Von Anita Wünschmann
12.05.2012

Einmischen!

Die 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat sich zum politischen Ort erklärt

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Ankunft des »Key of Return« bei den Kunstwerken

Antonio und Maria knien auf dem Boden und schneiden mit Cuttermessern Buchstaben aus einer Wellpappe. »Keine Grenzen um Europa«. Das Plakat soll hier in den Kunstwerken aufgehängt werden. Die beiden jungen Leute sind - wie sie selbst sagen - Aktivisten der Occupy-Bewegung. Sie hatten ihre Statements bereits zu der Eröffnungspressekonferenz der Biennale vorgetragen: »So wie die Welt gerade ist, soll und kann sie nicht bleiben!« Damit ist der sehr allgemeine Nenner aller von der Krise, der Staats- und Bankenpolitik Verunsicherten und vor allem Betroffenen benannt. In den kommenden Tagen (am 12. Mai in Berlin, vom 16. bis 19. in Frankfurt/Main) sind große Demonstrationen geplant. Es ist bei aller bisheriger Grenzüberschreitung des Kunstbegriffs, vielfacher kunstaktionistischer Konzepte zur Marktverweigerung ein Novum, dass eine politische Bewegung, und sei es nur als Gast, zum unmittelbaren Bestandteil einer Biennale wird.

Der Kurator Artur Zmijewski hatte schon Monate vor Eröffnung mit seinem Programm - Kunst als unmittelbare und wirksame Einmischung - für eine ungewohnt große Medienöffentlichkeit gesorgt. Das polnische Kuratoren-Team wählte aus 700 Bewerbungen 30 politisch arbeitende Künstler aus. Per Foren, Aktionen, Filmvorführungen soll sich das Publikum mit den drängenden Fragen der Gesellschaft sowie mit einer zunehmend hegemonialen Erinnerungskultur - so heißt es im Programm - befassen.

Den Hof der Kunstwerke, dem seit 1994 von Klaus Biesenbach initiierten Biennale-Ort, umfängt eine bunt bepflasterte Agit-Prop-Stimmung samt Stephane Hessels »Wehrt Euch!«-Aufrufen und Akkordeonspielerromantik. Hier befindet sich auch das tonnenschwere und neun Meter lange Eisenobjekt - »Key of Return« - den die Bewohner des Flüchtlingslagers Aida bei Bethlehem herstellten. Das Symbol für einen selbstständigen palästinensischen Staat teilt sich den Hof mit zwei der hunderten Birken, die Lukas Surowiec aus der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau mitbrachte, um sie metaphorisch an verschiedenen Stellen Berlins einzupflanzen.

Im Occupy-Lager, dem Hauptraum der Kunsträume, vermitteln Bocktische, Stapelstühle, Planen, Kochnischen, Pappen, Papierrollen, Farbtöpfe ein lebendiges Chaos. An den Wänden illustrieren Spontandialoge, Zitate und Pressedokumente multilinguale Proteststimmung. »Haben sie ihren Bakunin gelesen?«, lautet eine Frage (gemeint ist »Staatlichkeit und Anarchie«, 1873) und der hier offensichtlich praktizierte Ansatz: »Die Wahrheit ist keine Theorie, sondern die Tat, das Leben selbst«. Dazu dann Joseph Ackermann als Dagobert. Banklogos grau überstrichen - grau wie die superteuren Bilder von Gerhard Richter quasi nebenan.

Eine politische Bewegung im Ausstellungskontext - das könnte Domestizierung und Zooeffekt bedeuten (worauf der selbstironische Kommentar verweist: »Füttern der Akteure erlaubt«). Die Wahrnehmung des Ganzen als Performance bleibt nicht aus und man fühlt sich an Thomas Hirschhorns Installation des Kristall-Chaos' erinnert, das er als Zeichen und im Ergebnis des arabischen Frühlings in den Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale 2011 hineinkomponiert hat. Offenbar dient derartige Turbulenz der Affektstärkung, aber hilft sie auch der Vernunft?

Weitere Stationen sind neben dem Deutschlandhaus die Elisabeth-Kirche (Invalidenstraße). Hier entsteht gemeinsam mit dem polnischen Künstler Paweł Althamer ein Monument der urbanen Partizipation, indem alle Bürger eingeladen sind, auf den im gesamten Kirchenschiff aufgespannten weißen Wänden mitzumalen. Die unkomplizierte Lust des Tuns fasziniert dabei ebenso wie die Banalität des zu Sehenden Irritationen hinterlässt. Die Abwesenheit von Schönheit, deren Wert allein als spekulationsdienlich und ob seiner Inbesitznahme durch Wenige als suspekt gilt, gehört zum Wesen der diesjährigen Biennale.

Folgerichtig auch Joanna Rajkowskas Film in der Akademie der Künste. Sie hinterfragt mit der selbstinszenierten Schwangerschaft ideologisch vielfach besetzte Idealbilder wie Leib, Mutterschaft und Geburt. »Neukontextualisierung«, um wirksam werden zu können - das klingt zupackend ist aber offenbar ebenso angreifbar wie die Buchsammlungsaktion von Martin Zet und das Logo der Berlin Biennale, dessen Generierung aus dem Doppel-B nicht nur an Euro und Dollar, sondern auch an NS-Adlersymbolik erinnert.

Bis 1.Juli, Programm und Infos unter www.berlinbiennale.de

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