Von Tom Mustroph
09.05.2012

Kleine Anarchisten

Das Projekt »Jump & Run« am HAU versucht ein Zwischenfazit zur kulturellen Bildung

Das Projekt »Jump & Run« am HAU will mit performativen Mitteln, die teilweise der Computerspiel-Welt entlehnt sind, nicht nur das System Schule untersuchen, sondern auch ein spielerisch-analytisches Zwischenfazit der kulturellen Bildungsarbeit von Schulen und Künstlern abliefern. Das ist ambitioniert. Es ist angesichts der fast schon unüberblickbaren Vielzahl der Projekte und Ansätze aber auch notwendig.

Festzuhalten ist vor der Projektpräsentation am 11. und 12. Mai schon einmal, dass kulturelle Bildung an sich so eine Art Glückskeks für alle Beteiligten zu sein scheint. Man trifft auf strahlende Gesichter bei Organisatoren und Kuratoren, Pädagogen, Künstlern und auch den Kindern selbst. Nicht zu vergessen die Eltern, die durch die kulturellen Aktivitäten ihrer Sprösslinge zum Teil nach langer Zeit wieder in Museen und Theaterräume gezogen werden und stolz auf die Leistungen ihrer Kinder schauen.

»Win Win« heißt so eine Konstellation im Marketing-Sprech. Es geht aber auch einfacher formuliert. Angelika Tischer, Verantwortliche für kulturelle Bildung in der Senatsverwaltung für Bildung, kann sich nach vielen Jahren ihres Engagements für diese das Curriculum ergänzende Tätigkeit noch immer daran erfreuen, wie Kinder und Jugendliche bei Projekten mit Künstlern »in sich selbst andere Seiten entdecken und auf Qualitäten stoßen, die sie selbst, aber auch ihr Umfeld bisher kaum geahnt hatten«. Tischer weiß sogar den Bildungsauftrag der Schule hinter sich, laut dem die Kinder sich zu mündigen und sozial verantwortlichen Mitgliedern dieser Gesellschaft entwickeln mögen.

Auch Pädagogen, die in Berührung mit den Instrumenten der kulturellen Bildung gekommen sind, kommen aus dem Schwärmen kaum heraus. Markus Schega, Direktor der Nürtingen-Grundschule am Mariannenplatz, die schon lange und erfolgreich mit dem postmigrantischen Theater des Ballhauses Naunynstraße zusammenarbeitet, lobt die »Erfahrungen des kollektiven Arbeitens«, die »Übernahme von Verantwortung« und auch den Umstand, dass »Kinder, die sonst am Rande stehen, mit ihren Fähigkeiten gebraucht« würden.

Künstler wie etwa der Performer Veit Merkle von der Gruppe Turbo Pascal, die zuletzt mit Schülern der Hector-Peterson-Schule am Halleschen Tor eine »Publikumsbeschwörung« nach Peter Handke im HAU entwickelt haben, ergötzen sich an den anarchischen Potenzialen der Kids, selbst wenn diese nicht immer und erst recht nicht immer leicht in konzentrierte künstlerische Tätigkeit transformiert werden können.

Und die Kinder und Jugendlichen selbst freuen sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, den Spielraum, den sie sich schaffen und auch die Erkenntnisse, die ihnen zufliegen, wie etwa bei dem Tanz- & Computerspiel-Projekt »Game Over« mit der Choreographin Modjgan Hashemian im Ballhaus Naunynstraße.

Es gibt aber auch Probleme und Unzulänglichkeiten. Es ist kein Zufall, dass die oben erwähnten Schulen etwa in Kreuzberg zu finden sind. Als je »schwieriger« eine Schule beschrieben, als je »sozial problematischer« ein Schulumfeld erachtet wird, desto offener für Experimente sind möglicherweise die Lehrer. Desto leichter scheint aber auch der Zugang zu den Programmen der kulturellen Bildung zu fallen. Kristina Stang, Co-Kuratorin des Festivals »Jump & Run« und als Theaterpädagogin am Jungen DT tätig, erzählt »nd«, dass tatsächlich einmal eine Schule zaghaft nachfragte, ob sie wirklich für die Programme in Frage käme, obwohl sie sich in einer vergleichsweise intakten Umgebung befände.

Von der Defizitdebatte, die seit langem die kulturelle Bildung durchzieht und die gelegentlich auch zur Begründung der Mittelvergabe herangezogen wird, will Angelika Tischer jedoch nichts wissen. »Diese Projekte sind wie ein Untersuchungsapparat und stoßen, wenn sie tief genug gehen, natürlich auf Defizite. Sie tragen auch dazu bei, dass Schüler mehr Selbstbewusstsein entwickeln und konzentrierter werden. Aber wir sollten aufhören, kulturelle Bildung anhand der Nebeneffekte zu bewerten«, sagt sie »nd«. Für den Haupteffekt hält sie, dass die Schüler sich ihrer selbst als Subjekte bewusst würden. Das ist schwer zu quantifizieren und nur aus der Nähe zu beobachten. Wer den Projekten beiwohnt, wird diesen Eindruck aber bestätigt finden.

Nächste Gelegenheit dafür bietet das von HAU, Theater an der Parkaue und Jungem DT gemeinsam organisierte 2-Tages-Projekt »Jump & Run«. Als bewusstseinserweiternd könnte sich die Performance über das Leben von Schülern in Parallelwelten der Klasse 9d der Sophie-Brahe-Schule herausstellen (12.5, HAU3). Wie die architektonische Gestaltung von Schulen Mentalitäten prägt, ist Gegenstand der Kulturwerkstatt 9 des Leonardo da Vinci Gymnasiums (12.5., HAU2). Den Zeittakt vom Schulalltag untersuchen die 7. Klassen der Schule am Zille-Park (12.5., HAU3). Und das Kernthema des Festivals, das nicht immer spannungsfreie Verhältnis der Systeme von Theater und Schule, erforscht die Klasse 8.2. der Thomas-Mann-Oberschule bei einer virtuellen Überlagerung von Theater- und Schulräumen (11.5., HAU2).

Ergänzt wird das Programm der insgesamt elf Schulen und ebenso vielen Künstlerkollektiven durch Vorträge, Diskussionen, Konzerte und eine Installation. Im November arbeitet eine Fachtagung im Theater an der Parkaue die Erfahrungen auf.

Jump & Run, 11., 12.5., HAU

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