit im Welttriumph, die ihn groß machte. Er hatte nie das Zeug zum Big Boss, er ist der Schüchterne, sein Sound blieb »The Sound Of Silence«, und der Schüchterne ist - schöne Gnade des Schicksals - in guten Geschichten vom Leben immer der wahre Held. hds

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