Von Cristina Fischer
12.05.2012

»Bis zum Letzten tapfer und lieb ...«

Die Kartei der toten Frauen

In welchem Umfang und mit welchen Begründungen unter Hitler die Todesstrafe gegen Frauen gehandhabt wurde, ist noch immer nicht genügend bekannt. So wird die Kommunistin Liselotte Herrmann in manchen Publikationen bis heute als erste Frau bezeichnet, die in Nazideutschland hingerichtet wurde. Die junge Mutter war 1937 wegen »Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat« zur Höchststrafe verurteilt worden; im Juni 1938 starb sie, deren Name durch eine große Protestbewegung weltweit bekannt geworden war, als erste Widerstandskämpferin unterm Fallbeil.

Doch vor ihr waren schon mehr als ein Dutzend Frauen im Reich exekutiert worden - zunächst noch mit dem traditionellen Handbeil: drei 1933, zwei im folgenden Jahr und neun 1935. In den ersten beiden Jahren der NS-Diktatur handelte es sich dabei ausschließlich um Mörderinnen wie die 1933/34 abgeurteilte Henny M., die ihren Ehemann vergiftet hatte. (Wolfgang Krüger hat in seiner »Kriminalchronik des Dritten Reiches« nur solche Fälle aufgenommen.)

Am 18. Februar 1935 starben in Plötzensee zwei Frauen, die wegen »Verrats militärischer Geheimnisse« zum Tode verurteilt worden waren: die 34-jährige Benita von Falkenhayn und die 36-jährige Renate von Natzmer. Letztere war schon in der Weimarer Republik im Reichswehrministerium tätig gewesen und hatte seit Ende 1928 dem polnischen Nachrichtenoffizier Jerzy Sosnowski bzw. seiner Freundin von Falkenhayn hochbrisante Unterlagen aus ihrem Büro geliefert, darunter geheime Aufmarschpläne Deutschlands. Der Tod der beiden adligen Damen unter dem Handbeil erregte großes Aufsehen, ist aber heute in Vergessenheit geraten, woran auch Nachkriegspublikationen und zwei Verfilmungen nichts änderten. Widerstandskämpferinnen waren sie nicht. Sosnowski hatte sie verführt, an ein Luxusleben gewöhnt und ihnen viel Geld gezahlt - ein klassischer Spionagefall also.

Natürlich war den Nachbarstaaten Deutschlands dessen heimliche Aufrüstung nicht entgangen. Besorgt um ihre Sicherheit warben sie Männer und Frauen an, die militärische Anlagen und Einrichtungen beobachten und darüber Aufzeichnungen anfertigen sollten, so das Ehepaar Anna und Georg Schwitzer. Ihre Motive - ob rein finanzielle oder auch politische - sind nicht bekannt; das Urteil vermerkt nichts darüber. Sie wurden im Juni 1938 hingerichtet.

Frauen, die in der zentralen Hinrichtungsstätte Plötzensee sterben sollten, blieben bis zur Vollstreckung des Todesurteils im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße. Wie viele es waren, lässt sich nicht genau feststellen. 298 Namen ermittelte die Publizistin Claudia von Gélieu (»Frauen in Haft«, 1994). Eine aktualisierte, im Internet veröffentlichte Liste umfasst 305 Namen.

Die Kartei der zum Tode verurteilten Frauen, in der auch Hilde Coppi, die Mutter des Berliner VVN-BdA-Vorsitzenden Hans Coppi, aufgeführt ist, wird im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde aufbewahrt. Sie enthält nur Vorgänge aus den Jahren von 1942 bis 1945: 333 weiße und blaue Karten im Postkartenformat, nach Jahrgängen geordnet, mit schwarzer Tinte in markanter, großzügiger Handschrift beschrieben. Die vorgedruckten Kästchen für Namen, Vornamen, Geburtsort und -tag, Beruf, Straftat, das zuständige Gericht und den Gerichtsort, Ort und Tag der Vollstreckung sind nicht immer vollständig ausgefüllt.

Das Spektrum der registrierten »Straftaten« reicht von Hoch- und Landesverrat, Wehrkraftzersetzung und Abhören von Feindsendern über »Kriegswirtschaftsverbrechen«, Plündern und Brandstiftung bis hin zu Kindesmissbrauch, Mord oder Mordversuch. Auch »Nacht und Nebel«-Häftlinge wie die 1904 geborene Französin Berthe Warret, laut Kartei verurteilt wegen »Beihilfe zu bolschewistischem Umbruch«, mussten in der Barnimstraße auf ihre Hinrichtung warten.

Da die Kartei Aufzeichnungen zu prominenten Gegnerinnen des »Dritten Reiches« wie den Frauen der Baum-Gruppe und der »Roten Kapelle« enthält, wurde sie gelegentlich für biografische Arbeiten konsultiert. Doch bis heute war unbekannt, von wem diese Kartei erstellt wurde. Bisher war man der Annahme, es sei der Gefängnispfarrer August Ohm gewesen, der u. a. Frauen der »Roten Kapelle« betreute. Meine Nachforschungen haben nun jedoch ergeben, dass diese Kartei von der sogenannten Oberlehrerin des Frauengefängnisses, Charlotte Behrends, angelegt worden ist. Sie wurde im Frühjahr 1938 im Frauengefängnis angestellt. Von 1938 bis 1945 hat sie fast alle »Todeskandidatinnen« vor ihrer Hinrichtung betreut und in vielen Fällen auf den Karteikarten ihre Eindrücke festgehalten. Besonders den Widerstandskämpferinnen brachte sie Hochachtung und Sympathie entgegen. Sie kannte fast alle - von Lilo Herrmann und Olga Benario bis hin zu den letzten Opfern des Terrorregimes im Frühjahr 1945.

