Von Michael Müller, Schmiedefeld
11.05.2012

War ich froh, als ich im Bett lag: 90 Kilometer gelaufen

Morgen startet der 40. GutsMuths-Rennsteiglauf: 16 500 wollen dabei sein, auch das Gründerquartett ist mit von der Partie

Zum morgigen 40. GutsMuths-Rennsteiglauf gibt es rund 16 500 Startmeldungen. So viel wie noch nie. Doch weit mehr als von großen Zahlen lebt der schönste und härteste Cross Europas vom individuellen Erleben. Deshalb übrigens auch von Mythen und Legenden.
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Prof. Dr. Willi Schröder (links) und Hans-Georg Kremer

Hans-Joachim Römhild, einer aus dem Gründerquartett von 1973, fand jüngst beim Umzug sein lang vermisstes Tagebuch aus diesem Jahr wieder. Dort hatte er am 13. Mai über die Premiere tags zuvor notiert: »War ich froh, als ich im Bett lag. 90 Kilometer gelaufen.« Seinen Jenenser Mitstudenten Wolf-Dieter Wolfram und Jens Wötzel sowie ihrem wissenschaftlichen Assistenten Hans-Georg Kremer dürfte es ähnlich gegangen sein. Dass sie nebenbei eine einzigartige Tradition begründet hatten, sollte sich erst Jahre später herausstellen.

Für Kremer, der sich seither nicht zuletzt als Historiker des Rennsteiglaufes einen Namen gemacht hat, steckt in dem lapidaren Satz übrigens eine gravierende Entdeckung: »Wir sind bisher davon ausgegangen, dass wir 100 Kilometer gelaufen waren.« So steht es in allen Chroniken. Allerdings eben auf der Basis von Erinnerungen. Römhilds wieder aufgetauchte Notiz, sagt Kremer, ist die einzige schriftliche Quelle. Natürlich schmälert sie die Leistung der vier von damals kaum. Allerdings ist sie auch Beleg dafür, dass selbst vier Jahrzehnte schon gut für Legenden und Mythen sind.

Weiter heißt es in Römhilds Zeitdokument: »Ab Inselsberg wurde alles zur Qual. Verknackster Fuß. Konnte kaum auftreten und auch mein Genick überhaupt nicht mehr bewegen. Zudem hatte ich mir einen Wolf gelaufen ...« Genau so könnte es am 13. Mai 2012 in irgendeinem aktuellen Tagebuch stehen. Denn diese Befindlichkeiten gab und gibt es beim Rennsteiglauf auf seinen drei Hauptstrecken über 72,7 und 43,5 sowie 21,1 Kilometer immer noch und immer wieder.

Was aber reizte seither und was wird wahrscheinlich auch künftig Hunderttausende Starter und Wiederstarter reizen, Ähnliches zu erleben? Sicherlich gibt es so viele Motive wie es Läuferinnen und Läufer zu diesem Erlebnis zieht. Doch letztlich reduzieren sie sich auf die, die auch im Gründerquartett vorherrschten: Laufen und Grenzen überwinden.

Dieser Kombination lag und liegt offenbar ein bestimmtes Lebens-, ein Zeitgefühl zugrunde. So ähnlich wie beim Blues oder bei Greenpeace. Bereits in den 1960er Jahren hatte der US-indische Sportguru Sri Chinmoy die Formel geprägt: »Laufe und werde, werde und laufe!« Die zu einer Exklusivität gewordene Normalität sollte wieder das Normale werden. So wie der verloren gegangene Geschmack klaren Wassers, der verblichene Geruch sauberer Luft, das verschüttete Gespür für sich selbst. In der (Industriestaaten-)Menschheit, zwar höchst mobil, aber bewegungsarm, entdeckten immer mehr ihre zwei Beine wieder. Laufen, Joggen begann magisch zu wirken. Über alle politisch-geografischen Grenzen hinweg. Dieses Phänomen zog auch in die DDR ein. In diesem Sportland fiel es auf fruchtbaren Boden. Denn in der DDR bewegten sich Jung und Alt ohnehin schon. Die vier jungen Leute aus Jena beispielsweise beim vereinsorganisierten Orientierungslauf an ihrer Universität. Und Millionen sogar taten das dann ab den 1970er Jahren bei »Eile mit Meile«.

Dies aber alles hatte - ob aus staatlicher Obhutspflicht oder staatlichem Pragmatismus herrührend, sei einmal dahingestellt - einen psychologischen Haken. Das organisierte volkssportliche Laufen war normalerweise schon nach drei, vier Kilometern am Ziel. Besagtes Jenenser Quartett wollte jedoch nicht nur ein bisschen behütet herumtraben, sondern einfach auch ein bisschen Abenteuer. Eben laufen und Grenzen überwinden. Und so »erfanden« sie den superlangen beinharten Rennsteiglauf.

Da offensichtlich nicht nur sie so dachten und fühlten, wurde daraus innerhalb weniger Jahre eine Massenbewegung. Allerdings eine für DDR-Verhältnisse etwas außergewöhnliche. Nämlich nicht wie sonst üblich »oben« beschlossen und organisiert, sondern als Basispflänzchen entstanden und von der Basis gehegt wie gepflegt. Zentral zwar mitunter verbal abgeblockt, letztlich aber toleriert. Von regionalen und lokalen staatlichen Instanzen indes tatkräftig unterstützt. Der Rennsteiglauf war schon zu DDR-Zeiten zum Gipfeltreffen der DDR-Läuferschar geworden. Aus dieser basisdemokratischen Bodenständigkeit dürfte sein Stehvermögen herrühren. Es ist nämlich das einzige DDR-Sportgroßereignis, das nach der 1990er Wende nicht platt zu machen war

Freude ist also zu Recht angesagt. In den Kelch ergießt sich indes ein bitterer Wermutstropfen. Der Mann nämlich, der die vier jungen Leute damals zum Weitermachen und -organisieren anregte und der ihnen empfahl, den einstigen Schnepfenthaler Turnlehrer GutsMuths zum Namenspatron des Laufes zu machen, erlebt diesen 40. Start nicht mehr. Der Jenaer Sporthistoriker Prof. Dr. Willi Schröder, der in diesem Jahr 85 geworden wäre, starb in der Nacht zum Mittwoch. Hans-Georg Kremer sagt, dass er seinen 40. Start nun seinem einstigen Mentor widmet. Kremer wird dabei übrigens die Startnummer 40 tragen. Seine drei Mitstreiter bekamen die 1, 2, und 3.