Von Steffen Schmidt
15.05.2012

Eine halbe Erde zuviel

WWF-Report: Raubbau an der Natur wächst weiter

Im Vorfeld des Umweltgipfels Rio+20 unterzieht die Umweltstiftung WWF die Erde einem Gesundheitscheck. Das alarmierende Ergebnis seines »Living Planet Reports«: Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen des Planeten ist so groß wie nie zuvor.
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Palmölplantage statt Urwald: Produktion und Nachfrage in Asien wachsen.

Macht die Menschheit so weiter, benötigen wir bis zum Jahr 2030 zwei Planeten, um unseren Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken. Bis zum Jahr 2050 wären es knapp drei. In dem am Montag in Berlin vorgestellten »Living Planet Report 2012«, einer im Zweijahrestakt erscheinenden Studie zum Zustand der natürlichen Umwelt, zeigt der WWF, wie der Mensch Tiere und Pflanzen immer mehr verdrängt.

Für den Bericht hat sich der WWF mit Wissenschaftlern auf zwei möglichst gut erfassbare Größen geeinigt: die Veränderungen der Biodiversität und den sogenannten Ökologischen Fußabdruck. Die biologische Vielfalt spiegelt sich im »Living Planet Index« - den Bestandsänderungen von 9000 Populationen von knapp 2700 Arten von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen in aller Welt. Der Ökologische Fußabdruck wiederum bemisst sich am Flächenverbrauch für die Produktion von Lebensmittel, Gebrauchsgütern und für die Bindung der dabei entstehenden Treibhausgase.

Der »Living Planet Index« belegt zweierlei, wie Eberhard Brandes, Vorstand von WWF Deutschland, bei der Vorstellung des Reports erläuterte. Zwar gebe es weltweit seit 1970 einen Rückgang der Artenvielfalt um 30 Prozent, in tropischen Regionen durchschnittlich sogar um 60 Prozent. Dagegen steigt der Index in den Ländern der gemäßigten Zone, in der Regel entwickelte Industrieländer. »Umkehr ist also möglich - die Umweltschutzbemühungen zeigen hier Wirkung«, so Brandes. Allerdings seien das zugleich auch die Länder, wo ein Großteil der ursprünglichen Artenvielfalt bereits Jahrhunderte zuvor dezimiert worden war. Die Stabilisierung finde also auf einem niedrigen Ausgangsniveau statt.

Die Gründe für den Artenschwund finden sich in der Entwicklung des Ökologischen Fußabdrucks. Der hat sich seit 1966 verdoppelt und wächst weiter. Er beträgt heute 18 Milliarden globale Hektar oder 2,7 globale Hektar (gha) pro Person. Die Kapazität unserer Erde erreicht aber gerade mal 12 Milliarden gha. Wir verbrauchen derzeit also bereits 1,5-mal so viel natürliche Ressourcen wie sich jährlich erneuern. Das ist vor allem den hohen CO2-Emissionen geschuldet. Die steuern bereits 55 Prozent zum »Fußabdruck« bei. Die zehn Länder mit dem größten Ökologischen Fußabdruck pro Kopf sind Katar, Kuwait, die Vereinten Arabischen Emirate, Dänemark, die USA, Belgien, Australien, Kanada, die Niederlande und Irland. Deutschland liegt auf Platz 30.

Auf die Frage, was der WWF von »Rio+20« erwartet, zeigte sich Brandes skeptisch. Schon der faktische Abholzungsfreibrief des neuen Waldgesetzes im Gastgeberland Brasilien gebe ein denkbar schlechtes Beispiel. Nötig wäre, die Sozial- und Umweltkosten bei jedem Produkt in den Preis zu integrieren und alle umweltschädlichen Subventionen abzuschaffen. Der Einzelne könne zudem Energie sparen und überwiegend regionale und saisonale Produkte kaufen.