Von Christin Odoj, Eisenach
14.05.2012

Große Erwartungen

Katja Wolf (LINKE) ist Eisenachs erste Oberbürgermeisterin. Einfach wird sie es nicht haben.

Vor einer Woche gewann Katja Wolf überraschend die Stichwahl ums Eisenacher Rathaus. Mit dem Slogan »Stoppt den Filz« hat sie den politischen Neuanfang in der skandalgeplagten Stadt ausgerufen. Das Scherbenaufsammeln wird schwierig.
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Feiern mit den »8.09 Uhr-Gleis 4«-Kollegen auf dem Weg nach Erfurt

Niemand hat wirklich damit gerechnet, noch nicht einmal sie selbst. Am Ende bekam Katja Wolf 478 Stimmen mehr als CDU-Kandidat Raymond Walk - das sitzt. Plötzlich ist die 36-Jährige keine gewöhnliche Thüringer Landtagsabgeordnete mehr, sondern die erste weibliche Rathauschefin in Eisenach und die erste LINKE-Oberbürgermeisterin Thüringens. Obwohl die Partei seit 1999 zweitstärkste Kraft im Landtag ist, hat es bisher nie für einen Landrat- oder Oberbürgermeisterposten gereicht.

Ihren Überraschungscoup hat Katja Wolf zwei Tage nach der Wahl noch nicht so richtig begriffen und das, obwohl sie seit dem Wahlabend permanent daran erinnert wird. 38 unbeantwortete Mailboxanrufe, Hunderte Dankesmails und der Satz »ich wollte Ihnen noch alles Gute für die Zukunft wünschen«, der in regelmäßigen Abständen auf der Straße auf sie einprasselt, haben sie paralysiert. »Das Leben läuft gerade wie in Trance an mir vorbei«, sagt sie und ist froh, endlich mal sitzen zu dürfen.

In ein paar Minuten empfängt sie die amerikanische Konsulin für Politik und Wirtschaft im Café des Bachmuseums, das mit 60 000 Besuchern pro Jahr einer der Touristenmagnete der Stadt ist. Eine französische Schülergruppe drängt sich vor der original erhaltenen Tür zu Bachs Komponierzimmer. Keiner der Jugendlichen nimmt Notiz von ihr. Ein rarer Moment der Ruhe vom Händeschütteln und Lächeln. Doch der kurze Augenblick des Nichtssagens, Nichtsdenkens, Nichtsversprechens wird jäh zerrissen, als Wolfs Mitarbeiterin, Christiane Leischner, zu ihr herüberkommt und ihr iPhone zückt. Wolf ahnt nichts Gutes. »Alle wollen jetzt Katja sehen«, ruft Leischner ihr entgegen. Wolf verdreht die Augen und stößt einen bescheidenen Seufzer gen Himmel. Ihre Mitarbeiterin liest die nächsten Termine vor: 15 Uhr Telefoninterview mit Jugendlichen vom Wartburgradio. 15.15 Uhr Interview mit »Hallo Eisenach«. 16 Uhr Kranzniederlegung auf dem städtischen Friedhof zum 8. Mai. Eigentlich sollte sie danach noch zu einer Veranstaltung des Bündnisses gegen Rassismus, aber in der Küche zu Hause kann seit Tagen niemand mehr am Tisch essen, der zugemüllt ist mit Papierstapeln und Flyern. Die Kinder müssen noch zum Haareschneiden, was später in ein familiäres Drama ausarten wird, weil die Friseurin zu viel abgeschnitten hat. »Das sind so richtig echte Probleme« schreibt sie noch um 22.35 Uhr auf ihrer Facebookseite. Die lakonische Ironie hat sie sich über die Zeit zugelegt. Seit sieben Jahren ist sie Stadträtin und hat in dieser Position auch die US-Konsulin eingeladen. Sie will mit ihr über den Wirtschaftsstandort Eisenach sprechen, kein besonders heiteres Gesprächsthema. Die Stadt kann seit Jahren keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen und wird seither vom Landesverwaltungsamt zwangsverwaltet. Das Amt drängt auf Einsparungen und Einnahmeerhöhungen. Wunderlich ist das schon, denn eigentlich ist Eisenach eines der industriellen Zentren Thüringens. Opel, Bosch und BMW haben hier Werke. Aber: Ihre Gewerbesteuer bezahlen sie woanders. Die Stadt hat mittlerweile über 40 Millionen Euro Schulden.

