Von Hans-Dieter Schütt
10.05.2012

Theatertreffen Berlin

Macbeth: Messer und Macht

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Jana Schulz ist der zarte Mörder, die mörderische Zarte. Diese Faszinierende, Schöne, Zerbrechliche als Wesen des gleichsam dritten Geschlechts - das die Verwirrungen eine Seele, die Verirrungen eines Charakters als eine Zerrissenheit offenbart, bei der alle ständischen, sozialen Erklärungen versagen. Die Männer wie Kinder, die Frauen wie Kerle, das Leben als Knödel aus Mut und Feigheit, Hass und Liebe, Freund und Feind. Alles in einem Körper, in allen Körpern: Nichts, die Triebkraft, das Ziel aller Triebe.

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Jana Schulz

Macbeth zerballert mit Gewehrsalven Banquo und hat damit früh die bessere Möglichkeit seiner eigenen Existenz getötet. Immer geht es ja darum, dass man lebt und zugleich schon abgetötet ist; man ist die Hoffnung, und man ist das Musterbild des Enttäuschenden. Karin Henkel nimmt in ihrer Inszenierung an den Münchner Kammerspiel dem Shakespeare-Drama alles Wuchtige, dröhnend Kriegerische - hier schlottert, zittert, bibbert, flattert, hetzt sich die Tragödie in ihr blutrünstiges Zentrum hinein.

Dieses Zentrum besteht im gewöhnlichen Wahnsinn eines verfluchten Sieges: Es ist der fortwährende Sieg des Menschen über sein eigenes Vorwarnsystem. Damit wird nicht jeder zum Mörder, aber das Leben ist eine Reihung von Abtötungsverfahren (von Sehnsucht, von Lust, von Rebellionskraft), die irgendwann nicht mehr zu revidieren sind. Man muss dann mal Leute reden hören, wie sie ihre Verhärmungen, ihre Einübungen ins Dröge, ins Entremdende existenzphilosophisch umbrämen. Was das mit »Macbeth« zu tun hat? Nichts? Nur wegen eines abstrusen Mörders überlebt ein Stück nicht Jahrhunderte. Henkel zeigt Gegenwart, lässt darüber nachdenken, was den linken und rechten Wahn etwa des vergangenen Jahrhunderts prägte: Man tötet - und bleibt im Sinne der befehlenden Idee ein moralischer Mensch. Das ist der Schrecken, der Irsinn, das Grauen!

Jana Schulz, die Großartige, Tigerliche, Verletzbare, ist Macbeth, ist Macbeth so, als wäre der lieber Hamlet. Vier weitere Schauspieler teilen sich mehrere Rollen. Ich, das ist immer ein anderer. Blut fließt. Ein Mikrofon stopft das Maul, das nach ihm schnappt. Das Deutsch von Thomas Brasch fällt dem Englisch Shakespeares ins Polterwort. High Heels machen aus Hexen steile Hennen, wie sie Castorf liebt. Und: In der Seelenwüste blüht unerwarteter Witz. Morde werden geschildert, als liefen sie in der »Sportschau«. Stirb und werde? Viele sterben, damit einer was wird. Und was wird er, nachdem er was wurde: getötet

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