Von Marina Mai
12.05.2012

Lernen macht stolz

Für Kinder von Asylbewerbern in Lichtenberg gehört der Schulbesuch jetzt zum Alltag

Für die Schule hat Elena nur ein Wort: »Super«. Die Augen der 16-Jährigen leuchten, wenn sie von der Schule erzählt. Elena ist mit ihrer Roma-Familie aus Bosnien nach Berlin geflohen und wohnt in Lichtenberg - in der neuen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in der Rhinstraße, die seit Februar schrittweise bezogen wird und immer noch ein wenig Baustelle ist.

Elena ist Analphabetin, kann aber zählen und rechnen. In Bosnien ist sie nur ein halbes Jahr lang zur Schule gegangen. In Lichtenberg besucht sie eine Kleinklasse für ältere Lernanfänger. »Nur acht Stationen mit der Straßenbahn muss ich fahren«, sagt sie begeistert.

Die meisten der neu nach Berlin kommenden Asylbewerber seien Roma aus Serbien und Bosnien, sagt Snezana Hummel von der Arbeiter Wohlfahrt (AWO) Mitte, die sowohl das neue Heim als auch das heruntergekommene alte in der Spandauer Motardstraße betreibt. Hummel kann sich mit den Asylbewerbern in ihrer Muttersprache unterhalten. Sie war einmal »Titos Pionier«, wie sie sagt, und zog im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in den Westteil Berlins.

»Es ist eine Freude zu sehen, wie die Jugendlichen am Morgen zur Schule gehen.« Elena und andere Roma-Mädchen gehen gemeinsam mit kurdischen und palästinensischen Jungs. »Da ist ein Zusammenhalt, obwohl sie keine gemeinsame Sprache sprechen. Aber sie alle sind stolz, zur Schule gehen zu dürfen«, sagt sie. Schulverweigerung gebe es unter den Bewohnern nicht. In Spandau hingegen gehen kaum Asylbewerberkinder zur Schule. Dort müssen sie über Monate auf die Untersuchung beim Schularzt warten, und kurz danach ziehen sie schon weg von der Erstaufnahmestelle. Damit hat sich der Bezirk um das Problem, sie zu beschulen, herumgeschummelt. In Lichtenberg klappe das besser, erzählt Snezana Hummel. »Ich liebe diesen Bezirk.«

Der Schulbesuch sei aber nicht nur für die Kinder wichtig, so die Leiterin weiter. »Er strukturiert den Tag der ganzen Familie.« Die Eltern haben eine Aufgabe, wenn die Kinder zur Schule gehen. Und das ganze Heim strahle eine entspanntere Atmosphäre aus als das in Spandau. Hummel schwärmt von den vielen kleinen Details im neuen Heim. »Wir bieten natürlich keinen Luxus, aber alles ist funktional.« Das Wort »Eingang« steht in acht Sprachen über der Tür. »Ein Zeichen für den Respekt gegenüber unseren Bewohnern.« Auf den langen Gängen gibt es Bewegungsmelder. Das spart nicht nur Strom, man muss auch nicht im dunklen Gang Lichtschalter suchen. Die Etagen haben nicht nur eine Nummer, sondern auch ein Symbol: etwa einen Mond, einen Kreis oder einen Querstrich. Damit können sich auch Analphabeten im Haus orientieren. Im Spielzimmer gibt es Toiletten und Waschbecken für Kinder, die die AWO in ihren Kitas hat.

Eine palästinensische Familie mit vier Kindern ist vor sechs Tagen aus der Motardstraße hierher gezogen. »In der Motardstraße war ich geschockt, wie dreckig es war«, sagt die Frau. In Lichtenberg sei es sauber und hell. Die Zimmer seien größer. Statt Gemeinschaftsduschen gibt es hier Einzelduschen, die die Intimsphäre wahren. »Küche und Bad liegen gleich neben dem Zimmer und nicht am anderen Ende des Ganges.« Für die vierfache Mutter eine Erleichterung. »Ich fühle mich entspannter.« Aber sie vermisst die Deutschkurse für die Erwachsenen, die es in der Motardstraße gibt.

»Wir haben zu wenig Personal«, bedauert Snezana Hummel. Eigentlich war das Heim in der Rhinstraße als Ersatz der Motardstraße geplant. Aber es ist mit 330 Bewohnern ausgelastet. In der Motardstraße wohnen noch einmal 250 Leute. »Wir betreiben zwei Heime an den entgegengesetzten Enden der Stadt und haben kaum zusätzliches Personal«, erklärt die Leiterin. Geplant seien Deutschkurse vier Mal pro Woche. Wenn es Personal gibt.

Hummel wünscht sich sehr, dass die Motardstraße bald geschlossen wird. Dafür müsse die Politik sorgen. »Ich denke, es hakt weniger bei der Landesregierung als bei den Bezirken, die keinen Ersatzstandort akzeptieren wollen.« Eine Erstaufnahmestelle für Asylbewerber heißt, es kommen immer neue Lernanfänger in die ohnehin vollen Schulen des Bezirkes. Und einen Bezirk, der das so vorbildlich löst wie Lichtenberg, hat sie bisher noch nicht kennen gelernt.

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