Von Hendrik Lasch, Crostwitz
10.05.2012

Sorbisches Weltwunder

Am 10. Mai 1945 wurde die Domowina wiederbelebt - mehrere Wochen vor den politischen Parteien

Die Domowina wird 100 Jahre alt - auch, weil sie nach dem Krieg schnell die Arbeit wieder aufnahm. In Crostwitz wird heute daran erinnert.

Das »kleine Weltwunder« wurde auf einem Bauernhof mitten im Dorf Crostwitz vorbereitet. Dort trafen sich am 10. Mai 1945 führende Sorben, um nach acht Jahren erzwungener Untätigkeit die Domowina wieder ins Leben zu rufen. Nur zwei Tage nach dem offiziellen Ende des II. Weltkriegs hielten sie die erste Versammlung des Bundes Lausitzer Sorben ab, der eine Woche später von den sowjetischen Besatzungsbehörden auch offiziell zugelassen wurde - »und zwar drei Wochen, bevor die Parteien wieder genehmigt wurden«, sagt mit hörbarem Stolz der Historiker Peter Schurmann vom Sorbischen Institut in Cottbus.

»Opposition« in NS-Zeit

Es ist indes weniger dieses Tempo, das Schurmann von einem Wunder sprechen lässt. Vielmehr ist es die Tatsache, dass die Sorben nach der NS-Zeit überhaupt wieder an ihre Traditionen anknüpfen konnten, zu denen im Jahr 1912 die Gründung der Domowina gehört hatte. Sie verstand sich als Dachverband der vielen sorbischen Vereine, in denen sich Bauern und Lehrer, Kriegsveteranen und Wissenschaftler zusammenschlossen. Zunehmend trat sie auch als politische Interessenvertretung auf, die sich um Schulfragen, Finanzen sowie generell um die »volkstumsmäßigen Rechte der Lausitzer Sorben auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens« sorgte.

Den NS-Machthabern widerstrebten diese Aktivitäten der slawischen Minderheit. Sie verhängten 1937 ein Betätigungsverbot für die Domowina, die sie als »oppositionelle Bewegung« ansahen.

In den folgenden Jahren durchlebten die Sorben eine schwierige Zeit. Einberufungen in die Wehrmacht sollten die Assimilation ebenso voranbringen wie der Einsatz von deutschen Lehrern und Erzieherinnen in den sorbischen Kindergärten. Namhafte sorbische Aktivisten landeten in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Jan Ziesche etwa, der Herausgeber der sorbischen Tageszeitung »Serbske Nowiny«, hatte in Dresden im Zuchthaus gesessen, bevor ihm die Bombenangriffe vom Februar 1945 die Flucht ermöglichten. Knapp drei Monate später war er einer der, wie Schurmann sagt, »pragmatischen und klugen Männer«, die die Domowina wiederbelebten. Deren Vorsitzender wurde, wie schon vor 1937, der Pädagoge Paul Nedo.

Nach der Wiedergründung knüpfte die Domowina an ihren vor 1933 formulierten Anspruch an, die Sorben auch in politischen Fragen zu vertreten. Es habe auch Versuche gegeben, sie als Partei zu etablieren. Die Behörden in der jungen DDR und die zunehmend dominierende SED hätten aber unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass man die Organisation weiter als »Dachorganisation« sehen wolle, sagt Schurmann. Dem habe man sich nach einem »gewissen Tauziehen« gefügt. Den eigenen Anspruch, »überparteilich« aufzutreten, habe die Domowina freilich nur bedingt erfüllt, nachdem auch sie in den 50er Jahren den Führungsanspruch der SED anerkannte.

Feier auf Crostwitzer Hof

Heute versteht sich die Domowina wieder als Dachverband der nach 1990 verstärkt neu gegründeten sorbischen Vereine. Zugleich engagiert sie sich weiter für politische Themen wie den Erhalt von Schulen oder die auskömmliche Finanzierung sorbischer Institutionen. Von dem Anspruch »sollte sie auch nicht abgehen«, sagt Schurmann angesichts von Bestrebungen, daneben auch ein eigenes Parlament für die heute rund 60 000 Angehörigen der in Sachsen und Brandenburg beheimateten Minderheit zu etablieren. Die Debatten darüber werden sehr intensiv geführt - auch im laufenden Festjahr anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der Domowina.

Dass dieses Jubiläum überhaupt begangen werden kann, ist auch dem schnellen Handeln von Ziesche, Nedo und ihren Mitstreitern im Mai 1945 zu danken. Daran wird heute erinnert - in einer Veranstaltung auf dem Bauernhof mitten in Crostwitz, auf dem vor genau 67 Jahren das »kleine Weltwunder« vorbereitet wurde.

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