Von Andreas Boueke
14.05.2012

Steine werfen oder Frieden stiften?

Alltag in Bethlehem - der Palästinenser Houssam sucht seinen Weg

Der 14. Mai ist ein Feiertag in Israel, der Tag der Unabhängigkeit. Die meisten Palästinenser aber bezeichnen den 14. Mai 1948 als »Nakba«, die Katastrophe. Sie erinnern sich daran, wie sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Neun Millionen Palästinenser leben heute als Flüchtlinge in anderen Ländern oder leiden unter der israelischen Besatzung.
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Zwei Dinge, die sich eigentlich ausschließen: ein Friedenszeichen an der von Israel errichteten Mauer in Bethlehem

»Wir alle verstehen die Sprache der Musik«, sagt Nassar Ibrahim, der Direktor des palästinensisch-israelischen Zentrums für Alternative Information (AIC) in Bethlehem. »Die Musik vermittelt unsere Botschaft mit einem Lächeln. Denn trotz Besatzung, trotz der Kontrollpunkte, Morde, Gefängnisse, des Landraubs, illegaler Siedlungen, trotz all dem können wir noch immer lächeln.«

Vor allem Europäer sind zu einem Konzert der Gruppe Jadal in das AIC gekommen. Nassar Ibrahim begrüßt sie und nutzt die Gelegenheit, für die Sache seines Volkes zu werben: »Millionen von Palästinensern leiden unter der israelischen Besatzung. Das normale Leben der Jugendlichen wird zerstört. Sie verlieren ihre Väter, ihre Familien, ihr Land, ihre Häuser, ihre Schulen.«

Direkt neben dem Konzertsaal ist eine Küche. Dort kocht der 24-jährige Palästinenser Houssam ein Abendessen für die ausländischen Gäste. »Es ist gut, dass sie nach Bethlehem kommen. Sie versuchen, die Situation in Palästina zu verstehen.« Houssam arbeitet als Freiwilliger im AIC: »Damit habe ich angefangen, als ich vor fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde.« Manchmal bietet sich für Houssam auch die Möglichkeit, in dem Zentrum ein wenig Geld zu verdienen. Für jede Person, die an seinem Abendessen teilnimmt, bekommt er fünf Schekel, etwa einen Euro. So kann er rund 20 Euro verdienen. Das reicht für die Transportkosten einer Woche, denn er fährt jeden Tag mit dem Bus von Bethlehem nach Abu Dis, ein Stadtteil Ostjerusalems. Dort studiert er an der Al-Quds-Universität.

Wenn sie Lust dazu haben, sperren sie uns ein

Inzwischen ist das Konzert zu Ende. Nassar Ibrahim steht an einer Theke in den Kellergewölben neben dem Konzertsaal. Die Bar ist voller Zigarettenrauch. Ich frage ihn, ob er Lust hat, mir die abendlichen Straßen Bethlehems zu zeigen. Sofort drückt er seine Zigarette aus, springt vom Hocker, begleitet mich nach draußen und beginnt zu erzählen. »Früher war Bethlehem besetzt. Zur Zeit sind wir umgeben von Besatzern. Aber ständig kommen israelische Soldaten auch in die Stadt.«

Die Nacht ist kühl. Plötzlich bleibt der hagere Palästinenser stehen. Er schaut in das Dunkel der Straße. »Dort drüben stehen israelische Soldaten. Wenn ich sie sehe, kommen mir zwei einfache Fragen. Was machen sie hier? Und warum sind sie hier? Sie geben mir das Gefühl, dass ich in meinem eigenen Land nicht respektiert werde. Wenn sie Lust haben, können sie mich einfach mitnehmen und einsperren.«

»Viele Umstände machen unser Leben schwierig«; erklärt der junge Palästinenser. »Zum Beispiel dauert die Fahrt von Bethlehem bis zur Universität eigentlich nur etwa 20 Minuten. Aber an den Kontrollpunkten kann immer etwas passieren. Manchmal halten die Soldaten uns eine Stunde lang fest, manchmal zwei Stunden, drei, vier. An einigen Tagen schließen sie den Kontrollpunkt, und du musst einen anderen Weg finden. Einmal haben wir zu zehnt versucht, an den Häusern vorbei zu gehen, um studieren zu können. Sie haben uns alle geschnappt, in einen Militärwagen gebracht und geschlagen.«

Ostjerusalem ist der Teil der Stadt, den die Palästinenser für sich beanspruchen. Dazu gehört auch ein Teil der für sie besonders wichtigen Altstadt. Dort steht der Felsendom an einer Stelle, an der die Himmelfahrt des Propheten Mohammed stattgefunden haben soll. Houssam kann die berühmte goldene Kuppel des Gebäudes von vielen Stellen aus sehen, aber hingehen kann er nicht. Dafür bräuchte er eine Genehmigung der israelischen Behörden. Aber ein junger Palästinenser wie Houssam bekommt keine solche Genehmigung.

