Von Martin Hofstetter
18.05.2012

Biosprit schadet nur

Brüsseler Spitzen

e044b0c582f9074c2076e863b3d870f1.jpg
Der Autor ist Agrarwissenschaftler und Experte für Landwirtschaft bei Greenpeace.

Die zunehmende Erzeugung von Agrarsprit aus öl- und zuckerhaltigen Ackerpflanzen verknappt das weltweite Angebot an Lebensmitteln, lässt die Nahrungsmittelpreise steigen und ist letztendlich Mitauslöser für Hunger in der Welt. So weit, so schlecht. Dass aber Agrosprit auch ungeeignet ist, einen Beitrag zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu leisten, ist eine relativ neue Erkenntnis.

Dabei ist der Zusammenhang klar: Immer mehr Ackerflächen werden mit Pflanzen für die Kraftstoffproduktion bestellt. Da aber weltweit die Nachfrage nach Lebensmitteln nicht sinkt, sondern ebenfalls steigt, werden alle produktiven Böden bis an ihre Grenzen genutzt. Flächenstilllegungen sind passé, stattdessen werden Urwälder zu Äckern gemacht. Das aber schädigt das Klima massiv.

Nun gilt in der EU die Vorgabe, dass Agrosprit über seinen gesamten Lebenszyklus, also vom Anbau über die Verarbeitung bis zur Zapfsäule, mindestens 35 Prozent weniger CO2 freisetzen darf als herkömmlicher Kraftstoff. Zusätzlich ist festgeschrieben, dass der Anbau nicht auf frisch gerodeten Urwaldflächen und entwässerten Torfmooren erfolgen darf. Doch wirkt dieses Verbot kaum. Denn Landwirte roden weiter Regenwald, produzieren dort Futter- und Nahrungsmittel und säen die Agrospritpflanzen auf ihren bisherigen Ackerflächen.

Berücksichtigt man diese indirekten Landnutzungsänderungen, ist die Klimabilanz vieler Agrotreibstoffe laut einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studie verhagelt. Demnach belasten herkömmliche Kraftstoffe aus Erdöl das Klima mit 87,5 Gramm CO2 je Megajoule. Diesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl haben einen deutlich höheren Wert, teilweise über 100 Gramm.

Ein Ende der Nutzung von Rapsöl für Treibstoffe ist daher im Gespräch, doch das ruft hierzulande vor allem die Rapsölerzeuger auf den Plan. In Deutschland werden knapp eine Million Hektar Energieraps angebaut und von den Ölmühlen zu Sprit gemacht. Ein Verbot der Rapsverwendung würde die Gewinne von Rapsbauern und Verarbeitern deutlich schmälern. Der Deutsche Bauernverband und die Agrartreibstoffhersteller versuchen daher alles, um die Neuberechnung der Kraftstoffe zu verhindern. Ursprünglich hatte die EU-Kommission geplant, spätestens in diesem Frühjahr konkrete Vorschläge zu machen, wie die realen Klimabilanzen in den Richtlinien berücksichtigt werden können. Doch daraus wird wohl nichts. EU-Kommissar Günther Oettinger erweist sich als Erfüllungsgehilfe der deutschen Agrarindustrie und hat vor wenigen Tagen alle Vorschläge der für Klimapolitik verantwortlichen EU-Kommissarin Connie Hedegaard abgeschmettert.

Dabei sind beim Thema Agrosprit eigentlich dringend Konsequenzen geboten. Erstens: Es macht ökologisch keinen Sinn, klimaschädlichen Agrosprit als Kraftstoff bei Pkws einzusetzen. Um Treibhausgase im Pkw-Bereich einzusparen, müssten die Autobauer vielmehr in die Pflicht genommen werden, den Spritverbrauch ihrer Neuwagen drastisch zu senken sowie Solarautos günstig anzubieten.

Zweitens: Zur Erfüllung der gesetzlich vorgegebenen Beimischungsquoten werden Soja- und Palmöl in die EU importiert. Die heimische Ölerzeugung reicht bereits heute nicht aus, um die Mengenvorgaben zu erfüllen. Die vorgegebenen Biokraftstoffquoten sollten daher dringend abgeschafft werden.

Drittens: Nur wenn alle Ackerpflanzen - unabhängig ihrer Verwendung als Futter-, Lebensmittel oder Kraftstoff - gleichermaßen strengen Nachhaltigkeitskriterien unterliegen, können die negativen Effekte eingedämmt werden. Die EU-Kommission muss hierfür dringend Vorschläge machen.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken