Von Jenny Becker
11.05.2012

Mehr Europa für alle?

Intellektuelle fordern in einem Manifest die Neugründung der EU von unten

Europäische Künstler, Politiker, Schriftsteller und Ökonomen fordern ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle. Mehr fällt ihnen nicht ein?
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Grenzenlos: Jung und Alt für ein gemeinsames Europa

Europa ist geschrumpft auf blutleere Worte: Finanzmarkt, Sparprogramm, Eurokrise. Es sind Worte, die man nur aus der Ferne betrachten kann, ohne zu wissen, was sie eigentlich mit einem zu tun haben. Europa - für viele ist das eine graue Politfestung, eine undurchschaubare Bürokratiemaschine. Nun haben rund 100 Intellektuelle ein »Manifest zur Neugründung der EU von unten« veröffentlicht. Vergangene Woche erschien es in verschiedenen europäischen Zeitungen, darunter in der deutschen »Zeit«.

»Wir dürfen nicht zulassen, dass Europa zum Feindbild wird«, heißt es in dem Aufruf, den der Soziologe Ulrich Beck und der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit initiiert haben. Ihre Antwort auf die Krise und die hohe Jugendarbeitslosigkeit lautet: ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle. Es soll ein Gegenmodell sein »zum Europa von oben, dem bisher vorherrschenden Europa der Eliten und Technokraten«. Taxifahrer und Manager, Angestellte und Arbeitslose, Lehrlinge und Rentner - alle sollen die Möglichkeit haben, in einem anderen Land zu arbeiten und sich in Problembereichen wie Klimawandel, Flüchtlingsarbeit oder Rassismus zu engagieren.

Unter den Erstunterzeichnern sind viele berühmte Namen: der Philosoph Jürgen Habermas, die Literaturnobelpreisträger Herta Müller und Imre Kertész, die Regisseure Wim Wenders und Doris Dörrie, aber auch Politiker wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Noch im vergangenen November veröffentlichte die »Zeit« einen Essay zu der Zukunftsfrage: »Wo waren eigentlich die Intellektuellen, als Europa zu Bruch ging?« Autor Thomas Assheuer wunderte sich, warum ihnen zu Europa nichts einfiel, warum sie »nicht in ihrer angeborenen Selbstüberschätzung Druck auf nationale Politiker« ausübten, um das Projekt Europa kreativ voranzubringen. Jetzt haben sie sich zu Wort gemeldet - doch »ein Paukenschlag«, wie die »Zeit« meint, ist das Manifest nicht.

Wunderlich mutet es an, dass im Text der längst existierende Europäische Freiwilligendienst zunächst nicht erwähnt wird. Stattdessen wird die Idee zu einem »Selbstbegründungsakt der europäischen Bürgergesellschaft« stilisiert, als gäbe es bisher keinen engagierten Austausch zwischen Europäern. Zu Recht wundert sich die Autorin Julia Friedrichs im Interview mit Deutschlandradio Kultur: »Es gibt so viele Programme: Wer möchte, der kann in Europa schon leben, studieren und auch arbeiten.« Sie findet das Pathos unangebracht: »Das ist so eine kleine Idee für so ein großes Wort - Manifest.« Erst auf der zugehörigen Internetseite der Allianz Kulturstiftung, die das Manifest organisatorisch unterstützt, ist die Rede davon, »vorhandene Programme und Strukturen zu nutzen«. Vorhanden ist der Europäische Freiwilligendienst (EFD) seit 1996: Junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren können bis zu zwölf Monate im Ausland arbeiten. Die Teilnahme ist kostenlos und wird von der EU finanziert, dazu gehören Reisekosten, ein Sprachkurs und monatliches Taschengeld. Der EFD ist Teil des EU-Programms »Jugend in Aktion«, das auch Jugendbegegnungen, Eigeninitiativen und partizipative Demokratie fördert. Vorhanden ist seit 1987 auch das studentische Austauschprogramm Erasmus. Ab 2014 werden die bestehenden Strukturen zum Einheitsprogramm »Erasmus für alle« zusammengefasst.

Doch die Klage von Beck und Cohn-Bendit, dass sich die EU-Programme auf Studenten und Ausbildungseliten konzentrieren, ist falsch. »Der Europäische Freiwilligendienst richtet sich explizit auch an sozial oder körperlich Benachteiligte«, sagt Frank Peil, Sprecher der Nationalagentur Jugend für Europa, die das EU-Programm in Deutschland umsetzt. Ob Haupt- oder Realschulabschluss, Migrationshintergrund oder nicht - »was wir betreiben ist keine Ausbildung im beruflichen Sinn, sondern eine Horizonterweiterung«.

Allerdings richten sich die bisherigen Programme tatsächlich nur an die junge Generation bis 30. Zwar gibt es auch Dienste für Senioren oder andere Altersgruppen, doch werden die nicht von der EU gefördert und sind meist mit Kosten verbunden. Beck und Cohn-Bendit fordern dagegen eine angemessene Vergütung - und eine Beteiligung der Wirtschaft, um den Freiwilligendienst zu finanzieren.

Wie gut, dass unter den Erstunterzeichnern nicht nur kluge Köpfe aus dem Bereich der Schöngeisterei sind, sondern auch Politiker wie Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, und sogar Ökonomen - etwa Anthony Giddens, ehemaliger Direktor der London School of Economics, und der Konzernchef Arend Oetker, Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Gute Voraussetzungen also, um die vage Idee eines Freiwilligendienstes für alle weiterzuentwickeln und finanziell zu sichern. Ob sich die Unterzeichner nun tatsächlich in ihren Bereichen für die Umsetzung engagieren, wird sich zeigen. Mit einer einfachen Unterschrift ist es jedenfalls nicht getan.

Informationen unter: manifest-europa.eu/

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