Von Reiner Oschmann
09.05.2012

London träumt von »Boris Island«

An der Themsemündung könnte der weltgrößte Flughafen nach einem Entwurf Norman Fosters entstehen

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So soll der Londoner Großflughafen aussehen.

Nachdem Londons Oberbürgermeister Boris Johnson (Konservative) bei den Kommunalwahlen in England soeben für weitere vier Jahre bestätigt wurde, könnte eines der Lieblingsprojekte des exzentrischen 47-jährigen OB vom Sandkastenspiel in konkrete Planung wechseln: der Bau des weltgrößten Flughafens an der Südostküste, in der Themsemündung.

Der Gedanke beschäftigt den Politiker mit Premierministerehrgeiz vor dem Hintergrund wachsender Kapazitätsgrenzen, an die die jetzigen fünf Londoner Airports Heathrow, Gatwick, Stansted, Luton und der Banker-Flugplatz in Londons Finanzbezirk stoßen. Angeregt von Hongkong, wo auf zehn Quadratkilometer aufgeschüttetem Land der derzeit weltgrößte Frachtflughafen entstand, wollte Johnson zwei Inseln in der Themsemündung aufschütten. Diese Idee von »Boris Island« ist anfangs verspottet worden, und völlig offen ist, ob diese Idee nicht der Vorbote einer umweltpolitischen Katastrophe wäre. Doch jetzt gibt es einen Entwurf des Stararchitekten, Reichstagskuppeldesigners und Flugzeugfans Lord Norman Foster (76). Er verlegte »Boris Island« auf eine sandige Landzunge am rechten Ufer der Themsemündung. Alles andere aber ist bei Foster so atemberaubend wie bei Johnson: Die gedachte Baustelle 55 Kilometer von London entfernt soll ein Drehkreuz mit vier Rollbahnen von je vier Kilometer Länge werden und jährlich bis zu 150 Millionen Passagiere abfertigen. Dazu soll ein unterirdischer Bahnhof für täglich bis zu 300 000 Reisende entstehen, der Hochgeschwindigkeitsanschlüsse nach London, Nordengland und durch den Kanaltunnel nach Frankreich erhält. Die Baustelle soll dazu mit einer weiteren Themse-Flutsperre und einem Gezeiten-Kraftwerk gekoppelt werden.

Foster nennt Schätzkosten von 20 Milliarden Pfund (24 Milliarden Euro) für Rollbahnen und Abfertigung sowie weitere 30 Milliarden Pfund für die Infrastruktur.

Die konservativ-liberale Regierung Cameron verhält sich dazu heute eher wohlwollend. Nachdem Finanzminister Osborne unlängst noch Zweifel geäußert hatte, sagte er bei der Vorstellung des Budgets 2012, »unser Land muss den Mangel an Flughafenkapazität im Südosten anerkennen« und »darf nicht hinter die am raschesten wachsenden Großstädte zurückfallen«. Für diesen Sommer kündigte die Regierung ein Rahmenkonzept an.

Damit steht ein Entscheid zwischen dem weiteren Ausbau von Europas größtem Flughafen Heathrow oder einem Neubau in der Themsemündung an. Heathrow mit seinen nun fünf Terminals fertigte voriges Jahr fast 70 Millionen Passagiere ab. Doch es arbeitet am Limit, während die Pläne für eine neue, dritte Landebahn Millionen schon heute die lärmverseuchten Londoner alarmieren.

Tatsächlich entstand die Idee eines Drehkreuzes im Osten Londons, weil Heathrow heute als »Planungsfehler der 50er Jahre« gilt: Im Westen der Metropole gelegen, müssen die Jets wegen des dominierenden Westwinds an vier von fünf Tagen von Osten über die Stadt zur Landung ansetzen. Umweltschützer bezeichnen die Belastung durch Lärm und Schadstoffe in der Einflugschneise als so groß, dass nicht nur zwei Millionen unmittelbar davon betroffen sind, sondern dort überhaupt niemand mehr wohnen dürfe.

Vor solcher Kulisse entfaltet der Traum von »Boris Island« für manche seinen Charme. Doch Sachkundige warnen vor verheerenden Umweltfolgen eines Riesenprojekts im Mündungsgebiet und logistischem Chaos. Der Chef der Fluglotsen, Richard Deakin, sagte, der Themsetrichter liege »genau unter dem Knotenpunkt aller Start- und Landerouten von vier der fünf Londoner Flughäfen«. Ein Airport dort sei daher »der schlimmstmögliche Ort«.

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