Von Gunnar Decker
15.05.2012

Dandy im Massenmedium

Deutsches Theater: Gregor Gysi trifft Thomas Gottschalk

Was ist das Geheimnis eines erfolgreichen Talkmasters? Er muss so wirken wie ein Familienmitglied des Zuschauers, aber wie eines, dem man gern zuschaut und zuhört. Insofern auch ein bisschen mehr an Geist und Witz ausstrahlend als man selber, aber nicht zuviel, das würde befremden. Gottschalk, der hier am Sonntagmorgen bei Gregor Gysi im DT sitzt und sich befragen lässt, sehr konzentriert, durchaus ernsthaft sich in die für ihn ungewohnt kleine Form der Zuschauerunterhaltung einübend, demonstriert nur gelegentlich (am Ende immer häufiger) mit ostentativen Blicken auf seine Armbanduhr, dass er eigentlich andere Arenen und andere Honorare gewöhnt ist.

Das hier ist einer, der beides, Zuschauer wie Gagen, in Millionen gezählt hat, aber dennoch gern der nette Junge von nebenan sein will, nein muss, denn darin besteht nun mal - so das Paradox der Mediengesellschaft - sein Marktwert.

Gysi, wie gewohnt im unscheinbaren Anwaltsanzug und Gottschalk fast schon diskret im rot-braun karierten Kostüm, Kette um den Hals, lange Haare, die einmal blond gewesen sind - da sitzen zwei ältere Herren, die über vergangene Zeiten reden. Gysi muss für Gottschalk am Anfang den Rühmann machen, den Sympathieträger bei einem Publikum hier im Deutschen Theater, das Gottschalk nicht sofort einschätzen kann. Sind das etwa alles alte SED-Kader oder doch nur angegraute Charlottenburger Bildungsbürger? Sie sehen mittlerweile alle so gleich aus.

Mit Heinz Rühmann am Arm kam Gottschalk einst zu »Wetten dass..?« zurück, nachdem die Episode mit Wolfgang Lippert als Moderator der Sendung beendet war. Gottschalk fürchtete, dass das Publikum unfreundlich auf ihn reagieren könnte, darum blieb er dicht an der Seite des Sympathiegaranten. Dass er das so ganz und gar freimütig - und uneitel - einräumt, hat Charme.

Da arbeitet einer immer daran, Distanzen abzubauen, die Illusion der Gemeinschaft mit dem Publikum herzustellen. Ist das zynisch? Objektiv im Sinne der Logik des Mediums ja, subjektiv nein. Gottschalk will tatsächlich immer eines: gemocht werden, aber ohne sich darum alle frechen Bemerkungen verbieten zu müssen. »Der Rühmann war noch kleiner als Sie«, sagt er zu Gysi. Und ins Publikum schauend (aber das erst ganz zum Schluss): »Ist hier eigentlich einer jünger als sechzig?« Damit hat er auch das Problem dessen, was man als »klassische Fernsehunterhaltung« bezeichnet, benannt. Die Zeiten, da sich die ganze Familie um 20 Uhr vor dem Fernseher versammelte, sind endgültig vorbei. Das Fernsehen ist zu einem Spartenprodukt geworden, das bei Jugendlichen seine Faszination eingebüßt hat (was nicht nur schlecht ist) und das den Wettlauf mit dem Internet, das keinerlei Grenzen in Raum und Zeit mehr kennt, zweifellos verlieren wird, was nicht nur ein Grund zur Freude ist.

Da endet eine Medienkultur, die nie nur kalkuliertes Produkt war (wie heute fast vollständig), sondern auch Lebens- und Emanzipationsform. Dafür ist Thomas Gottschalk ein Symbol. Durchaus ein domestizierter Nachklang zur aggressiven Jugendkultur der späten sechziger Jahre, als eine postfaschistische Alltagskultur (in Ost wie West!) Beatmusik und lange Haare rigoros als eine Form der Asozialität bekämpfte, Jeansträger zu Außenseitern machte. Gottschalk gehörte zu denen, die den Beweis führten: Der da mit den langen Haaren und der Beatmusik (mit der Radiosendung »Pop nach acht« wurde Gottschalk zum Kultmoderator seiner Generation) ist ja doch ganz nett und keineswegs ein verkappter RAF-Sympathisant.

Wie ich Thomas Gottschalk da vorn sitzen sehe, in der Gewissheit, dass ihn seine Selbstironie auch über das Absterben jener Art von Fernsehunterhaltung hinwegbringen wird, die er einmal popularisierte, muss ich an einen Aufsatz von Umberto Eco denken. Er heißt »Phänomenologie des Quizmasters« und handelt von der italienischen Talklegende Mike Buongiorno (so hieß er tatsächlich), der ein halbes Jahrhundert das italienische Fernsehen mitprägte, was nicht unbedingt ein Verdienst ist, wenn man sich die intellektuelle Wüste anschaut, die das Berlusconi-Imperium geschaffen hat. Buongiorno war ein Avantgardist des Mittelmaßes, des: Es geht immer noch ein bisschen einfältiger.

