Von Ralf Klingsieck, Paris
15.05.2012

Hollande zieht ein ins Elysée

Frankreichs neuer Präsident setzt persönliche Akzente / Erste Reise nach Berlin

Unter den bisherigen sieben Präsidenten der Fünften Republik ist er der zweite Sozialist: François Hollande zieht heute in den Pariser Élysée-Palast ein und begibt sich gleich im Anschluss auf seine erste Auslandsreise - nach Berlin.

Laut Protokoll trifft François Hollande um 10 Uhr am Präsidentenpalast ein. In Gegenwart eines großen Medienaufgebots wird er auf der Treppe des Élysée vom »Noch-Hausherrn« Nicolas Sarkozy begrüßt. Danach ziehen sich die beiden zu einem Gespräch unter vier Augen zurück, bei dem unter anderem der Code für die französischen Atomwaffen übergeben wird, über deren Einsatz in letzter Instanz der Präsident, der zugleich Oberbefehlshaber ist, zu entscheiden hat. Anschließend verabschiedet der neue den alten Präsidenten im Hof des 300 Jahre alten Palastes, der seit 1873 Amtssitz des Staatsoberhaupts ist.

Erst danach beginnt im Festsaal die offizielle Zeremonie der Amtseinführung. Die wollte Hollande bewusst bescheiden gestalten, weshalb er nur 60 persönliche zu den etwa 100 offiziellen Gästen eingeladen hat. Bei Sarkozys Amtseinführung vor fünf Jahren waren mehr als dreimal so viele Personen anwesend. Wenn der Präsident des Verfassungsrates das Wahlergebnis bekannt gegeben hat und Hollande durch die Übergabe der schweren Amtskette Großmeister des Ordens der Ehrenlegion geworden ist, hält der neue Präsident seine erste Ansprache. Schließlich schreitet er vor dem Palais eine Ehrenformation der Garde Républicaine ab.

Begleitet von einer Motorradeskorte und Reitern der Garde, fährt Hollande zum Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen, um einen Kranz niederzulegen. Schon mit der Auswahl seiner Präsidentenlimousine will er ein Zeichen setzen: Der neu entwickelte und noch nicht in Serie gebaute Citroën DS 5 ist eine Nummer kleiner und preiswerter als der bisher von Sarkozy benutzte Citroën C 6. Außerdem verfügt er über einen umweltfreundlichen Hybridantrieb.

Nach einem Festessen im Elysée begibt sich der Präsident, der seine Amtszeit »unter das Zeichen der Jugend und der Gerechtigkeit« stellt, im Tuilerien-Park zum Denkmal Jules Ferrys, um eine Gedenkrede für den Begründer der öffentlichen, konfessionslosen, obligatorischen und kostenlosen Schule zu halten. Nach einer weiteren Ehrung im Pariser Marie-Curie-Institut, wo er die Nobelpreisträgerin und zur Französin gewordene Polin sowie die Wissenschaften würdigt, fährt François Hollande auf Einladung von Bürgermeister Bertrand Delanoe zum Pariser Rathaus. Die Veranstaltung dort zu seinen Ehren wird per Großleinwand auf den Platz vor dem Rathaus übertragen, wo die Pariser den Präsidenten begrüßen können.

Gleich anschließend fliegt Hollande nach Berlin, wo er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammentrifft. Dass er noch am Tag der Amtsübernahme nach Deutschland reist, soll den besonderen Charakter und die herausragende Bedeutung der Beziehungen zwischen beiden Staaten demonstrieren. Vor Wochen hatte die Bundeskanzlerin demonstrativ nicht mit dem Präsidentschaftskandidaten Hollande zusammentreffen wollen, stattdessen ergriff sie für dessen politischen Gegner Sarkozy Partei. Auch kurz nach der Wahl Hollandes hatte sie noch einmal vor dessen wirtschaftspolitischen Plänen gewarnt. Inzwischen sind die Präsidentenberater jedoch sicher, dass man in Berlin zu den Realitäten zurückkehrt und den Weg für sachliche und normale Beziehungen frei macht.

Nach Berlin reist Hollande nicht zusammen mit dem neuen französischen Premierminister, den er Stunden zuvor als eine seiner ersten Amtshandlungen ernannt und mit der Bildung der Regierung beauftragt hat. Unberührt von allen Medienspekulationen hat Hollande über den Namen des Regierungschefs und die der Ministerkandidaten bis zuletzt Stillschweigen bewahrt.

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