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Von Gerhard Hanloser
09.05.2012

Traum- und Widerstandskraft

Die unbekannte Seite des Autors Peter Weiss: In den 50er Jahren experimentierte er mit Filmen

Zum 30. Todestag von Peter Weiss sind erstmals seine frühen Kunstfilme und Dokumentationen auf DVD erschienen. Sie laden ein, diesen großen humanistischen Autor wiederzuentdecken.
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Peter Weiss 1977 bei einer Ausstellung seiner Werke in Ostberlin.

Er war einer der engagiertesten Schriftsteller und Dramatiker der 70er und 80er Jahre: Peter Weiss, der Ästhet des Widerstands, dessen 30. Todestag sich am morgigen 10. Mai jährt. Obwohl die sprachliche und kompositorische Wucht seines Hauptwerkes »Die Ästhetik des Widerstands« allenthalben betont wurde, scheint Weiss und seine künstlerisch-politische Produktion dem historischen Vergessen anheim gefallen zu sein. Umso besser, dass nun erstmals eine DVD-Sammlung vorliegt, die frühe Kunstfilme und Dokumentationen des seit 1938 im schwedischen Exil lebenden deutschen Künstlers versammelt.

Weiss begann sein Wirken nicht als Dramatiker und Romancier. Bevor er unvergessene Dramen wie »Marat/Sade« schrieb, die Vergangenheitspolitik der verdrängenden Bundesrepublik mittels des dokumentarischen Theaters in »Die Ermittlung« nachhaltig irritierte und den Vietnamkrieg der USA anklagte, malte Weiss und experimentierte mit dem Medium Film. In seinem 1956 auf schwedisch erschienenen Buch »Avantgardefilm« setzt er sich mit avantgardistischen und experimentellen Filmen und Filmemachern auseinander. Seine eigenen Kunstfilme sind stark von dem Surrealisten Luis Bunuel inspiriert, körperbetonte Traumwelten werden von stark konturierten und eine merkwürdige Enge hervorrufenden Bildräumen abgelöst. In diesen Studien werden tatsächlich Grenzen der Avantgarde sondiert und ein stark psychoanalytisches Interesse des Filmautors deutlich. In seinen Dokumentarfilmen, wie dem 1956 entstandenen »Im Namen des Gesetzes«, der den tristen Alltag eines Jugendgefängnisses bei Uppsala zeigt, wird Weiss' sozialkritische Haltung deutlich, die stärker noch als in seinen späteren Schriften die Ausübung von Gewalt und ihre Einschreibung in den Körper zum Thema hat.

Auf den nun veröffentlichten DVDs stellt der linke Filmemacher Harun Farocki das filmische Werk vor. Mit seinen sparsamen, überzeugenden Kommentaren richtet er den Blick des ungeübten Zuschauers auf Wesentliches. Farocki beschreibt die 50er-Jahre-Dokumentarfilme über Jugendgefängnisse und Jugendalkoholismus als »existenzialistische Filme«, ein Urteil das von Weiss bestätigt wird: »Ich stand sehr unter dem Eindruck von Sartre; und die Lebenssituation von Menschen, die nirgendwo hingehören, die Gleichgültigkeit, der Ekel - das waren damals unsere Haupteindrücke.«

In dem ebenfalls auf der DVD präsentierten Gespräch mit Harun Farocki betont Weiss jenseits aller Seminarweisheiten, wonach man Autor und Erzähler nicht verwechseln dürfe, seine Identität mit dem Protagonisten der »Ästhetik des Widerstands«, das eigentlich das Buch der Linken schlechthin sein sollte. Dieses zwischen 1978 und 1981 erschienene dreibändige Werk ist die »Wunschautobiografie«, wie Peter Weiss als Sohn eines Textilfabrikanten und einer Schauspielerin augenzwinkernd zugab. Weiss reflektiert durch die 1917 geborene Romanfigur - einen zur Emigration aus Nazi-Deutschland gezwungenen Arbeitersohn - auf den gescheiterten antifaschistischen und revolutionären Kampf der 30er und 40er Jahre. Er bilanziert die innerlinken Kämpfe im Spanischen Bürgerkrieg, macht auf die stalinistischen Verheerungen aufmerksam und auf die inneren wie äußeren Schwächen des antifaschistischen Kampfes. Vielleicht bieten der 30. Todestag und die interessanten, wenn auch befremdlichen frühen Filme von Peter Weiss einen Anlass, diesen großen humanistischen Autor wiederzuentdecken.

Peter Weiss: Filme. Mit einer Einführung von Harun Farocki, DVD, 124 Min., filmedition suhrkamp, 19,90 Euro.

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