Von Heidi Diehl
12.05.2012

Urlaub beim Patenkind

Die »Hanseatic School for Life« in Thailand, entstanden nach dem Tsunami, ist offen für Touristen

Reisen bildet. In von ihren Heimatorten entfernten Gegenden sammeln Reisende neue Eindrücke und Erfahrungen. Aber auch für die Anwohner der Reiseziele kann Tourismus Neues und Lehrreiches bringen: Strukturschwache Regionen werden von neuem Leben erfüllt und mit den Einnahmen der Gäste sinnvolle Initiativen finanziert. Heidi Diehl wirft einen Blick auf solche touristischen wie sozialen Projekte in Thailand.
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18 Pavillons stehen Besuchern zur Verfügung.

Chaturavit war mit seiner Mutter und seiner Schwester allein zu Hause, als am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 die große Welle kam, die 230 000 Menschen das Leben nahm. Sie flüchteten zunächst auf ein höher gelegenes Bett. Als das Wasser weiterstieg, schlug seine Mutter ein Loch in die Decke, durch das sie Luft aus dem Dachgiebel atmen konnten. Das rettete ihnen das Leben. Chaturavits ältere Schwester starb später an den Folgen des Tsunamis, die Eltern und der siebenjährige Junge konnten zwar ihr Leben retten, verloren jedoch alles andere: die Schwester, das Haus, die Existenz und auch jede Hoffnung. Die Eltern wussten nicht, wovon sie den Jungen ernähren sollen. Doch der hatte Glück, er bekam ein paar Monate später einen Platz in der »School for Life«, wo der heute 14-Jährige seitdem nicht nur eine gute Ausbildung erhält, sondern auch sein Lachen wiederfand. Koch möchte er einmal werden, erzählt der schüchterne Junge, der bald in die 9. Klasse kommt.

Neues Zuhause für 150 Kinder

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Die größeren haben Gelegenheit, ihre Talente in zahlreichen Projekten auszuprobieren.

Viele Menschen in aller Welt beteiligten sich nach dem verheerenden Tsunami mit Spenden an der Beseitigung der materiellen Schäden. Niels Stollberg, Chef der Bremer Beluga Reederei, wollte mehr tun und erbaute ab Februar 2005 in Na Nai, 20 Kilometer vom thailändischen Badeort Khao Lak entfernt, die »Beluga School for Life«, in der rund 150 Kinder eine Zuflucht und neue Hoffnung fanden. Nach dem SOS-Kinderdorf-Modell leben sie hier gemeinsam in Familienhäusern, gehen zur Schule und werden auch psychologisch betreut, um das Trauma zu verarbeiten. Der Reeder sicherte der Schule Zuschüsse von 30 000 Euro pro Monat zunächst für zehn Jahre zu. Doch dann musste die Reederei Insolvenz anmelden, und alles stand auf der Kippe. Glücklicherweise fand sich recht schnell eine Lösung. Für einen symbolischen Euro verkaufte der Insolvenzverwalter die Einrichtung an eine Gruppe von Bremer und Hamburger Kaufleuten, die sie nun als »Hanseatic School for Life« weiter führen. Sie finanziert sich vor allem über Sponsoren und über Patenschaften.

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Die Jüngsten werden liebevoll im Kindergarten betreut.

Für die Kinder und die Erwachsenen, für die die Einrichtung längst zum neuen Zuhause geworden ist, änderte sich indes nichts. Von Anfang an hat setzte man hier auf ein sehr umfangreiches und zum Teil ungewöhnliches Konzept, das mit den Worten Hilfe zur Selbsthilfe nur sehr ungenügend umschrieben wird.

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Sommart Krawkeo, pädagogischer Leiter der Schule, ist für die Kinder so etwas wie ein Vater.

Drei Millionen Euro investierte der Gründer in den Bau des Projektes, das sowohl Tsunami-Waisen als auch Kinder aus Familien, die durch die Katastrophe alles verloren hatten, aufnehmen sollte. Neben Wohn- und Schulgebäuden entstanden ein Kindergarten, eine Kantine mit Küche und Bäckerei, Sport- und Spielplätze, ein Museum und ein Amphitheater für Veranstaltungen sowie Flächen für den Anbau von Obst und Gemüse. Denn so weit wie möglich sollte sich die dörfliche Gemeinschaft selbst versorgen. Deswegen fanden auch Farmer, Fischer und andere Menschen aus der Region in der School for Life ein neues Zuhause, die früher vom Tourismus gelebt und durch den Tsunami nicht nur Hab und Gut sondern auch ihre Arbeit verloren haben.

Das pädagogische Konzept ist auf sozial kompetentes, ökologisch verantwortliches und unternehmerisch aktives Leben und Lernen angelegt. Indem die Kinder zu Kreativität und Eigenverantwortung angespornt werden, soll gesichert werden, dass sie später als Erwachsene nicht in Armut zurückfallen. Der gesamte Unterricht ist darauf ausgerichtet. Was vor allem lebensnaher Projektunterricht bedeutet. Dabei können sich die Kinder in vielfältiger Form ausprobieren, sowohl in der Schul- als auch in ihrer Freizeit. Es gibt Musikkurse, eine Buchbinderei, sie können gärtnern, malern und kochen. »Einen besonderen Schwerpunkt legen wir auf die Förderung des unternehmerischen Denkens und Handelns, um den Kindern die nötigen Fähigkeiten für ein selbstbestimmtes Leben zu vermitteln«, sagt Projektleiterin Jarumon Jaturonnate. Für das Konzept des nachhaltigen Lernens wurde die Hanseatic School for Life als offizielles Projekt der UN-Weltdekade 2010/11 ausgezeichnet.

