Von Gunnar Decker
16.05.2012

Magie der Verwandlung

Kunst des Aufhörens? Das letzte »Philosophische Quartett« im ZDF

In dieser letzten Sendung des »Philosophischen Quartetts« ist nur noch ein Trio anwesend. Rüdiger Safranski hat schon vor der letzten Sendung aufgehört. Auch das gehört zur Kunst des Aufhörens: Dinge, die unangenehm zu werden versprechen, schneller als allgemein erwartet zu beenden. Safranski habe Stimmprobleme, moderiert Peter Sloterdijk - ihm hier und jetzt gute Besserung zu wünschen, sei allerdings nicht möglich, da er gar keinen Fernseher besitze.

Hinter den Stimmproblemen Safranskis verbergen sich gewiss auch Stimmungsprobleme. Kein Wunder nach solch unerwartet-plötzlicher - und durchaus unkultiviert zu nennender - Absetzung einer Sendung, in der öffentliches Nachdenken über die Zeit kultiviert wurde. Das »Philosophische Quartett« lief in über zehn Jahren 63 mal, mit über hundert Gästen. Wer also beherrscht sie noch, die Kunst des Aufhörens? Die wichtigen Institutionen dieses Landes (die Fernsehanstalten gehören dazu) anscheinend nicht mehr. Man hat sich daran gewöhnt, statt Altgewordenes in Würde zu verabschieden, Ungewolltes in sachlicher Kühle auszurangieren, abzuschieben, still und ohne jedes Ritual zu verschrotten. Ein Effekt unserer permanent optimierten Verwertungsgesellschaft, wo man nicht mehr altert, sondern buchstäblich plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Eine Würde des langsamen Aufhörens gibt es nicht mehr. Das erinnert an absolutistische Gesellschaftsszenarien, wo man Widersacher schnell und gewaltsam beseitigte, bevor sie einen selbst beseitigen konnten.

Dieses »Philosophische Quartett« war ein Exot im televisionären Einheitsbrei, ein Bollwerk des intelligenten Eigensinns, wenn auch zu nächtlicher Stunde, die nicht gering zu schätzen eine Botschaft war, die Sloterdijk und Safranski zu verbreiten wussten. Nun also zum letzten Mal zum Thema »Die Kunst des Aufhörens«. Das Thema der ersten Sendung war »Angst« und die Gäste damals hießen Reinhold Messner und Friedrich Schorlemmer. Die elementaren Fragen unserer fragilen Kultur waren der rote Faden alle dieser Sendungen - nie abstrakt, nie glatt auf Zeitgeistkurs, nie akademisch, nie parteigeistig auf Meinungsmache zielend - Rechthaben war hier ebenso wenig das Ziel wie die Pflege intellektueller Eitelkeiten.

Das Anfangen und das Aufhören gehört zum Werden des Einzelnen wie ganzer Kulturen zweifellos dazu, es ist etwas, das es zu lernen gilt. Die Thematik dieser Sendung ließe sich darum auch in Hermann Hesses Gedicht »Stufen« fassen, in dem es nicht nur die allzu bekannten Zeilen gibt: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, sondern auch diese: »Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesund!« Damit Zukunft werden kann, muss Gegenwart enden.

Doch wie, das ist die Frage, die Sloterdijk nun seinen Gästen Martin Walser und dem Verleger des Hanser Verlags und Suhrkamp-Autor Michael Krüger stellt. Martin Walser, allzeit fingerzeigend auf einen Optimismus programmiert, für den Nietzsche allerdings das Wort ruchlos fand, plädierte dafür, mit der Sendung zu einem anderen Sender zu gehen, RTL etwa - Thomas Gottschalk und Harald Schmidt machten das doch vor. Peter Sloterdijks Miene ist bei diesen Worten tatsächlich die eines Philosophen der stoischen Schule. So vieles hat er sich in diesen zehn Jahren sagen lassen müssen, um ab und zu selber etwas sagen zu dürfen - und nun das!

Es gibt eine Gnade des Aufhörens, das ist inmitten Walsers wohlgelaunt und altherrenhaft sich breitmachenden Rede gewiss. Gottfried Benn schrieb für Paul Hindemiths Oratorium »Das Unaufhörliche« den Text, der wie ein Fluch der Moderne klingt: nicht enden zu können, eine ewige Wiederkehr des Gleichen durchleiden zu müssen. Ach würde es doch einmal aufhören, stöhnt doch jetzt schon jeder sich in der Raum-und-Zeitlosigkeit des Internets Verlierende, wo man zwischen Tod und Leben nicht mehr unterscheiden kann. Michael Krüger über eine verloren gegangene Kunst des Aufhörens: Ein Pianist gibt nach seinem begeistert aufgenommenen Konzert eine Zugabe nach der anderen, nach der achten blickt er auf - der Saal ist leer.

Sloterdijk kann das kaum auf sich beziehen, denn das Ende der Sendung ist gekommen wie ein moderner Unfall: zur Unzeit und unangekündigt. Jedoch: »Ich gehöre nicht zu denen, die erst aus dem Fernsehen erfahren, dass sie existieren.«

Der elegische Abschiedston stellt sich nicht recht ein in dieser Sendung, vielleicht auch weil Walser immer von neuem laut überlegt, auf welchem Sender die Sendung wohl fortgesetzt werden könnte, was gar nicht zur Debatte steht. Nein, das Aufhören ist nur in seiner einsamen Höhe eine Kunst, ansonsten etwas, das einem zustößt und das man aushalten muss, ohne allzu sehr die Fassung zu verlieren. Sloterdijk bewahrt sie, ohne Zweifel, denn wer sein Leben ändern will, wie es uns Rilke in seinem Gedicht »Archaischer Torso Apollons« - und Sloterdijk mit dem Titel seines letzten Buchs - aufgibt, der muss immer erst einmal etwas beenden, um etwas Neues anfangen zu können.

Im besten Falle ist das dann eine Metamorphose wie von Goethe beschrieben, im schlimmsten Falle, so Michael Krüger, hat es etwas mit erzwungenem Abbruch von Tradition und mit schwarzer Melancholie zu tun. Aber wenn Sloterdijk und Safranski nun kein Fernsehen mehr machen, dann verkaufen sie zwar einerseits weniger von ihren Büchern, haben aber andererseits mehr Zeit, welche zu schreiben. Von solcherart Dialektik hat das Leben einiges zu bieten und am Ende ist jeder öffentliche Denker doch auch ein Privatmensch, der sich nie nur mitteilt, sondern im Mitgeteilten auch wieder verbirgt. Der Mensch im Labyrinth des Humanen gefangen, muss immer wieder einen Anfang machen - den Ausgang wird er doch nicht finden. So bleibt zu hoffen.