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Houssam

Über 14 000 Studierende sind an der öffentlichen Al-Quds-Universität eingeschrieben, mehr Studentinnen als Studenten. Die meisten der jungen Frauen tragen ein Kopftuch. Aber einige tragen ihr Haar auch offen, bedeckt nur mit einer Sonnenbrille, Augen und Lippen deutlich geschminkt. Houssam ist es egal, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht. »Einige tragen den Hidschab aus religiöser, islamischer Überzeugung, andere aus kulturellen Gründen. Und viele tragen keinen.« Er schlägt vor, die Direktorin der Fakultät für Frauenstudien zu besuchen. Die Professorin Al Labadi ist eine der ersten palästinensischen Feministinnen, die sich um einen Dialog mit jüdischen Frauen in Israel bemüht hat. »Auch einige meiner Studierenden haben Erfahrungen im Austausch mit Israelis«, sagt sie. »Manche sind zu einer Konferenz gegangen oder haben an einem Jugendcamp teilgenommen. Aber wenn sie zurückkommen, dann sagen sie alle, es sei unmöglich mit den Israelis zu leben. Da gibt es keine Hoffnung. Es wird keinen Frieden mit Israel geben, solange die Israelis unser Leben kontrollieren.«

In einer Mensa der Universität kauft sich Houssam zwei in Plastik verpackte Donuts einer US-amerikanischen Firma. Das ist sein Mittagessen. Es gibt aber auch typische arabische Reisgerichte, »Makloba« mit Huhn oder »Mansaf« mit Rindfleisch. Die Studenten können sicher sein, dass in der Küche der Uni kein Schweinefleisch verarbeitet wird. Houssam sagt auch: »Ich habe einmal Alkohol probiert. Er hat mir aber nicht geschmeckt.«

Früher hat auch Houssam Steine auf israelische Militärwagen geworfen. »Ich war 17 Jahre alt. Ich war jung. Du willst etwas tun. Du lebst in dieser Situation. Es war die Zeit der Intifada. Alle Leute haben gegen die Besatzung gekämpft. Ich wollte dabei sein. Ich wollte tun, was ich konnte.«

Im kleinen und im großen Gefängnis

Houssam war keiner der Kämpfer an der vordersten Front. Er war vorsichtig und wusste immer, wo es einen geeigneten Fluchtweg gab. Aber dann hat jemand seinen Name genannt. »Sie haben meinen Cousin verhaftet. Die ersten 45 Tage war er in einem Gefängnis in Jerusalem. Sie nennen es Mascobiya. Es ist ein hartes Gefängnis. Sie nutzen es, um Antworten zu bekommen. Manchmal setzen sie dich auf einen kleinen Stuhl und stecken deinen Kopf in eine schmutzige, scheußliche Tüte. Dann beginnen die Fragen. Sie erlauben dir nicht zu schlafen, eine ganze Woche lang.«

Schon bald wurde auch Houssam verhaftet. Mehrere Wochen lang wurde keine Anklage gegen ihn erhoben. Außer einer Aussage des Cousins gab es keinerlei Beweise für Houssams Beteiligung an dem Volksaufstand. »Sie haben mir Handschellen angelegt, an Händen und Füßen. Das tat sehr weh, drei Tage lang, 24 Stunden. Im Gericht mussten wir an vielen Tagen in einem kleinen Raum von zwei Quadratmetern warten, 14 Personen. Es gab kein Fenster, nur dieses gelbe Licht, von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends.«

Houssam saß zwei Jahre lang im Gefängnis, oft auch in Isolationshaft. »Du bist allein in einem kleinen Raum. Sonst nichts. Wenn sie das Essen in den Raum schieben, musst du dir die Nase zuhalten, weil es entsetzlich stinkt. Sie machen oft das Licht aus, zwei oder drei Tage lang. Diese Räume sind unter der Erde. Da siehst du nicht einmal den Finger neben deinem Gesicht.«

Wirklich frei fühlt sich Houssam aber auch jetzt nicht. »Ich bin raus aus dem kleinen Gefängnis, aber ich bin noch immer in einem großen Gefängnis. Hier im Westjordanland wird alles von Israel kontrolliert. Sie geben uns die Erlaubnis, rauszugehen oder drinzubleiben. Sie geben uns Nahrung, sie geben uns Wasser. Genauso wie im Gefängnis.«