Von Katja Herzberg
11.05.2012

Die tragischen Helden im Stadion

Fußball als bürgerliches Trauerspiel

Unter Tränen zogen sich, kürzlich, die Fußballspieler des CFC Genoa im Erstligaspiel gegen Siena ihre Trikots aus. Frust und Enttäuschung vergangener Wochen kam in ihnen hoch. Dabei war die Partie noch gar nicht abgepfiffen. Aber wütende Fans sorgten für eine 45-minütige Spielunterbrechung, nachdem Genoa zu Beginn der zweiten Halbzeit das 0:4 kassiert hatte. Daraufhin verlangten etwa 60 Fans von ihren Spielern, die Farben des Klubs abzustreifen, sie seien derer nicht würdig, so schallte es von den Rängen. Zur Überraschung aller gaben die Genoa-Spieler der Aufforderung nach. Ihnen war klar, dass es in diesem Moment um weit mehr als ein vergeigtes Spiel ging. Die Angst vor einem möglichen Abstieg aus der höchsten italienischen Spielklasse war auf beiden Seiten der Rasenkante gewachsen und hatte nun ihren Höhepunkt erreicht.

Die Szenen, die sich an diesem Nachmittag im Genueser Stadion Luigi Ferraris abspielten, offenbarten die Tragödie, die dem Fußballspektakel inhärent ist und hier eine besondere Zuspitzung erfuhr. Gerade im Sport gibt es ständig Momente des dramatischen Scheiterns der Protagonisten und das nicht nur im umgangssprachlich gebrauchten Wortsinn: Einer gewinnt, der andere muss verlieren. Das grundlegende Prinzip. Immer geht es um Sieg.

Für diesen Sieg geben nicht nur die Sportler alles, ebenso - sofern vorhanden - deren Anhänger. Mit ihren Choreografien und Gesängen bestimmen sie den Prolog des Spektakels, so war es auch in Genua: Hoffnungsvoll empfingen die »Ultras« ihre Mannschaft auf dem Platz, feuerten sie an.

Die organisierten Fans des ältesten Klubs Italiens haben ihren Stammplatz ungewöhnlicherweise nicht in einer Kurve, sondern am Rand der Tribüne. Ein Umstand, der besondere Bedeutung erlangte, als jene Fans nach einer katastrophalen Leistung ihrer Mannschaft in die Mitte der Tribüne stürmten, hin zum Spielertunnel, möglichst nah an die Mannschaft heran, um ihrem Ärger Luft zu machen. Ihr kollektiver Wutausbruch sorgte für ein retardierendes Moment: Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel. Bei einem endgültigen Spielabbruch - zu dem es dann nicht kam - , hätte dem Verein Punktabzug gedroht. Diesem Schicksal, der Katastrophe, schienen sich die Spieler von Genua bereits ergeben zu haben, als sie ihre Trikots abgaben. Nur einer wollte sein Hemd nicht ausziehen und redete auf die Fans ein. Ausgerechnet Giuseppe Sculli, der Enkel eines kalabrischen Mafia-Bosses ist und schon einmal wegen Spielmanipulation verurteilt wurde, verhandelte mit den Anführern der Fangruppen. Und sorgte für die vorläufige Versöhnung. Die Mannschaft bekam ihre Trikots zurück und spielte die Partie zu Ende, auch wenn die Fans den Rest der Partie gegen die Mannschaft und das Spielgeschehen ansangen.

Der Epilog sollte die Tragödie besiegeln. Vereinsführung, Liga-Verantwortliche, Polizei und in weiten Teilen die Medien diffamierten bzw. bestraften die Fans aufs Schärfste: Stadionverbote, zwei CFC-Spiele müssen unter Ausschluss der Öffentlichkeit absolviert werden. Ende eines Fußballspiels, das zugleich ein bürgerlichen Trauerspiel war - Profiteure des Spektakels und der »Pöbel« in Frontstellung.

Die Fans, diese »Ultras« werden auf Straftäter reduziert. So enden tragische Helden in übermächtigen Verhältnissen. Aber noch im Tiefschlag, in der Abstempelung keimt kämpferische Poesie des Selbstbewusstseins: In einer Erklärung schreiben die Fans: »Wir sind nicht das Böse, wir sind die Heilung.«


Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken