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Prof. Dr. Ulrich Sedlag, Zoologe
19.05.2012

Waghalsige Hasensprünge auf dem Balkon

FINDELTIERE: Lepi trank aus der Flasche und wohnte bei einer Meerschweinchenwitwe

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Bei einem gärtnerischen Arbeitseinsatz hörten es die Klassenkameraden Achims im Gras fiepen, und im nächsten Augenblick flüchtete ein Hase. Zurück blieb ein Hasensäugling, den die Jungen nicht nur betrachteten, sondern auch anfassten. Eine Abdeckung mit Gras war am nächsten Morgen unberührt, das heißt das nächtliche Säugen, meist das einzige in 24 Stunden, war ausgeblieben. Achim nahm daher das offensichtlich verlassene Häschen mit. Wir waren nicht gerade erfreut über die Bereicherung unserer Wohnungsfauna, zumal die Aufzucht von Hasen als schwierig gilt. Aber Achim gelobte, sich voll und ganz darum zu kümmern und nannte seinen Pflegling vom lateinischen Namen Lepus abgeleitet, Lepi.

Zunächst war es schwer, ihn an eine Flasche zu gewöhnen (die er später selbst noch als Erwachsener trank). Schon früh gab es Unterschiede im Verhalten gegenüber Achim und den anderen Familienangehörigen, die noch längere Zeit angefaucht wurden. Beim Heranwachsen wurde Lepis Nachtaktivität zum Problem, denn er hatte keine Hemmungen, auf Achim herumzuspringen, wenn dieser zu schlafen versuchte. Sperrte man ihn weg, gab er, an die Tür trommelnd, keine Ruhe.

Den Tag durfte er schließlich im ziemlich großen Gehege eines verwitweten Meerschweinchens auf der Loggia verbringen. Obwohl Hasen Einzelgänger sind, vertrug er sich mit diesem gut, manchmal wärmten die beiden sogar einander. Es dauerte aber nicht lange, bis Lepi das etwa 60 Zentimeter hohe Gitter übersprang und sich frei in der Loggia tummelte. Und dann sprang er sogar auf deren Brüstung, die zur Straße hin ungesichert war. Sie war Standort von drei Blumenkästen, zwischen denen Hund und Katze zu ruhen pflegten.

Eines Tages erschreckte die heimkehrende Hauswirtin schon von weitem eine Ansammlung nach oben blickender Menschen vor ihrem Haus. Es brannte aber nicht etwa, sondern der nun schon ausgewachsene Hase sprang immer wieder von einem der äußeren Blumenkästen zum anderen. Erstaunlich, dass er den zwei Stockwerke tiefen Abgrund respektierte.

Um Lepis Tagesablauf zu bereichern, kam Achim auf die verrückte Idee, mit ihm spazieren zu gehen. Gegen Halsband und Leine hatte dieser zunächst nichts einzuwenden. Aber beim ersten Schrecken, zu dem es infolge des ungewöhnlich weiten Gesichtsfeldes eines Hasen schnell kam, geriet er so in Panik, dass man befürchten musste, er würde sich wild umherspringend mit der Leine erdrosseln.

Lepi wurde nicht stubenrein und auch sonst blieb seine Haltung problematisch. Als der Umzug von Dresden nach Eberswalde nahte, sprach ich ungeachtet Achims Protest ein Machtwort, und wir setzten Lepi an einer weitab vom nächsten Gehöft und einer Straße gelegenen Stelle aus, an der es Gras, Klee und andere Hasen gab. Er war zunächst mit Schnuppern beschäftigt, kehrte aber auf Rufen zu uns zurück. Leider blieb uns keine Zeit mehr, um in den nächsten Tagen noch einmal nach ihm zu sehen.

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