Zeitzeuginnen berichteten, dass sie den Gefangenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten geholfen, ihnen Respekt und Freundlichkeit erwiesen hat. Die Leistungen der Gefängnispfarrer Harald Poelchau, Peter Buchholz und August Ohm sind anerkannt und in Publikationen gewürdigt worden - der Name von Charlotte Behrends ist nur denjenigen, die sich näher mit dem Schicksal Lilo Herrmanns befasst haben, überhaupt ein Begriff. Sie starb Ende 1991 einsam und vergessen in einem Westberliner Altersheim und wurde in einem anonymen Urnengrab beerdigt.

Was von ihr bleibt, ist ihre Kartei. Man stößt darin auch auf Namen und Schicksale, die heute kaum noch bekannt sind. Zum Beispiel auf Irena »Inka« Bernášková (1904- 1942), die erste von den Nazis hingerichtete tschechische Widerstandskämpferin - eine mutige Journalistin, eine schöne, stolze Frau, die in ihrem Heimatland erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt worden ist. 2011 wurde ihr ein Dokumentarfilm gewidmet.

Noch weniger bekannt ist Miloslava Gschwindova (1904-1942), die einstige Vorsitzende des Roten Kreuzes in Plzen (Pilsen). Charlotte Behrends war von der Tschechin tief beeindruckt: »Blondes Madonnengesicht. Ungewöhnlich warmherzig. Besorgt und bemüht um die Leidensgefährtinnen ... Bis zum letzten tapfer und lieb.«

Miloslava Gschwindova hatte zwei kleine Söhne. Einer von ihnen, beim Tod der Mutter zehn Jahre alt, ist ein erfolgreicher Architekt geworden. Die amerikanische Musikerin und Sängerin Colette Gschwind ist seine Tochter. Als ich mich mit der Bitte um Material an ihre Familie wandte, schickte sie mir Reproduktionen von Fotos, Artikeln und Gefängnisbriefen ihrer Großmutter. Sie freute sich, dass sich jemand interessierte. Später teilte sie mir mit, dass sich ihr Vater, der um 1968 aus der CSSR in die USA ausgewandert war, vor einigen Jahren umgebracht hat. Die Familie glaubt, dass das mit dem schrecklichen Tod seiner Mutter zusammenhängt. Erst kurze Zeit zuvor hatte er ihre letzten Briefe erhalten, die bei den Akten behalten worden waren. Als er sie seiner Familie vorlas, habe sie ihren Vater zum ersten Mal weinen sehen, schrieb mir Colette.

Was wissen wir von den Wunden, die die faschistischen Morde in unzähligen Familien gerissen haben? Und was wissen wir davon, wie noch heute lebende Angehörige das Schicksal ihrer hingerichteten Mütter und Großmütter umtreibt? Für sie sind die Notizen der Charlotte Behrends das letzte Zeugnis der ermordeten Frauen. Wäre es da nicht ein Gebot der Menschlichkeit - vom Interesse der Historiker abgesehen -, diese Kartei einer breiten Öffentlichkeit im Internet zugänglich zu machen?


Die Notizen in den Karteikarten des Frauengefängnisses in der Berliner Barnimstraße berichten von mutigen, stolzen Frauen:

Marianne Baum (1912-1942), Widerstandsgruppe um Herbert Baum: »Stolz, überzeugt, tapfer, reif! Klug, aufrecht bis zu allerletzt. Voll Wärme und Mitgefühl...«

Oda Schottmüller (1905-1943), »Rote Kapelle«: »Überzeugungstat. Machte sich nie etwas vor, schrieb auch kein Gnadengesuch. Liebte Märchen, gestaltete sie im Geiste zu Tänzen um.«

Liane Berkowitz (1923-1943), »Rote Kapelle«: »Leidenschaftlich, überzeugt, feurig, nicht gerade diszipliniert. Gebar in Barnimstr. Kind, konnte leider nicht nähren....«

Cato Bontjes van Beek (1920-1943), »Rote Kapelle«: »Aufrecht, tapfer, warmherzig, tief gläubig...«

Charlotte Eisenblätter (1903-1944), Widerstandsgruppe um Robert Uhrig: »Still und auffällig zurückhaltend, unter 4 Augen schnell aufgeschlossen. Ganz ohne Hoffnung und dennoch aufrecht.«

Judith Auer (1905-1944), Widerstandsgruppe um Saefkow/Jacob/Bästlein: »Voll überströmender Liebe zur 15jährigen Tochter, der sie in der Abschiedssprechstunde das Urteil verheimlichte. Voll Güte. Überzeugungstreu. Tapfer und beherrscht bis zum Ende.«"

Irene Wosikowski (1910-1944), Deutsche in der Résistance: »Reifer, leidgeprüfter, ernster, kluger, warmherziger Mensch ... Sehr liebes Verhältnis zur Mutter, die mich meines Amtes halber verabscheute.«

Henrika »Nina« Veith (1914-1943), polnische Schauspielerin: »Überzeugungstat! Zierliche, bewegliche, blonde, blauäugige, sehr zarte Gestalt und Seele. Kindhaft rein, klar, aufgeschlossen, reif in Urteil und Überzeugung.«

www.bundesarchiv-berlin.de
Unsere Autorin forscht und publiziert vor allem zur Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts.

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