Von Volkmar Draeger
14.05.2012

Dauerkuss und Vorehekrach

Im Schlosspark Theater versinkt heiter »Venedig im Schnee«

Gilles Dyrek fackelt nicht lange. Der französische Autor und Schauspieler, Mittvierziger, geht mit seinem Stück »Venedig im Schnee« rasch in die Vollen. In den ersten Szenen umreißt er die Situation, die er eindreiviertel Stunden lang hochkochen lässt und dann zum Höhepunkt führt. Zwischendrin scheint es Aufhaltepunkte zu geben, die indes verschlimmernd wirken. So entsteht amüsantes Theater. Und das vom »Venedig im Schnee« zählt mit Sicherheit zu den witzigsten in letzter Zeit. Nicht umsonst wandert die erst 2003 in Paris uraufgeführte Komödie derzeit im Siegeszug über die Bühnen Europas. Angekommen ist sie im Schlosspark Theater, Dieter Hallervordens schmunzelndem Musentempel. Dort hat sich Roland Lang des von Annette & Paul Bäcker kongenial übersetzten Text-Schlagwerks angenommen, es als leerstellenlosen Spaß inszeniert und dabei, gemäß Dyreks Intentionen, Watschen an uns alle verteilt. Denn Solidarität mit Ärmeren ist ein Thema, mit dem sich wohl jeder irgendwie herumschlägt: Soll er nun spenden oder soll er nicht?

So direkt geht der Autor freilich nicht vor. Vielmehr kleidet er sein Anliegen ins Gewand eines Wiedersehens unter Kumpeln nach langer Trennzeit. Da weiß man nie, wohin sich der andere entwickelt hat. Jean-Luc und Christophe haben vor zehn Jahren auf sechs Semester Hörsaal und Seminare geteilt. Jetzt steht Jean-Luc, der muntere Spaßvogel, kurz vor der Hochzeit mit der etwas naiven Nathalie und lädt ins neue, noch unfertige Heim den eher nüchternen Christophe ein. Der erscheint mit Patricia, seiner mondänen Freundin. Erscheint ist untertrieben, denn das Paar fährt auf den düsteren Schwingen eines deftigen Streits ein, weil Patricia ohne Grundangabe zu spät kam. Wütend will sie lieber wieder gehen, bleibt aber - zum Glück des Stücks. Denn sie entschließt sich, fortan zu schweigen, was selbst den unablässig turtelnden Gastgebern auffällt und sie die Vermutung äußern lässt, Patricia sei Ausländerin, verstehe mithin kein Französisch.

Hier setzt Patricias Rache an Christophe ein, denn sie steigt lustvoll in das Spiel ein und erfindet als ihr Herkunftsland Chouvenien, irgendwo auf dem Balkan gelegen, mit Chougrad als Hauptstadt. Anlass für die geografische Kreation sind die Hochzeiter, die sich fortwährend zärtlich ChouChou titulieren, aber den Spott nicht bemerken. Je mehr die Gastgeber über das ominöse Land erfahren wollen, desto mehr reitet sich Patricia ins Verderben, das Christophe als des Französischen Mächtiger auszubaden hat. Zwischendrin, wenn das liebende Paar Nachschub für das Mahl holen ist, bricht der Streit das Gastpaars wieder aus; Frieden aber spielt es, sobald Jean-Luc und seine Nathalie zurückkehren. Die Komik erreicht ihren Höhepunkt, als Nathalie all ihr Fremdsprachenwissen zusammennimmt, gebrochen auf die verblüffte Patricia einredet und die Idee gebiert, man müsse ein so armes Wesen doch materiell unterstützen. Da wird dann flugs zusammengesucht, was entbehrlich ist, nicht viel gekostet hat, kaum mehr funktioniert oder ohnehin auf der Geschenkeliste zur Hochzeit steht. Plaid, Pullover und Paracetamol, Scheck, Bundstifte und Kuckucksuhr, all solche nützlichen Dinge wandern so in Patricias Hände.

Als der genervte Christophe den Spuk beenden will und Patricias Ausweis zeigt, macht die auf politischen Flüchtling, dem die Abschiebung droht. Ein Freund könne helfen, beruhigt Nathalie, doch der kennt am Telefon kein Chouvenien. Die Stimmung schlägt um, als auch noch eine Glaskugel mit Venedig im Schnee vergeben werden soll: Ihr Präsent von Jean-Luc möchte Nathalie nicht missen. Endlich Streit im Liebesnest! Patricia genießt das und ringt Christophe ein Versprechen ab, wenn es ihr gelingt, jene Kugel herauszuschinden. Welches Versprechen das ist, wie die Geschichte ausgeht und welch weitere Gags die Lachmuskeln der Zuschauer strapazieren, mag der Besucher selbst erfahren. In jedem Fall werden menschliche Verhaltensweisen reichlich aufs Korn genommen, von Taktlosigkeiten gegenüber Ausländern bis zur gewissensberuhigenden Spendenbereitschaft. Karin Betzler hat dafür ein schlichtes Esszimmer ganz in Weiß entworfen, mit übergroßem Delfinvideo, das von den Darstellern mit Spielfeuer und sicher gesetzten Pointen erfüllt wird. Gesine Cukrowski bleibt bis zum Abschied die kühl undurchschaubare Patricia, die Thomas Reisingers Christophe an diesem Abend keine Chance lässt und ihn genau dahin bekommt, wo sie ihn haben will. Gerd Lukas Storzer ist der um Frieden bemühte, lachheitere Jean-Luc, den Mariella Ahrens im Paradepart der übereifrigen Nathalie vom Dauerkuss zum Vorehekrach führt. »Venedig im Schnee«: ein neuer Funkelstein im komödiantischen Collier des Schlosspark Theaters.

Wieder 11.-15.5., 1.-5.6., Schlosspark Theater, Schloßstr. 48, Steglitz, Kartentelefon: (030) 78 95 66 71 00, www.schlossparktheater.de