Eine Stadt in Finanznot

Die Thüringer Landesregierung, insbesondere die CDU, verliert nun langsam die Geduld mit dem klammen Städtchen, musste sie ihr doch schon beim Autobahnausbau zum Opelwerk, der Buszufahrt zur Wartburg und dem Bachhaus finanziell unter die Arme greifen. Beim Landestheater Eisenach soll diese bitter notwendige Unterstützung nun ein tragisches Ende finden. Das CDU-geführte Thüringer Finanzministerium weigert sich beharrlich, ohne soliden Haushalt der Stadt deren Anteil von knapp zwei Millionen Euro zur Finanzierung des Theaters zu übernehmen. Jetzt könnte den 92 Theatermitarbeitern noch in diesem Jahr die Kündigung ins Haus stehen. Unter einem ähnlich schlechten Stern steht auch das Infrastrukturprojekt »Tor zur Stadt«, das unter anderem den Neubau des Eisenacher Busbahnhofes vorsieht. Hier wurden bereits Beträge in Millionenhöhe investiert. Nun mauert das Finanzministerium und will entgegen zuvor gemachter Finanzierungszusagen kein Geld mehr bereitstellen. Große Probleme wird die Stadt außerdem beim Thema Katastrophenschutz bekommen. Die neue Katastrophenschutzverordnung des Innenministeriums verlangt von der Stadt 19 neue Löschfahrzeuge. Und das alles, obwohl eine von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) eingesetzte »Arbeitsgruppe Eisenach« vor einem halben Jahr feststellte, dass ein stabiles Haushaltskonzept in absehbarer Zeit - selbst unter Verzicht auf das Theater - nicht machbar ist.

Neben allen Glückwünschen an Katja Wolf schieben fast alle Gratulanten immer noch einen Nebensatz hinterher »und viel Kraft und Durchhaltevermögen«. Nicht wenige fragen sich, ob sie das alles schultern kann. Auch LINKE-Fraktionschef Bodo Ramelow drückt bei einer Fraktionssitzung in Erfurt drei Tage nach der Wahl die Feierlaune. »Es wird eine Menge Leute geben, die dir das Leben schwer machen wollen«, sagt er am Rande zu Wolf, als die noch mit den vielen Blumensträußen zu kämpfen hat.

Es stehen tatsächlich harte Zeiten bevor. Im Stadtrat hat Wolf eine große Koalition aus CDU/SPD und den Freien Bürgern Eisenachs gegen sich. SPD-Fraktionschefin Christiane Winter hatte kurz nach der Wahl verkündet, »die vertrauensvolle Zusammenarbeit« mit der CDU weiter aufrecht erhalten zu wollen. Schon vor der Wahl hatte sich die örtliche SPD auf die Seite des CDU-Mannes Raymond Walk geschlagen, entgegen der Appelle aus dem SPD-Landesverband - deutlicher geht es nicht. »Sicherlich spielte auch die Angst eine Rolle, dass mit einer LINKEN-Oberbürgermeisterin erst recht kein Geld mehr aus Erfurt fließt«, mutmaßt Mitarbeiterin Leischner. Die politischen Gräben in Eisenach sind tief. Zugespitzt hatte sich die Lage, als die Staatsanwaltschaft das Rathaus von Noch-Oberbürgermeister Matthias Doht (SPD) durchsuchte und im Zusammenhang mit einer Korruptionsaffäre um seinen ehemaligen ehrenamtlichen Beisitzer Christian Köckert (CDU) zahlreiche Akten sicherte.

Es klingt etwas naiv, wenn Katja Wolf, ganz im Politikermodus, erzählt, sie will das zerrüttete Verhältnis zur SPD, ohne die sie im Stadtrat keine Mehrheit hat, vor allem durch Vertrauensaufbau wieder kitten. Schließlich seien ja »alle am Wohle Eisenachs interessiert«. Man möchte ihr glauben, dass sie es schafft. So wie sie von ihren »Klingeltouren« erzählt, die sie zwei Wochen vor der Wahl auf die Beine gestellt hat. Selbst im strömenden Regen wartete sie in den Neubaugebieten vor den Türen älterer Damen, die aus Skepsis zwar nie die Tür öffnen, dann aber doch übers Fenster kommunizieren wollen, und fragte sie »wo denn der Schuh am meisten drückt«. Oft war sie noch weit nach 20 Uhr unterwegs und putzte Klinken. Vier Kilo hat sie im Wahlkampf abgenommen, denn das Brötchen, das sie mittags eilig am Infostand hinunterschlingen wollte, blieb eigentlich immer halb angebissen liegen.

Respekt vor dem Amt

Anfangs hatte ihr das Amt niemand zugetraut, viel zu jung sei sie, dabei sitzt sie schon seit zwölf Jahren als Abgeordnete im Thüringer Landtag. In der Stadt hat man ihr den Tipp gegeben, nicht mehr mit dem Fahrrad zu den Stadtratssitzungen zu kommen, das sehe nicht nach Führungskompetenz aus. Zum Fotografen hat sie deshalb gesagt, dass sie auf den Wahlflyern unbedingt älter und seriös aussehen will.

In einem stillen Moment nach der Wahl hat sie kurz überlegt, ob sie das Amt wirklich annehmen soll. Respekt vor der Verantwortung und der Berg an Problemen in der Stadt schwirrten ihr durch den Kopf. Aber dann wäre alles umsonst gewesen. Sie war angetreten, um mit den »Seilschaften der CDU und SPD« Schluss zu machen, so steht es auf fast allen Wahlplakaten in der Stadt. Dafür hat sie jeden Tag bis 18 Uhr am Infostand verbracht und Wanderungen gegen den Autobahnausbau der A4 organisiert. Im bürgerlichen Eisenach hat man sie weniger gewählt, weil sie LINKE ist, sondern weil sie eben »die Katja« ist.