Von John Dyer, Boston
12.05.2012

Der »Wal von London« verzockte Milliarden

Hoher Spekulationsverlust der Großbank JP Morgan lässt die Wall Street zittern

Ein Händler von JP Morgan Chase hat bei Spekulationsgeschäften zwei Milliarden Dollar in den Sand gesetzt. Die US-Großbank galt bislang als Musterknabe.

Eigentlich dachte man, die Wall Street habe aus ihren Fehlern gelernt, die vor vier Jahren die weltweite Wirtschaft in die Knie zwang. Der Fall von JP Morgan Chase legt aber nahe, dass Investmentbanker lernresistent sind. JP Morgan musste am Donnerstag bekanntgeben, innerhalb der vergangenen sechs Wochen zwei Milliarden Dollar durch Spekulationsgeschäfte verloren zu haben.

Der Verlust entstand durch Investitionen in Derivate, die eigentlich gegen Kreditausfälle absichern und damit Risiken beherrschbar machen sollten, sogenannte CDS. Offenbar wurde damit aber spekuliert. Berichten zufolge soll im Mittelpunkt des aktuellen Dramas ein europäischer Anleihehändler stehen. Achilles Macris, auch als der »Wal von London« bekannt, arbeitet seit sechs Jahren bei JP Morgan. Die Nachricht sorgte für Entsetzen, geht der Verlust doch auf Praktiken zurück, welche die Politik gegen den Widerstand der Finanzindustrie eindämmen wollte. Bankchef Jamie Dimon sprach von »ungeheuerlichen Fehlern«. »Wir haben das selbst verschuldet.« Dimon räumte ein, dass der Verlust kurzfristig um eine weitere Milliarde Dollar steigen könnte.

JP Morgan war bisher nicht für hochriskante Geschäfte bekannt und überstand die Krise besser als die Rivalen. Jamie Dimon, der ein gutes Verhältnis zu Präsident Barack Obama pflegt, galt als Vorzeigebanker. In Artikeln wurde darauf hingewiesen, dass er eine gesunde Bank mit einem gehörigen Maß an Verantwortungsbewusstsein in eine goldene Zukunft führen werde. »Ein klassischer Fall von Wall-Street-Selbstüberschätzung«, meint Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology.

Laut Experten hätte der Verlust noch wesentlich größer sein und sämtliche Reserven der Bank verschlingen können. In diesem Fall hätte der Staat JP Morgan retten müssen, denn die Bundesregierung garantiert für die Einlagen der Bank, die 863 Milliarden Dollar betragen. Der demokratische Senator Carl Levin aus Michigan, Vorkämpfer für einen sauberen Finanzplatz, sieht sich daher bestätigt: Gerade die großen Banken, die dächten, ihnen könne nichts passieren, hätten keine Skrupel, derartige Risiken einzugehen. »Dieser Fall sollte uns daran erinnern, harte und effektive Regeln einzuführen, damit die Steuerzahler in Zukunft nicht mehr in die Zwangslage kommen, solche Verluste zu kompensieren.«

Die Demokraten liefern sich seit Langem mit der Finanzindustrie einen harten Schlagabtausch über die Einführung gesetzlicher Vorgaben, wie hochriskante Geschäfte unterbunden werden können. Die Banken wollen die Möglichkeit behalten, sich gegen Verluste abzusichern - was bei JP Morgan schiefgegangen ist. »Dies ist der Wendepunkt der Debatte«, meint Prof. Frank Partnoy von der Universität San Diego. Der Verlust zeige, dass die bisherigen Finanzreformen nicht ausreichen. Bankchef Dimon sieht dies anders: »Nur weil wir so dumm waren, heißt das ja nicht, dass andere es auch sind.« Und Obamas Rivale Mitt Romney möchte im Falle eines Wahlsieges die bisherigen Regeln aufweichen.


Lexikon

Die Historie der US-Bank JP Morgan Chase & Co. reicht bis in die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. In ihrer heutigen Form entstand sie in den 1990ern durch Fusionen von drei Vorgängerinstituten. In der Finanzkrise übernahm JP Morgan die strauchelnde Investmentbank Bear Stearns und die Sparkasse Washington Mutual. Mit einer Bilanzsumme von 2,3 Billionen Dollar überholte sie die Bank of America als Nummer 1 in den USA und löste auch Profitspitzenreiter Goldman Sachs ab. JP Morgan hat rund 260 000 Mitarbeiter. nd

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