Der Eco-Text ist brillant bissig, er demontiert die hohltönende Medienkultur, die am Ende so nackt dasteht wie der Kaiser im Märchen. Eco durchschaut den affirmativen Charakter dieses Typus unterhaltsamer Plauderer, der doch bloß Mehrheitsmeinungen bündelt: »Bildung erwirbt man, indem man viele Bücher liest und sich gut merkt, was in ihnen steht. Nicht im mindesten kommt ihm der Verdacht, dass Kultur eine kritische und kreative Funktion haben könnte... Mike Buongiorno kann sich nicht vorstellen, dass es auf eine Frage mehr als bloß eine Antwort geben könnte.« Diesen kultur-fundamentalistischen Text Ecos von 1961 (!) zu lesen, macht immer noch großen Spaß. Aber woher der Leidensdruck, der sich hier Luft macht? Eco hatte in den 50er Jahren für Buongiorno beim Fernsehen gearbeitet, sich die Quizfragen ausgedacht. So ist das, die Wege kreuzen sich, und die intellektuellen Konvertiten offenbaren dann nicht selten einen Zug ins puritanisch Spielverderberische.

Davon ist bei Gottschalk an diesem Sonntag nichts zu spüren. Die Lust daran, schneller als sein Gegenüber zu assoziieren, überraschend eine Pointe zu setzen, die jedoch unbedingt für jeden verständlich sein soll; das ist zweifellos angewandte Intelligenz, die darauf kalkuliert, immer wieder unterschätzt zu werden. Es sind nur scheinbar leichte zwei Stunden für Gysi, denn Gottschalk spricht nur, wenn man ihn etwas fragt und auch das nicht, ohne ausgiebig die Qualität der Frage zu prüfen. Oberstes Kriterium: Taugt sie ihm als Vorlage für eine Pointe?

Die Kontur eines Talkmasters mit Legendenstatus wird in diesen zwei Stunden sichtbar. Das Kind einer Flüchtlingsfamilie aus Schlesien, katholisch zumal, in einer protestanischen Kleinstadt tief im Westen. Der Langsamkeit der Provinz versucht der Jugendliche durch Schnelligkeit zu entkommen, immer einen Tick witziger zu sein als die anderen. Den falschen Ernst der Repräsentanten jeglicher Bedeutsamkeit mit der ironischen Wahrheit des eigenen Unernstes zu kontrastieren, das war (und ist) der Motor seines Auftrittslebens. Die Rolle des großmäuligen Außenseiters, der weiß, er darf es sich dennoch nicht mit seiner Klientel verscherzen, wurde hier geprobt.

Der Vater war Anwalt und CSU-Parteigänger. »Das wird Ihnen nicht gefallen«, sagt er zu Gysi. »Das gefällt mit sehr, ich lade mir gern Gäste von Gegenüber ein«, kontert der. Der Vater stirbt, als er vierzehn ist. Dass er trotzdem das Gymnasium besuchen kann, verdankt er der finanziellen Unterstützung eines Onkels. Geld war knapp. Kleidung anderer aufzutragen, war unumgänglich - und aus der Not eine Tugend zu machen, immer exzentrischer auszusehen als alle anderen, das hat er fortan beibehalten. Die Moped-Träume seiner Schulfreunde mochte er nicht teilen: »Laufen oder Rolls Royce«, sei sein Motto gewesen. »Bin ich zu oberflächlich?«, fragt er Gysi und fügt schnell selber ein »nö« an.

Ist es nicht seltsam, fragt Gysi, dass er, ebenso wie auch seine beiden Fernseh-Kollegen Günther Jauch oder Harald Schmidt, ein Kind der Provinz sei, zumal katholisch? Vielleicht, so Gottschalk, hätten es die Katholiken leichter, mit ihren Sünden lässig umzugehen, sie tragen sie nicht so lange mit sich herum, können sich also lange Gewissensqualen ersparen. Daraus erwächst dann vielleicht eine besondere Art des Spottes, auch über sich selbst.

Wenn man Gottschalk so sitzen sieht, diesen modernen Dandy, der lange ein Quotenkönig des Fernsehens war und nun, da er es nicht mehr ist, den Quotenterror als eine Art Fegefeuer der Massenkultur geißelt, weiß man nicht, ob es schade ist, dass er dem Vorabendfernsehprogramm verloren geht oder nicht. Denn eigentlich gehört einer wie er, mittlerweile auch ein Übriggebliebener, eine werdende Randfigur des Spartenmediums Fernsehen, ins Nachtprogramm, wie auch der Dämonologe des Talks, Harald Schmidt.

Es wird einsamer um diejenigen, die es sich leisten, Persönlichkeit zu zeigen. Sogar um Thomas Gottschalk.

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