Derzeit leben 127 Kinder hier. Mit besonderem Stolz erzählt die Projektleiterin von Chaiwat Pramkaew, der nur noch ab und an nach Hause kommt. Der 21-jährige Tsunami-Waise hat vor einem Jahr als erster der »Familie« das Abitur abgelegt und studiert inzwischen im zweiten Jahr Jura an der Burapa Universität in Chonburi. Bald schon werden die Nächsten das Dorf verlassen, um irgendwo in Thailand ein Studium zu beginnen. Alle sollen für die Zeit ihres Studiums weiter finanziell unterstützt werden, sagt Jarumon Jaturonnate. Um das zu ermöglichen, setze man auf noch mehr Paten, die bereit sind, einen Teil der Kosten zu übernehmen.

Nicht wenige der Kinder haben bereits einen Paten, die meisten kommen aus Deutschland. Doch im Gegensatz zu Patenschaften von Hilfsorganisationen, die nur als Geld- und Briefkontakt bestehen, kennen viele Kinder der Hanseatic School for Life ihre Paten persönlich. Nicht selten begannen diese langjährigen Beziehungen mit einem ganz normalen Urlaub.

Urlaub mit schönsten Folgen

Denn neben den Wohn- und Lerneinrichtungen entstanden auf dem Gelände der Schulgemeinschaft auch 18 komfortable Besucherpavillons, die Platz für insgesamt 52 Urlaubsgäste bieten. Damit wurde nicht nur eine nachhaltige Tourismusform angestrebt, die ethisch und sozial gerecht ist, sondern auch die Möglichkeit für Urlauber, mit den Kindern und dem Projekt direkt in Kontakt zu kommen. Was manchmal mit dem Tausch von Süßigkeiten oder Spielzeug gegen dankbares Kinderlächeln begann, endete nicht selten mit einer Patenschaft. Viele »Eltern« kommen seitdem immer wieder, um »ihre« Kinder zu besuchen.

Für Jarumon Jaturonnate und ihre Mitarbeiter sind diese sozialen Kontakte einerseits ein wichtiger Aspekt für die Entwicklung der Kinder. Zum anderen sei man auf das Geld der Paten dringend angewiesen. Für Ernährung, Kleidung, medizinische sowie sozialpädagogische Betreuung eines Kindes werden monatlich 30 Euro benötigt, weitere 40 Euro für Bildung und Ausbildung. 70 Euro im Monat klingt nicht viel, doch ohne Sponsoren und Paten ist die Fortführung des Projekts nicht möglich. Deswegen ist man für jeden neuen Paten dankbar. Auch Teilpatenschaften sind möglich.

Alle touristischen Einnahmen fließen zu 100 Prozent in das Schulprojekt. Mehrere kleinere und größere Reiseveranstalter unterstützen dieses außergewöhnliche touristische Angebot. Seit 2008 auch die TUI, die einen Besuch der Hanseatic School for Life ihren Urlaubern zunächst vor Ort als ein- oder mehrtägiges Ausflugsprogramm anbot. Im aktuellen Asienkatalog kann man es erstmals als buchbares Angebot finden.

»Ob das Tourismusprojekt in dieser Form jedoch weitergeführt werden kann, steht im Moment leider in den Sternen«, sagt Marisa Ritzman, Prokuristin der Hamburger gGmbH. Der Grund sei, dass es sich nicht so rechne, wie man es sich erhofft habe. Zwar würden alle, die einmal da waren, die ganz besondere, individuelle Betreuung loben, doch die koste eben auch Geld, das man lieber den Kindern zukommen lasse. Ein letztes Wort sei aber noch nicht gesprochen.

Doch unabhängig, wie die Entscheidung ausfällt, jeder, der will, kann über den Hamburger Schulbetreiber eine Reise in das Kinderdorf buchen und hier einen ganz besonderen Urlaub verleben. Auch künftig wird es möglich sein, die Kinder hautnah zu erleben, sie beim Lernen zu beobachten oder mit ihnen Fußball zu spielen. Die Köchin bietet den Gästen Kochkurse, sie können beim Gärtnern helfen, mit Einheimischen auf Exkursion gehen oder auch einfach nur faul am Pool liegen. Und wer weiß, vielleicht endet der Urlaub mit einem neuen Patenkind und der Vorfreude auf ein Wiedersehen im nächsten Urlaub.

Eine andere Möglichkeit, ganz nah mit den Kindern und dem Projekt verbunden zu sein, ist die Möglichkeit eines freiwilligen Jahres in der Schule. Anne Tisch-Rottensteiner aus Nürnberg hat das ein Jahr lang getan. Die 27-Jährige Nürnbergerin, die die Schrecken des Tsunami 2004 am eigenen Leib erfahren musste, bezeichnet die Zeit in dem Schulprojekt als eine Erfahrung, die ihr weiteres Leben nachdrücklich geprägt hat.

Infos:
Hanseatic School for Life gGmbH,
Rothenbaumchaussee 42,
20148 Hamburg,
www.hsfl.net

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